merken

Der Tag, als der NSU aufflog

Vor genau fünf Jahren brannte ein Wohnmobil in Eisenach. Der Beginn einer Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist.

© dpa

Von Christoph Lemmer, München

TOP Reisen

Auf sächsische.de finden Sie die schönsten Reisen in die Welt. Freuen Sie sich auf Ihren nächsten Urlaub!

Es ist eine Schockwelle, die Anfang November 2011 durch Deutschland geht. Bis dahin gab es nur ein paar linke Antifa-Aktivisten, die beständig über „Neonazi-Terror“ sprachen, und es gab die große Mehrheit, die das für maßlos übertrieben hielt. Aber dann liegen am 4. November 2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit zerschossenen Schädeln in einem Wohnmobil in Eisenach. In Zwickau fliegt ein Wohnhaus in die Luft, drei Tage später stellt sich Beate Zschäpe der Polizei. Die Lawine an Erkenntnis, die losbricht, ist so gewaltig, dass sie sogar die überrollt, die Neonazis eh alles zugetraut hatten.

Fast 14 Jahre Leben im Untergrund; neun türkisch- oder griechischstämmige Gewerbetreibende in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel erschossen, Motiv Fremdenhass; eine Polizistin in Heilbronn ermordet, Motiv: Hass auf den Staat; zwei Sprengstoffanschläge mit Dutzenden Verletzten in Köln; 15 Banken ausgeraubt. Nein, teilen die staatlichen Stellen am 5. November 2011 mit, niemand habe eine Ahnung von einer Terrororganisation dieses Kalibers gehabt.

Einer von denen, deren Telefone an diesem Tag unaufhörlich schellen, ist Oliver Platzer, damals wie heute Pressesprecher des bayerischen Innenministeriums. „Es gab ja auch die These, dass das drei durchgeknallte Typen sind, die Morde begehen“, sagt er fünf Jahre später. „Aus niederen Instinkten und ohne ideologisches Ziel.“ Dabei sei man davon ausgegangen, „dass man ein solches ideologisches Ziel ja nur verfolgen kann, wenn man das auch öffentlich macht und Anhänger gewinnt, und das haben die nicht“.

Doch bald taucht damals das zynische Bekennervideo auf. Die rassistische Musikszene um den NSU wird bekannt, oder die federführend von Mundlos betriebene kultische Verehrung des „Führer-Stellvertreters“ Rudolf Heß. Mit den drei Buchstaben N, S und U assoziiert nun kaum mehr jemand eine frühere Auto- und Motorradmarke, sondern jedermann das Neonazi-Trio und die Konterfeis von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt.

Auch die Strafverfolger schalten um. Die bisherigen Verdächtigen der Ceska-Morde waren vor allem türkischer Herkunft. Jetzt übernimmt die Bundesanwaltschaft die Fälle und konzentriert sich allein auf politisch motivierte, rechtsradikale Hintergründe – endlich, denken viele Opfer. In den Wochen nach dem 5. November 2011 gibt es viele Durchsuchungen, Vernehmungen und Festnahmen in der Neonazi-Szene.

In den Monaten danach erscheinen die ersten Bücher über den NSU. Ein Jahr nach dem Auffliegen der Gruppe ist die Anklage gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des Trios fertig. Anklage wie Bücher entstehen unter großem Zeitdruck – die Bücher wegen der Konkurrenz unter den Autoren, die Anklage wegen der Mahnung des Bundesgerichtshofs, die U-Haft für Zschäpe dürfe ohne handfeste Gründe nicht ewig fortdauern.

Nur noch wenig Interesse

Als der NSU-Prozess in München beginnen soll, ist der Medienandrang so gewaltig, dass das Gericht die Zuteilung der Presseplätze wiederholen muss, auf Anweisung des Bundesverfassungsgerichts. Derartiges hatte es noch nie gegeben. Im Mai 2013 geht es endlich los. Nach wenigen Monaten kehrt so etwas wie Routine ein. Im Prozess werden immer öfter feinsinnige juristische Details diskutiert, die mit der Mordserie des NSU manchmal nur abstrakt zu tun haben. Die Reporterschar schrumpft zu einem harten Kern.

Es gibt auch immer weniger Leser für die dennoch immer zahlreicheren NSU-Berichte, auch aus den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Die Klickzahlen von NSU-Artikeln in den Internetportalen sinken – außer, es steht etwas Besonderes an: Neonazi-Anführer Tino Brandt im Zeugenstand, vermummte Geheimdienstler und skandalumwitterte V-Leute, Zschäpes Streit mit ihren Anwälten, Zschäpes Entschluss, ihr Schweigen zu brechen.

Ein solcher Moment war zuletzt auch der angebliche Fund von DNA Uwe Böhnhardts bei den sterblichen Überresten der im Jahr 2001 verschwundenen Peggy. Ob Böhnhardt, der NSU oder sein Umfeld etwas mit Peggys Verschwinden zu tun hatten, ist zwar völlig offen, aber das Interesse ist wieder groß.

Offen ist aber fünf Jahre nach dem Auffliegen des NSU auch, was aus diesem Komplex tatsächlich aufgeklärt werden wird und welche Fragen unbeantwortet bleiben. Das ist vor allem für die Angehörigen der Mordopfer schmerzlich. Warum musste mein Mann oder mein Sohn sterben? Warum gingen die Ermittlungen so lange in eine falsche Richtung? Warum wurden jahrelang eher Angehörige verdächtigt?

Viele dieser Fragen könnten vielleicht für immer unbeantwortet bleiben. Nur auf eines wird es sicher eine Antwort geben: Wie das Gericht die angeklagte Mittäterschaft Zschäpes bewertet und welche Strafe sie dafür bekommt. Bis dahin dürften vielleicht noch einige Monate vergehen, nicht mehr aber mehrere Jahre. (dpa)