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Der stille Held aus dem Waschsalon

Fünfmal war in Michael Baumanns Läden eingebrochen worden. Beim sechsten Mal rannte er dem Täter hinterher.

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© Norbert Millauer

Von Anna Hoben

Der Waschsalon ist ein Ort mit vielen Gesichtern. Er ist ein mysteriöser Ort, an dem sich – Phänomen Waschmaschine – täglich Dutzende Socken scheinbar in Luft auflösen. Er ist trotz seiner neonbeleuchteten Alltäglichkeit ein romantischer Ort zum Flirten. Und er ist offenbar ein Sehnsuchtsort von Dieben, die dort das große, schnelle Bargeld vermuten.

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Letzteres hat in den vergangenen Wochen Michael Baumann zu spüren bekommen. Der 44-Jährige betreibt in Dresden vier Waschsalons: zwei in der Neustadt, einen in Striesen und einen in Löbtau. Am 14. Oktober ging es los: Einbruch Nummer eins, ein Salon in Striesen. In den darauffolgenden zwei Wochen entwickelte sich daraus eine Serie. Neunmal wurde ein Waschsalon zum Ziel von Einbrechern, oftmals am helllichten Tag, manchmal auch nachts. Fünfmal traf es Baumanns Salons, 1 300 Euro erbeuteten die Diebe bei ihm insgesamt – bevor er der Sache vergangenen Mittwoch ein Ende machte. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass der Hauptverdächtige, ein 31-jähriger Dresdner, gefasst werden konnte. Er hat ein Teilgeständnis abgelegt und sitzt inzwischen in Haft. Für seine Hilfe hat die Polizei Michael Baumann gestern gedankt, mit einem Blumenstrauß und dem Angebot, die Arbeit der Polizei näher kennenzulernen: als deren Spezialgast beim DFB-Pokalspiel Dynamo gegen Borussia Dortmund am 3. März nächsten Jahres in Dresden.

Baumann ist nicht der Mann für große öffentliche Auftritte. Das sagt er, und das merkt man ihm an bei der Ehrung im Polizeipräsidium. Niemals würde er sich etwas darauf einbilden, dass er den Einbrecher
20 Minuten durch die Neustadt gejagt hat, so lange, bis der nicht mehr konnte und erschöpft an einer Straßenbahnhaltestelle kapitulierte. „Achtsamkeit und Verantwortung“, sagt Michael Baumann, „das ist für mich eine Selbstverständlichkeit“.

Gegen drei Uhr nachmittags beobachtet er an jenem Mittwoch in seinem Waschladen Biela auf dem Bischofsweg, wie ein Mann zielstrebig nach hinten steuert. Kurz darauf hört er ein Wummern: Der Unbekannte macht sich an der Tür zum Automatenraum zu schaffen. Als Baumann ihn anspricht, ergreift er die Flucht.

Der Unternehmer denkt nicht lange nach, er rennt einfach hinterher: Richtung Königsbrücker Straße, wo der Einbrecher mehrfach die Straßenseite wechselt. Weiter über die Jordanstraße, die Förstereistraße, in die Louisenstraße und erneut zur Königsbrücker Straße. Baumann macht seit Jahrzehnten Karate, seine Kondition ist gut. „Unterwegs habe ich ihn psychologisch in die Enge gedrängt“, sagt er. „Ich kriege dich! Du kommst mir nicht davon! Brauchst gar nicht weiterzurennen!“

Das zeigt Wirkung: An der Straßenbahnhaltestelle Louisenstraße fordert Baumann den Flüchtigen auf, sich zu setzen – der Mann gehorcht. Während der Verfolgungsjagd hatte Baumann an die Ladentür eines Bekannten geklopft, der kam ihm zu Hilfe und rief die Polizei. Anders als viele Passanten, die gar nicht reagierten. „Ich bin bestimmt an 40 Leuten vorbeigerannt“, erinnert sich der Dresdner. Doch keiner habe auch nur das Handy in die Hand genommen, um die 110 zu wählen. Als der Notruf schließlich abgesetzt war, dauerte es keine zehn Minuten, bis die Polizei da war.

Der mutmaßliche Täter ist laut Jürgen Leistner, dem Leiter des Kommissariats Einbruch, polizeilich bekannt. „Wir gehen davon aus, dass Beschaffungskriminalität eine Rolle spielt“, sagt er. Die Ermittlungen dauern an, insbesondere die zu möglichen Komplizen. Denn am Sonnabend hat es einen erneuten Einbruch in einen Waschsalon auf der Bünaustraße in Löbtau gegeben. Wieder traf es ein Geschäft von Michael Baumann. Der war dieses Mal nicht zur Stelle, um den Täter zu fassen. Dafür fiel dessen Beute mickrig aus: Gerade mal 50 Euro haben die Automaten hergegeben.