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Der Teufel steckt im Detail

Dietrich „Didi“ Senft aus Storkow lebt seinen Spleen: Der fahrradverrückte Schlosser schafft Großes zum Strampeln.

Von Stefan Becker

Der Weltmeister heißt Polen. Allerdings nicht im Fußball, da sind die östlichen Nachbarn diesmal gar nicht mit von den Partien in Brasilien. Das streng katholische Land gilt als Champion in der Kategorie monumentaler Christusfiguren: Der betonierte Heiland auf einem Hügel beim Örtchen Swiebodzin (Schwiebus) ragt ziemlich genau 36 Meter in die Höhe. Dieser Weltrekord war jüngst Anlass für einen anderen Weltmeister, dem Bauwerk seine zweirädrige Referenz zu erweisen.

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Polen, Österreich – Didi Senft ballert sich radelnd durch Europa. Oder umgekehrt.
Polen, Österreich – Didi Senft ballert sich radelnd durch Europa. Oder umgekehrt.

Der Brandenburger Fahrrad-Künstler Dietrich „Didi“ Senft strampelte mit seinem neusten WM-Bike namens „Brasil“ zu der Pilgerstätte. Für ein historisches Treffen brachte er seinen eigenen Jesus mit. Symbolisch, sozusagen, für seine Kreation hatte er das Wahrzeichen von Rio de Janeiro auf die Spitze seines Rades geschweißt. Das Modell ist ebenso balla-balla wie sein größtes Dreirad der Welt, das auf Fußbällen rollt, oder sein Meisterwerk aus dem Jahre 1994: Zur Fußball-WM in den USA kullerte Senft mit dem größten Fahrrad der Welt durch Chicago - und wurde prompt verhaftet.

Vor zwanzig Jahren genossen Zweiräder ohne Motor in den USA einen UFO-ähnlichen Status, weil sich der normale Amerikaner naturgemäß in einem Automobil fortbewegte. Mittlerweile hat sich dieses Dogma in die ewigen Jagdgründe verabschiedet, besonders Metropolen und Universitäts-Städte bauen mehr Radwege und etablieren Verleihsysteme für Fahrräder. Alle zwei Jahre schliddert der Brandenburger in einen Interessens-Konflikt: Einerseits präsentiert er der Fußballwelt gerne seine verrückten Unikate, andererseits kollidieren die Termine der Turniere regelmäßig mit seiner größten Leidenschaft: „El Diabolo“ spielen auf der Tour de France.

Wenn man vom Teufel spricht, turnt der 62-Jährige im seidenen Kostüm an der Strecke herum, feuert die Pedal-Ritter an und macht den Helden der Landstraße wieder Beine, wenn diese schon lange ermüdet sind. Damit auch sein Kostüm die schweißtreibenden Auftritte übersteht, braucht Senft am Ende einer jeden Etappe eine Wasserstelle: „Beim Baden lasse ich das Kostüm gleich an, damit das ganze Salz des Tages ausgewaschen wird. Sonst wäre der Umhang im Laufe der Zeit steif und würde kaputt gehen. Die Seide trocknet dann schnell wieder am Körper.“ In seiner Jugend raste Senft als Aktiver von Radrennen zu Radrennen, sammelte Trophäen und Titel auf Bahn, Straße und im Gelände. Kurz träumte er von einer Karriere als Sportler, nur für den Sprung in die DDR-Spitze fehlte das letzte Quäntchen.

Doch einmal vom Virus des Radsports befallen, hat ihn dieser bis heute im Griff. Während die meisten Betroffenen ihre Pedal-Sucht mit täglichem Strampeln kontrollieren können, zeigen sich bei Senft viel stärkere Symptome.

Als gelernter Schlosser erkor er nach der Wende sein Handwerk zur Kunst und fertigt seitdem skulpturale Fahrradwerke. Weil sich die gerne großdimensionalen Objekte alle klassisch fahren lassen, landeten etliche als Superlative im Guinnessbuch. Damit sei jetzt Schluss, sagt Senft. Nicht seinetwegen: Jeder Antrag für einen Weltrekord müsse heute auf Englisch eingereicht werden – da gibt es ein Sprachproblem. Zudem müsse der Weg zum Weltrekord dokumentiert werden, am besten per Video. Die Regel beschert ihm ein Schöpfungsproblem. Senft präsentiert der Welt nur fertige Werke, schließlich steckt der Teufel im Detail. Bis es so weit ist, hämmert, schweißt und flext er in Klausur vor sich hin. Und zwar auf seiner russischen Feldschmiede in Storkow, wie er erzählt.

Von Oktober bis April, wenn sich das Wetter für Radler von seiner eher unwirtlichen Seite zeigt, sperrt sich Senft ein in seiner Museums-Schmiede. Dort malocht er auf Teufel komm heraus. Nur seine Frau Margitta bekommt ihn zu Gesicht, Freunde und Familie sowie Besucher der Ausstellung für zweirädrige Alukolosse. Wie es sich für einen renommierten Künstler gehört, arbeitet Senft längst international. Die kleine österreichische Gemeinde Radstadt nahe Salzburg besitzt einen Radgarten und dort gedeihen seine Werke. Die Freiluft-Galerie zeigt, was in Storkow keinen Platz mehr findet oder extra für das alpine Ambiente mit Stadtmauer und Bergen vom Meister konstruiert wurde.