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Der Striezelmarkt wird amerikanisch

Eine Grußbotschaft ist erst der Anfang. In Washington soll es bald einen echten Dresdner Weihnachtsmarkt geben.

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© J. Schmitz

Von Jens Schmitz, SZ-Korrespondent in den USA

Der Übergang zwischen Parkgarage und Fast-Food-Halle im Einkaufscenter Tyson’s Corner ist eine freudlose Schlucht. Doch an diesem Tag haben weder Abgase noch die Dünste der Schnellbräter eine Chance: Drei Tage lang duftet es an der Nordfront der noblen Shoppinggallerie in der Nähe von Washington D.C. nach Apfelstrudel, karamellisierten Zwiebeln und Weihnachtsbier. Und daran sind die Dresdner schuld.

Ungewöhnlich: Kunden begutachten das Angebot am Stand von Amano artisans. Der Betrieb verkauft handgefertigten kolumbianischen Schmuck. Aus Dresdner Sicht nicht ganz stilecht für einen deutschen Weihnachtsmarkt.
Ungewöhnlich: Kunden begutachten das Angebot am Stand von Amano artisans. Der Betrieb verkauft handgefertigten kolumbianischen Schmuck. Aus Dresdner Sicht nicht ganz stilecht für einen deutschen Weihnachtsmarkt. © J. Schmitz
Ausbaufähig: Das, was an Flair noch fehlt, schaffen im kommenden Jahr vielleicht die Dresdner Händler. Jetzt schlängelt sich der erste deutsche Weihnachtsmarkt in Washington noch in einer schmucklosen Schlucht zwischen Parkhaus und Einkaufscenter entlang.
Ausbaufähig: Das, was an Flair noch fehlt, schaffen im kommenden Jahr vielleicht die Dresdner Händler. Jetzt schlängelt sich der erste deutsche Weihnachtsmarkt in Washington noch in einer schmucklosen Schlucht zwischen Parkhaus und Einkaufscenter entlang. © J. Schmitz

Zwischen 30 tannengeschmückten Zelten grüßen in den USA riesige Nussknacker die Besucher eines deutschen Adventsmarkts, der schon bald zu den großen in Chicago und Philadelphia aufschließen will. Händler aus Europa sind bei der Pionierveranstaltung nicht zu sehen, aber auch das soll sich ändern. Die Organisatoren des Einkaufszentrums haben prominente Partner: die Deutsche Botschaft und die Stadt Dresden. Denn wer, wenn nicht die Dresdner, wissen, wie ein echter deutscher Weihnachtsmarkt auszusehen hat.

Derzeit ist Arnim von Friedeberg noch allein, was importierte Leckereien angeht. Der 55-Jährige berät mit seiner Firma thetasteofgermany.com die Hersteller hochwertiger deutscher Lebensmittel bei der Öffentlichkeitsarbeit in den USA. „Ich arbeite mit sämtlichen großen Importeuren zusammen“, sagt der Exil-Deutsche. Von Friedeberg und sein amerikanischer Gehilfe Carl Anderson sind in ihrem Stand umgeben von Lebkuchen und Schoko-Weihnachtsmännern; selbst unbekannte Produkte wie Baumkuchen oder Eisweinschokolade finden reißenden Absatz. Dazu bieten sie Glühwein nach eigener Rezeptur – wenn auch alkoholfrei. Zum Alkoholverkauf benötigt man in den USA eine Lizenz, die nur der Bierstand ein paar Zelte weiter schon mitbringt. Neben dem Glühweinbehälter bräunen Laugenbrezeln im Warmhalteschrank vor sich hin, ein Glas Hengstenberg-Senf steht auch bereit.

