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Der Unister-Krimi geht weiter

Im Fall des insolventen Leipziger Konzerns spielt eine illustre Senioren-Runde in Hannover eine wichtige Rolle. Mit Ruhestand hatte die nicht viel im Sinn.

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Von Ulrich Wolf

Sogar Unna bei Dortmund, dieses Städtchen, das Autofahrer meist nur vom gleichnamigen Autobahnkreuz kennen, spielt im Wirtschaftskrimi um den Leipziger Internetreisekonzern Unister eine Rolle. In Unna ist schon Ende Juli der Mann verhaftet worden, der jenen ominösen Investor am besten gekannt haben soll, auf den der bei einem Flugzeugunglück verstorbene Unister-Chef Thomas Wagner zuletzt all seine Hoffnungen gesetzt hatte: auf den angeblich milliardenschweren Diamantenhändler Levy Vass.

Der inzwischen verunglückte Unister-Chef Thomas Wagner hatte auf diese Altherren-Runde seine ganze Hoffnung gesetzt.
Der inzwischen verunglückte Unister-Chef Thomas Wagner hatte auf diese Altherren-Runde seine ganze Hoffnung gesetzt. © imago/Rust

Ohne Aussicht auf frisches Geld von Banken oder seriösen Investoren für seinen finanziell schwer angeschlagenen Reisekonzern flog der Leipziger Mitte Juli nach Venedig, wo er den Diamantenhändler treffen sollte. Der werde ihm 10 bis 15 Millionen Euro ausleihen, wenn der wiederum etwa 1,5 Millionen als Absicherung hinterlasse, hieß es. So war der Plan, der in der mittlerweile hinlänglich bekannten Katastrophe endete. Statt eines Kredits wurde Wagner Falschgeld angedreht. Auf dem Rückflug stürzte das gecharterte Kleinflugzeug über Slowenien ab, der erst 38 Jahre alte Unternehmer und drei weitere Menschen starben.

Der Mann aus Unna, der Levy Vass vermittelt haben soll, ist der wichtigste Zeuge der ermittelnden Generalstaatsanwaltschaft Sachsen. Wer ist dieser Mann?

Wilfried Schwätter

Wilfried Schwätter ist 68 Jahre alt. Er sollte mitverdienen an dem Geschäft, das Wagner in Venedig abwickeln wollte. Dem Handelsblatt zufolge existieren Mails, aus denen hervorgeht: Fünf Prozent der Kreditsumme sollten als Provision an ihn und zwei weitere Vermittler fließen. Dem Trio winkten demnach rund 750 000 Euro.

Die Masche, auf die Wagner in Venedig hereinfiel, ist in nahezu allen deutschen Landeskriminalämtern bekannt. Während die eigentlichen Täter meist der organisierten Kriminalität zuzurechnen sind, handelt es sich bei den Anbahnern des Betrugs oft um „verarmte Selbstständige, die in ihrer Not über kriminelle Auftraggeber hinwegsehen“.

Schwätter passt in dieses Schema. Ein mit ihm bekannter Unternehmensberater erzählt: „Herr Schwätter hatte sein Büro in Dortmund-Brechten, fuhr immer einen geleasten Porsche und machte einen jovialen Eindruck. Das mir zustehende Honorar habe ich allerdings bis heute nicht erhalten.“ Schwätter, sagt der Berater, habe stattdessen einen Offenbarungseid geleistet, „mein Vollstreckungstitel gegen ihn ist quasi wertlos“. Wirtschaftsauskunfteien registrieren bei Schwätter „schuldnerregisterliche Eintragungen“.

Ein ehemaliger Geschäftspartner Schwätters aus Süddeutschland berichtet: „Der hat mich schon 2008 betrogen, indem er uns eine bereits insolvente Firma verkaufte.“ Schwätter habe die Bilanzen gefälscht, sei sogar noch eine Zeit lang Geschäftsführer geblieben und habe sich dann mit einem geleasten Mercedes 500 aus dem Staub gemacht. Der Mann aus Unna landete in Essen, war dort ein halbes Jahr lang Vorstand einer inzwischen aufgelösten Vermögensverwaltungs-Gesellschaft. Danach verlieren sich seine Spuren weitgehend. Schwätters Frau sagt am Telefon nur: „Ich werde dazu gar nichts sagen. Ich möchte auch nicht, dass Sie hier noch einmal anrufen. Ist das klar?“ Von der sächsischen Generalstaatsanwaltschaft heißt es, Schwätter habe sich zwar geäußert, „seine Einlassungen stimmen jedoch zu einem großen Teil nicht mit dem Ergebnis der bisherigen Ermittlungen überein“.

