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Landtagswahl 2019

Der Wahlkampf für die Wahl

Von wegen braunes Sachsen: Immer mehr Bürger engagieren sich in ihrer Freizeit für Demokratie und rufen für Sonntag zum Wählen auf. Einige Beispiele.

Ein 200 Quadratmeter großes Plakat der Initiative "Chemnitz bleibt demokratisch!" hängt im Stadtzentrum an einem Hochhaus.
Ein 200 Quadratmeter großes Plakat der Initiative "Chemnitz bleibt demokratisch!" hängt im Stadtzentrum an einem Hochhaus. © Jan Woitas/dpa

Von Claudia Drescher

Chemnitz. In riesigen Lettern brachte ein Satz die Ereignisse von Chemnitz im vergangenen Sommer auf den Punkt: "Die Würde des Menschen ist antastbar" stand auf einem Großplakat an einer der meistbefahrensten Kreuzungen der sächsischen Stadt. Ein Jahr später hängt am selben Hochhaus erneut ein Schriftzug und ruft vor der Landtagswahl am Sonntag dazu auf, weltoffen zu wählen.

Mit solchen Initiativen wollen engagierte Bürger zeigen, dass Sachsen auch anders geht. Das Plakat ist dafür längst nicht das einzige Zeichen. Im Stadtteil Bernsdorf ziehen in diesen Tagen "Die Buntmacher*innen" von Haustür zu Haustür und fordern die Chemnitzer mit ihrem "Wahlkampf für die Demokratie" parteiunabhängig dazu auf, am 1. September wählen zu gehen. "So wie uns ging es vielen: Jetzt ist der Moment, an dem wir aufhören nur zuzugucken und aktiv etwas machen müssen", sagt Anett Linke.

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Die 30-Jährige gründete zusammen mit weiteren Chemnitzern zwischen Anfang 20 und Ende 50 ihre Initiative, um wieder mehr miteinander ins Gespräch zu kommen. "Im Spätsommer gab es hier in Chemnitz nur noch entweder oder. Das wollen wir aufbrechen." Mit Blick auf die anstehende Wahl gehe es vor allem darum, "Sofa-Demokraten" - also Nichtwähler - zu aktivieren.

"Es gab auch vor dem 26. August 2018 schon viele Engagierte. Jeder hat aber eher sein eigenes Süppchen gekocht, das ist jetzt anders", sagt die Chemnitzerin Katrin Siegel, Koordinatorin beim Bundesprogramm "Demokratie leben!". Ob Theater, Kunstmuseum oder die Wirtschaft mit ihrer Initiative "Chemnitz ist weder grau noch braun": Viele hätten auch mit Blick auf den zu erwartenden Erfolg der AfD das Gefühl, sich mehr einbringen zu müssen.

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Aktiv werden, bevor es zu spät ist

Und das gilt längst nicht nur für Chemnitz. Sachsenweit haben sich in den vergangenen Monaten Menschen in ihrer Freizeit zusammengetan, um sich für das Wählen, eine offene Gesellschaft und gegen den Rechtsruck im Freistaat zu engagieren. Mit Sprüchen wie "Bock auf Welt retten? Wenigstens ein bisschen?" auf Plakaten, Stickern und Postkarten kämpfen zum Beispiel 25 Leipziger gegen die Politikverdrossenheit. "Wir wollen an die Menschen appellieren, aktiv zu werden, bevor es zu spät ist", teilt die Initiative "Rettet die Wahl" mit.

Ebenfalls von Leipzig aus agieren "Die Wahlverwandtschaften". Mit Denkanstößen im Twitter-Stil bringen sie mittlerweile im ganzen Freistaat Bierdeckel unter die Leute, um zum Austausch über wichtige Fragen anzuregen. "An Orten wo dies möglich ist: Abends in der Kneipe, am Stammtisch, bei der Familienfeier im Gasthaus, im Biergarten", erklärt Jan Hartmann. Ähnlich agiert auch eine im Mai gegründete Initiative aus Zwickau: Postkarten, Sticker, Spontankonzert gegen rechts oder ein großes, legales Graffiti an einer Wand werben "Für Weniger Angst".

Die Gruppe "Zukunft Sachsen" hingegen ruft zum taktischen Wählen auf, um eine Regierungsbeteiligung der AfD zu verhindern. "Nach aktuellen Wahlprognosen wird das eine knappe Kiste", sagt Sprecher Sascha Kodytek. Mit einem Kreuz bei CDU, SPD oder Grünen sei die Chance am größten, eine Regierung ohne die AfD zu bilden, so die Überzeugung der sachsenweit verorteten Initiative.

Fakten gegen die Stimmungsmache

Mit provozierenden Plakatsprüchen wie "Du warst schon vor den Flüchtlingen unzufrieden" und der Webseite www.ostsachsenwahl.org greifen zwischen Bautzen und Görlitz Jugendliche Stimmungen und Vorurteile auf und begegnen diesen mit Fakten. In Freiberg steht seit Juni ein loses Netzwerk dafür ein, Gesicht zu zeigen.

Die Marktplatztour "Wann Wenn Nicht Jetzt" durch zwölf kleinere Städte in Sachsen, Thüringen und Brandenburg setzt bis Ende September auf laute Musik als Antwort auf das Schweigen der Mehrheit. "Uns allen wird unwohl mit Blick auf die zu erwartenden Wahlergebnisse, aber wir wissen, dass wir nicht alleine sein werden", sagt eine Sprecherin.

Das zeigt auch die Kampagne des Dresdner Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen: Bekannte Gesichter, etwa von Musikern wie Stefanie Hertel, Gunther Emmerlich oder Roland Kaiser, sprechen sich in kurzen Videos dafür aus, dass Sachsen neugierig, mutig und offen bleibt.

Nach dem Wahlabend kurz schütteln und direkt neue Aktionen angehen, lautet die Devise, die alle Initiativen eint. Der erste Termin steht schon fest: In Zwickau soll es am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wieder heißen "Für weniger Angst". (dpa)