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Der Weihnachtsmann auf der Dampflok

Dampfloksonderzüge aus dem Norden trafen am Sonnabend in Görlitz ein. 1 100 Reisende aus der Niederlausitz kamen somit zum Christkindelmarkt.

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Von Jost Schmidtchen

Der Sonderzug des Lausitzer Dampflok Clubs Cottbus zum Schlesischen Christkindelmarkt war im September ausgebucht. Um allen Wünschen der interessierten Reisenden gerecht zu werden, mietete der LDC beim privaten Eisenbahnunternehmen WFL noch zwei Großraum-D-Zugwagen an. Am Haken der Personenzugdampflok 35 1019-5 hingen somit elf bis auf den letzten Platz besetzte Reisezugwagen.

So mancher an der Strecke von Cottbus nach Görlitz wunderte sich, dass die Lok rückwärts fuhr. So etwas gab es zuletzt in Nachkriegszeiten, wo alle froh waren, dass sich überhaupt noch etwas auf den Gleisen drehte. Der Grund ist nicht zum Lachen: Dank besonderer Umstände können in Görlitz neuerdings keine Loks mehr gedreht werden. Also entschied man sich beim LDC auf der Hinfahrt für die langsamere Rückwärtsvariante mit 50 km/h und heimwärts für zurück dann für Tempo 110. Der Sonderzug aus Plauen wurde von der ölgefeuerten D-Zugdampflok 01 509-8 der Pressnitztalbahn AG gezogen. Die fuhr bis Görlitz vorwärts, für die Rückfahrt sorgte eine angemietete Diesellok der Baureihe 118 – bis die 01 vorwärts rollen konnte.

Die Reisenden aus Cottbus, Spremberg und Weißwasser waren von dem Getuckele kaum berührt. Es kann ja auch einmal gemütlich zugehen. 41 Kinder waren mit Eltern und Großeltern dabei. Und einige bekamen einen Schreck, als im Zug der Weihnachtsmann auftauchte. Der hatte genug Zeit, durch die elf Waggons mit Geschenkesack und Rute zu laufen. Die Geschenke hatte der LDC spendiert. Dass der Weihnachtsmann auch dabei war, gefiel den Reisenden. Die Familien Lohmann und Kwasniok aus Cottbus hatten ihre Kinder mit. „Der Schlesische Christkindelmarkt ist klein, aber eben von der Idee, der Gestaltung und den Angeboten anders wie in Cottbus. Das reizt uns immer wieder“, hieß es. Die Kinder freuten sich schon auf Karussell und Pfefferkuchen. Die Spremberger Sorbische Heidemusikantin Karola Hipko aus Burgneudorf reiste gemeinsam mit der IGBCE-Wohnortsgruppe Cottbus-Süd in die Neißestadt: „Den Christkindelmarkt kenne ich noch nicht und mit einem Dampflokzug bin ich auch noch nie gefahren.“ Bis aus dem Spreewald, aus Lübbenau, kam Familie Märtens. Die Fahrt hatte der Onkel geschenkt bekommen. „Da haben wir alle gesagt, wir fahren auch mit. Unsere Kinder freuen sich schon auf den Christkindelmarkt, die Dampflok reizt und mit dem Zug fährt es sich viel schöner als mit dem Auto..“ Das achtköpfige Serviceteam des LDC hatte Schwerstarbeit zu leisten. Im Mitropa- und im Imbisswagen waren Hunger und Durst groß.

160 Reisende des Cottbuser Sonderzuges hatten sich für die Stadtrundfahrt entschieden, 180 für die Besichtigung der Landskron-Braumanufaktur. Dort erfuhren sie nicht nur, wie Bier gebraut wird, sondern auch so manches Histörchen zum Schmunzeln. Zum Beispiel, dass 1872 der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Bier bei 400 Litern lag. Damals tranken auch Säuglinge und Kleinstkinder Bier. 1875 hatte Kaiser Wilhelm I. ein Dekret erlassen und darin festgelegt, dass ab sofort Kinder erst ab dem zweiten Lebensjahr Bier trinken dürfen. Heute liegt der Pro-Kopf-Verbrauch nur noch bei 82 Litern.

Auf dem Schlesischen Christkindelmarkt kamen am Nachmittag dann alle auf ihre Kosten. Gedränge, Glühwein vom Feinsten, Basteln und Pfefferkuchenbacken für die Kinder, Eisstockschieben, heiße Würste von den Grills und ein schönes Bühnenprogramm. Es war für alle ein erlebnisreicher dritter Advent. Am 19. Dezember fährt der LDC den Zug zum zweiten Mal von Cottbus nach Görlitz. Zustiege sind nicht möglich. Eisenbahnfans können aber das seltene Schauspiel der rückwärts rollenden Dampflok fotografieren.