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Der vergessene Verfall

Anfang der 1990er-Jahre war Pirnas Altstadt in weiten Teilen eine Ruinenlandschaft. Eine Fotoschau erinnert daran.

© Jochen Breese

Von Christian Eissner

Pirna. In einem hölzernen Laubengang sind Wäscheleinen gespannt, unten im sandstein-gepflasterten Hof planscht ein Junge in einer ausgedienten Badewanne, die Sonne scheint bis in die letzte Hausecke, nur ein junger Kirschbaum spendet etwas Schatten. Die Gebäude, die den Hof einfassen, sind heruntergekommen, überall bröckelt der Putz, die Dachrinnen sind mehrfach geflickt. Diese Szene könnte in einer Stadt irgendwo im Süden Europas aufgenommen sein, es ist aber Pirna.

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Zugige Räume, undichte Dächer und Kohle-Öfen waren Standard, hier das Haus am „Anker“ in der Frongasse.
Zugige Räume, undichte Dächer und Kohle-Öfen waren Standard, hier das Haus am „Anker“ in der Frongasse. © Jochen Breese
Blick in die Schloßstraße 13.
Blick in die Schloßstraße 13. © Jochen Breese
Jochen Breese (60), ehemaliger Pirnaer SZ-Fotograf, kommt mit einer Ausstellung zurück in die Sandsteinstadt.
Jochen Breese (60), ehemaliger Pirnaer SZ-Fotograf, kommt mit einer Ausstellung zurück in die Sandsteinstadt. © Daniel Förster

Mit der um 1992 entstandenen Aufnahme hat der ehemalige SZ-Fotograf Jochen Breese das Leben in der Pirnaer Altstadt Anfang der 1990er-Jahre ziemlich exakt auf den Punkt gebracht. Das Foto erzählt eine Geschichte, ohne dass es langer Erläuterungen bedarf. Zu sehen ist es gemeinsam mit vielen weiteren Hof-Ansichten in einer neuen Schau des Kuratoriums Altstadt.

Die Ausstellung blickt hinter die Straßenfassaden, hinein in den privaten Bereich der Hinterhöfe, der Pirna-Besuchern heute weitgehend verschlossen ist. Als Jochen Breese mit der Kamera durch die Hinterhöfe streifte, standen viele Haustüren offen, man konnte sich frei in den Höfen bewegen, teils auch in den Häusern. Es wohnten ohnehin nur noch wenige Menschen in der über Jahrzehnte vernachlässigten Altstadt. In den 1970er- und 1980er-Jahren zog, wer eine Wohnung zugeteilt bekam, hinaus an den Stadtrand, weg von Kohleofen, Durchlauferhitzer und Klo auf halber Treppe, hinein in die fernbeheizten Neubauten in Copitz-West oder auf dem Sonnenstein. Die jahrhundertealten Bürgerhäuser in Pirnas Kernstadt zu pflegen und zu erhalten, das passte nicht ins Konzept des DDR-Wohnungsbauprogramms – zu viel Aufwand für zu wenige Wohneinheiten. Unwirtschaftlich. Der Verfall der Altstadt hatte durchaus seinen ganz eigenen Charme, aber er führte letztlich dazu, dass viele Häuser Ende der 80er-Jahre auf der Abrissliste landeten.

Mit dem Ende der DDR waren die Abrisspläne Geschichte, jetzt ging es darum, Leute zu finden, die Geld und im besten Fall auch Liebe zum historischen Detail mitbrachten, um die Bürgerhäuser zu sanieren. Erst langsam, und mit jedem geretteten Haus ein Stück mehr, wurde den Pirnaern bewusst, welche architektonischen Perlen Pirnas Altstadt barg. Heute ist alles saniert – schick und oft auch behutsam, aber leider nicht in jedem Fall. Einen Blick in die Höfe aber kann man nur noch bei öffentlichen Gebäuden oder Gaststätten erhaschen. Außer zur jährlichen Hofnacht bleiben die meisten Innenhöfe verschlossen und privat.

Die Ausstellung ist bis 9. September jeweils dienstags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr in den Räumen des Kuratoriums Altstadt, Kirchplatz 10, zu sehen.