Der Mann aus Unna hatte zwei weitere Helfer. Die drei empfingen Ende Juni im Hannoveraner Hotel Luisenhof zwei Emissäre von Wagner, um das vermeintliche Kreditgeschäft unter Dach und Fach zu bringen. Schwätter soll bei dem Treffen den Geldgeber als „zuverlässigen Israeli“ beschrieben haben, mit dem er schon seit 17 Jahren – also quasi seit seinem letzten Vorstandsjob in Essen – Geschäfte mache, ohne dass es je Ärger gegeben habe. So schreibt es der Spiegel unter Berufung auf einen Zeugen.

Heinz Beck

Bei dem Termin war ein weiterer älterer Herr dabei. Heinz Beck ist ein auf Leasing spezialisierter Finanzvermittler. Der 65-Jährige hatte das abgestürzte Flugzeug, eine Piper PA-32, gechartert und Wagner nach Venedig begleitet. Auch er starb bei dem Unglück. Beck lebte nach Recherchen der lokalen Presse zurückgezogen im Iserlohner Stadtteil Wermingsen in einer zu einem Appartmenthaus umgebauten, einstigen US-Kaserne. Seine in Dortmund ansässige Leasingfirma war im Februar pleitegegangen. Auch er passt in das Betrugsanbahner-Muster vom verarmten Selbstständigen, der in der Not über kriminelle Auftraggeber hinwegsieht. Umso erstaunlicher ist es, dass eine zweite Beck-Firma im Internet Immobilien anbietet wie etwa ein Luxushotel in Südafrika für 35 Millionen Euro oder 85 Hektar Bauland in Italien für 75 Millionen Euro.

Karsten-Dairek Keune

Beim Stichwort Immobilien kommt der dritte Herr der Seniorenrunde aus Hannover ins Spiel. Karsten-Dairek Keune lebt im niedersächsischen Einbeck. Der 67-Jährige gehört der Generalstaatsanwaltschaft zufolge ebenfalls zu den Beschuldigten und sei bereits vernommen worden. Keune war mit dem Auto nach Venedig gereist. Er ist der Einzige aus dem Seniorentrio, dessen Vita mit Leipzig – dem Firmensitz von Unister und Wohnort von Thomas Wagner – direkt zu verbinden ist. Keune war dort als Banker tätig und 2011 auch als Aufsichtsrat einer großen Immobilienholding tätig. Mit ihr ist Keune bis heute geschäftlich verbandelt. Die Holding wiederum hat vor einigen Jahren ein riesiges ehemaliges Kasernengelände bei Potsdam erworben, das zuvor einem 71 Jahre alten Ex-Notar in Hannover gehörte. Dieser sagt, er kenne Keune seit Jahrzehnten und habe ihn Ende Juni „lediglich am Rande des Gesprächs im Luisenhof getroffen“.

Wagners Emissäre in Hannover schien diese mehr oder minder honorige Senioren-Runde zu suspekt gewesen zu sein: Nach Informationen des Handelsblatts empfahlen sie Wagner, die Reise nach Venedig nicht anzutreten. Dass er es trotzdem tat, mag Ausdruck dafür sein, wie verzweifelt der Unternehmer gewesen sein muss. SZ-Informationen zufolge benötigte er das Geld, um die Reisesparte von Unister so zu sanieren, dass sie börsentauglich wurde. Die Leipziger Volkszeitung schreibt in diesem Zusammenhang vom „Projekt Epsilon“.

Levy Vass

Geldgeber dafür sollte also der ominöse Diamantenhändler sein, auf den Wagner letztendlich in Venedig hereinfiel. Levy Vass soll er heißen. Seine wahre Identität ist unklar. Angeblich hat er Wohnsitze in Italien und Slowenien. Dem Spiegel gelang es, eine Geschäftsfrau aus Nordrhein-Westfalen zu kontaktieren, die wie Wagner ebenfalls auf die Falschgeld-Masche hereingefallen war. Sie sagte dem Magazin, den Kontakt zu Vass habe in ihrem Fall ebenfalls Schwätter hergestellt. Vass selbst beschrieb sie als „hager, um die sechzig, mit leicht vorgebeugtem Gang“. Er habe einen edlen Anzug getragen, einen blauen Jaguar XJ gefahren und einen Pass vorgelegt, in dem nicht „Levy Vass“, sondern „Levy Wiaiss“ stand. Der Flugzeugabsturz, der Tod Wagners, sein enttarnter Hintermann in Deutschland – all das gefährdet seine Anonymität. Vass ist nun ein Gejagter, er wird mit europäischem Haftbefehl gesucht.