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Der Vater der Schulhof-Rakete

Vor fast 40 Jahren formte Dieter Bock von Lennep aus Schrott ein besonderes Kunstwerk. Nun legte er wieder Hand an.

© Sven Ellger

Von Henry Berndt

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Es sollte nur ein Wandbild werden. Im Jahr 1976 bekam Dieter Bock von Lennep, der damals noch Dieter Bock hieß, den Auftrag dazu. Im Foyer der Polytechnischen Oberschule „Juri Gagarin“ im Stadtteil Plauen sollte er ein Bild zu Ehren des großen sowjetischen Raumfahrers gestalten. Hier hängt sein 5 mal 2,60 Meter großes Wandbild „Mensch-Technik-Zukunft“ bis heute. Eine dazugehörige Collage, die an der gegenüberliegenden Wand hing, galt ab 1977 als vermisst.

© privat

Weit mehr ins Auge als das Wandbild fällt aber sowieso bis heute eine kunterbunte über fünf Meter hohe Rakete, die im Innenhof des sonst so farblosen Schulgebäudes steht, gerade, als sei es das Normalste der Welt. Auch die Rakete hat der Künstler Von Lennep ersonnen und gebaut. Der gebürtige Berliner war 1973 als freischaffender Maler und Grafiker nach Dresden gekommen. Nun reizte ihn aber auch das Plastische. Den nötigen Schrott für seine Idee besorgte er sich im Freitaler Stahlwerk. 30 Schüler hätten die Einzelteile auf den Hof geschleppt, erinnert er sich. Der massive Betonsockel wurde bis in einen Meter Tiefe in den Boden gegossen.

Am 26. November 1979 wurde die Plastik mit dem offiziellen Titel „Zwei Tonnen Schrott“ feierlich übergeben. Drei Jahre hatte Von Lennep an dem Werk gebastelt. Anschließend ging er von Klasse zu Klasse und gab eine Art erweiterten Kunstunterricht, um den Schülern begreiflich zu machen, dass das da im Innenhof kein neues Klettergerüst sei.

Besprüht und demoliert

Bis zum Ende der DDR wurde die Rakete im Innenhof in Ehren gehalten, danach jedoch verfiel sie vor den Augen – und unter aktiver Beteiligung – der Schüler zusehends. In allen Farben wurde das Kunstwerk besprüht und mit dumpfen Sprüchen bepinselt. Bald fehlte die ganze Spitze. Auch andere Teile gingen verloren. Ein trauriges Schicksal. „Zuletzt sah sie aus wie zum Abriss bereit“, sagt von Lennep. Immer mal wieder hatte der heute 72-Jährige über die Jahre hinweg seine Rakete besucht. Wehgetan hätte ihm der Verlust dennoch nicht. „Dieses Kunstwerk erhält seine Bedeutung doch nicht aus sich selbst sondern durch die Beschäftigung der Schüler mit dem Thema“, sagt er. Wenn sich niemand mehr für die Hintergründe interessiere, dann bleibe es nur „ein Haufen Schrott“.

Längst ist die Schule in Plauen in „49. Grundschule“ umbenannt worden. Bis auf den Schulbau selbst erinnerte seit den 90er-Jahren kaum noch etwas an die DDR-Vergangenheit. Für die Schüler war Juri Gagarin plötzlich kein Held mehr, sondern höchstens irgend so ein Weltraumfuzzi von früher, wenn sie seinen Namen überhaupt jemals gehört hatten. Dieter Bock musste das akzeptieren. Dafür durfte er nun endlich den Nachnamen „Von Lennep“ annehmen, dessen Wurzeln bis in 12. Jahrhundert reichen. Es war der letzte Wunsch seiner Mutter, dessen Erfüllung ihm bis 1989 verwehrt worden war.

Im Mai 2018 sitzt Dieter Bock von Lennep auf einer der Holzbänke in jenem Innenhof und blickt auf die zwei Tonnen Schrott. Sein Bart ist grau geworden, doch sein Werk glänzt wieder. Im Detail sieht die Rakete ein bisschen anders aus als früher, aber sie hat ihre Würde und ihre Farbe zurückbekommen. Im Zuge der grundlegenden Sanierung der denkmalgeschützten Schule vom Typ Dresden Atrium vor zwei Jahren musste auch die Zukunft der imposanten Rakete geklärt werden. „Das Hochbauamt ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir eine Restaurierung vorstellen könnte“, erinnert sich Von Lennep. Er vergewisserte sich, dass die Schule die Hintergründe des Werkes ganz sicher im Blick behalten wird, und sagte: „Dann mach ich das.“ Vor einem Jahr diskutierte er erstmals wieder mit Schülern über Gagarin und den Raumfahrerkult.

Neustart mit Satellitenschüssel

Zur selben Zeit machte er sich daran, das Wandbild und seine Rakete mit großem Aufwand instandzusetzen. Dafür erhielt er von der Stadt pauschal 8000 Euro. Erneut schaffte er Teile vom Schrottplatz heran. Bei seinem Nachbarn entdeckte er ein ausrangiertes Waschmaschinenteil, das er zu einer Art Triebwerk machte. Auch eine Satellitenschüssel fügte er ein.

Die Arbeiten fielen ihm naturgemäß ein wenig schwerer als vor 40 Jahren. Vor allem seine Augen wollen inzwischen nicht mehr so recht. Grüner Star. Rechts sieht er nur noch 20 Prozent, links ist es etwas besser. Die Ärzte können nichts mehr für seine Sehkraft tun, sagt er.

Nicht zuletzt deswegen hat Dieter Bock von Lennep schwere Monate hinter sich. Im vergangenen Jahr verstarb zudem seine Frau, die Bildhauerin Veronika von Appen, nach schwerer Krankheit. Es fällt ihm noch immer schwer, über ihren Verlust sprechen. Sich um ihren künstlerischen Nachlass zu kümmern, womöglich gar eine Galerie für zeitgenössische Skulpturen zu finden, sieht er nun als eine seiner wichtigsten Aufgaben an.

Seine Aufgabe hier in der 49. Grundschule ist dagegen bis auf Weiteres erledigt. Noch bis vor wenigen Wochen widmete er sich den letzten Ausbesserungsarbeiten am Wandbild, das vor allem während der Bauarbeiten in der Schule durch „grässliches Klebeband“ massiv beschädigt worden war. An seiner Rakete im Innenhof möchte er nun noch das Blitzableiterkabel verlegt haben. Eventuell muss auch der rissige Sockel noch einmal verputzt werden. Dann ist er zufrieden.

Nach der Wiedereröffnung der Schule zierten zuletzt Dutzende Miniatur-Raketen aus Pappe und Alufolie die Gänge des Schulhauses.

Juri Gagarin ist zurückgekehrt. Manche sagen, er war er nie weg.