Tyson’s Corner liegt etwa 40 Autominuten von Washington entfernt. Von Friedeberg ist mit dem Andrang hoch zufrieden. „Es gibt hier so viele Menschen, die deutsche Vorfahren haben. Sehr viele pflegen gute Beziehungen zu Deutschland und vor allem zu deutschem Essen.“ Kollege Anderson hat ein Jahr in Freiburg studiert. Und auch unter den Besuchern gibt es kaum jemanden, der nicht wenigstens ein paar Brocken Deutsch könnte.

Will Houston ist zusammen mit seiner Frau Elisabeth und den beiden Töchtern aus Maryland nach Virginia gefahren, ausdrücklich des Weihnachtsmarktes wegen. Das will etwas heißen, denn Tyson’s Corner lockt mit mehr als 300 Geschäften. Der Amerikaner arbeitet bei Google, seine Frau stammt aus Augsburg. „Ich liebe Deutschland“, schwärmt er über einer Schale Knoblauch-Pommes. „Es ist ja toll, dass es so etwas hier gibt.“

Die Houstons haben ein Au pair aus Stuttgart dabei, die 20-jährige Larissa Guilliard. Guilliard liebt vor allem den Weihnachtsmarkt in Ludwigsburg, im Vergleich findet sie die Beleuchtung hier etwas mickrig. Ihre Gastmutter würde das Warenangebot ausbauen, wenn sie etwas verbessern sollte: „Krippenfiguren und Weihnachtskerzen habe ich noch nicht gesehen.“

Eine Riesenpyramide für die USA

Tatsächlich hat das Angebot der meisten Händler mit deutschen Weihnachten wenig zu tun: Es gibt kolumbianischen Schmuck, Inka-Kleidung und historische Landkarten aus den USA. Nur der Förderverein der Deutschen Schule in Washington hat über befreundete Spediteure Herrnhuter Sterne, Schwibbögen, Weihnachtsbaumanhänger, Räuchermännchen und Spieluhren importiert. „Wir hatten weit mehr Umsatz als geplant“, sagt Präsidentin Dagmar Tawil. „Und nächstes Jahr wird das noch ganz anders.“

Das Einkaufszentrum wird derzeit erweitert und soll 2014 über einen prominenten Platz mit U-Bahn-Anschluss verfügen, auf dem bis zu 90 Händler unterkommen. Bislang war von der Kooperation mit Dresden noch nicht viel zu spüren: Die Stände haben kleine Schildchen, auf denen darauf verwiesen wird, eine Vertreterin der Dresden Marketing GmbH hat zur Eröffnung eine Videobotschaft übersandt. Bei der Eröffnung des Original-Striezelmarktes hatte Oberbürgermeisterin Helma Orosz dessen Strahlkraft in die US-Kapitale zwar werbekräftig vermarktet: „Wir sind als Veranstalter mit dabei“, hatte sie ihren stolzen Mitbürgern verkündet. Später ruderte die Stadtverwaltung aber zurück: Die Deutsche Botschaft unterstütze den Veranstalter, und dieses Vorhaben begleite man, stellte ein Pressesprecher richtig.

So soll der deutsche Einfluss künftig stark ausgebaut werden: Im Management der Mall werden Pläne geschmiedet, Dresdner Händler in echten Holzbuden zu präsentieren, es ist von einer Replika der Pyramide des Striezelmarktes die Rede und von Projektionen der Fachwerkfassaden auf die Fronten von Tyson’s Corner. Für Dresden ist das gute Werbung, ebenso wie der Modekatalog, den die Nobel-Mallan der Elbe fotografiert hat. Inzwischen ist als Co-Sponsor auch die Lufthansa mit an Bord.

In Virginia stört sich deshalb niemand an den Einschränkungen der Premiere. Die 59-jährige Karin Hinkel ist mit ihren selbs gestrickten Mützen eigens aus Tennessee angereist. „Ich komme nächstes Jahr wieder, der Markt war ja noch nicht sehr bekannt“, sagt sie. Dass es einen Deutschland-Bezug gibt, hat sie aber erst erfahren, als sie am Freitag angekommen ist.