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Der Wald ist nicht genug

In Sachsen tobt ein Kampf um die Zukunft des Rotwildes. Es geht um artgerechtes Leben, Wissenschaft – und viel Geld.

© imago

Von Henry Berndt

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So ein Rothirsch ist ein scheues Wesen. Er meidet die Nähe zum Menschen, lässt sich ungern beobachten – und besonders ungern lässt er sich zählen. Es gibt daher keine verlässlichen Statistiken darüber, wie viel Rotwild eigentlich gerade durch die sächsischen Wälder streift. Ist es möglicherweise zu viel und frisst reihenweise die jungen Bäumchen weg? Oder stehen die Bestände viel mehr kurz vor dem Aus? Die Ungewissheit ist beste Voraussetzung für einen Streit um die Schutzwürdigkeit unserer größten heimischen Wildtierart. „Das erzgebirgische Rotwild und damit ein Stück Heimat und Identität unserer Region wird immer weiter ins Abseits gedrängt“, beklagt etwa Karsten Bergner, Vorsitzender der Rotwildhegegemeinschaft Erzgebirge. Wild sei „keine Kreatur der Massentierhaltung“. Ein ethischer und moralischer Verfall im Umgang mit den Tieren werde im Augenblick billigend in Kauf genommen.

Bereits im vergangenen Jahr richtete sich Bergner daher mit einer Petition an den Sächsischen Landtag, die einen tierschutzgerechten Umgang mit dem Rotwild in Sachsen und ein staatlich gestütztes Rotwildmanagement fordert. „Das soll zum Beispiel aufzeigen, wo verstärkt gejagt werden muss, wo Wildruhezonen eingerichtet werden sollten, in denen nicht gejagt wird, und wo Sommer- und Winterlebensräume des Wildes sind“, sagt Bergner. Zunächst einmal müssten dafür aber Wissenschaftler die tatsächliche Höhe des Wildbestandes ermitteln.

Aber genau das machen wir doch gerade, sagt der Staatsbetrieb Sachsenforst. Seit Januar läuft in seinem Auftrag eine Studie in Kooperation mit der Professur für Forstzoologie an der TU Dresden. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und kostet rund 550 000 Euro. Im Laufe des Projektes soll umfangreiches Datenmaterial zu Jagdstrecken, Wildschadensmonitoring und waldbaulichen Zielstellungen gesammelt werden. Und zwar „objektiv und nüchtern“, wie Sachsenforst-Sprecher Klaus Kühling betont. Sachsenforst stehe für den Einklang von Wald und Wild.

Für Karsten Bergner klingen diese Worte wie Hohn. Seine Initiative hält Sachsenforst für ein knallhart kalkulierendes Unternehmen, dass sich wenig um das Wild schert und vor allem an einer lukrativen Holzernte interessiert ist.

„Das sind doch haltlose Vorwürfe“, entgegnet Kühling. „Seit über 20 Jahren unternimmt der Freistaat Sachsen große Anstrengungen, den sächsischen Wald vielfältiger, naturnäher und widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel zu gestalten.“ Allein in den vergangenen zehn Jahren seien mehr als 140 Millionen Euro in den Waldumbau investiert worden. Überhöhte Wildbestände würden diesen jedoch gefährden. „In diesen Regionen müssen die jungen Bäume mithilfe von kostenintensiven Wildschutzzäunen oder chemischen Mitteln geschützt werden“, so Kühling. Wo Bäume von Wildtieren geschält würden, breite sich die Rotfäule aus. Das Holz faule und werde praktisch wertlos. „Wir wollen aber hochwertiges Holz produzieren.“

Gleiches Ziel, anderer Ansatz

In dem offenen Streit zwischen Sachsenforst und der Initiative Rotwild-Erzgebirge wollen die Jäger nun sogar eine eigene Studie in Angriff nehmen – kurioserweise ebenfalls in Kooperation mit der TU Dresden. In diesem Fall in Person von Prof. Sven Herzog von der Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft. Die zweite Studie, die ebenfalls drei Jahre dauern würde und in etwa 300 000 Euro kostet, ist momentan noch in der Bewilligungsphase. Sollte der Staat keine Gelder dafür lockermachen, so soll das Projekt über andere Wege finanziert werden, wie Sven Herzog sagt.

Zwei Studien mit der gleichen Zielstellung, beide in Kooperation mit der TU Dresden und beide Hunderttausende von Euro teuer – das erscheint skurril. Umso mehr, da die verstrittenen Seiten dasselbe Ziel haben: weniger Wildschäden in Sachsen und ein auch zahlenmäßig gesundes Verhältnis von Wild und Wald.

„Im Kern geht es doch aber darum, dass man Wildschäden nicht allein durch Abschuss in den Griff bekommen kann“, sagt Bergner. Das beste Beispiel dafür liefere Sachsenforst selbst. Seit 25 Jahren würden nun der Landeswald bewirtschaftet und das dortige Wild gejagt. „Dennoch postuliert Sachsenforst jedes Jahr, dass die Wildschäden zu hoch sind – er diese also trotz des extremen Jagddrucks nicht in den Griff bekommen hat.“ Auch wenige Tiere könnten unter Stress eben große Schäden im Wald anrichten.

Sind es nun zu wenige oder zu viele? Im vergangenen Dezember gab es auf Antrag der Grünen sogar eine Landtagsanhörung zum Thema Rotwild und Waldumbau in Sachsen. Eingeladen waren Forst- und Jagdexperten aus ganz Deutschland. Ein Abgeordneter stellte dort laut Protokoll die konkrete Frage: „Sehen Sie bei derzeitiger Wald- und Wildbewirtschaftungsstrategie im Freistaat Sachsen das Rotwild, besonders die Hirsche, im Bestand gefährdet?“ Acht von neun Experten verneinten die Frage. Nur Bergner sagte: „Ich weiß es nicht, weil ich die Zahlen nicht kenne.“