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Deutsche haben 2017 so taktisch gewählt wie noch nie

Der deutsche Wähler ist zu einem volatilen, hochkomplexen Wesen geworden. Er bewegt sich zunehmend außerhalb angestammter Milieus.

© Stefan Sauer/dpa

Von Anne-Beatrice Clasmann

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Berlin. Bei der Bundestagswahl 2017 haben so viele Menschen taktisch gewählt wie nie zuvor.

Wie der Bundeswahlleiter am Freitag bei der Vorstellung der repräsentativen Wahlstatistik in Berlin mitteilte, entschieden sich bei der Wahl am 24. September 27,3 Prozent für das sogenannte Stimmensplitting. Das heißt, sie wählten mit der Zweitstimme die Landesliste einer Partei, gaben aber dem Direktkandidaten einer anderen Partei ihre Erststimme. Und noch ein Novum gibt es: Dass die Statistik, die das Bundesamt zum sechzehnten Mal vorgelegt hat, diesmal fertig war, bevor sich eine neue Bundesregierung gebildet hat, das hat es nie zuvor gegeben.

Vergleichsweise selten nutzten das Stimmensplitting die Wähler von CDU, CSU, SPD und AfD. Auch wenn die anhand von anonym ausgewerteten Wahlzetteln erstellte Statistik dazu keine Aussagen treffen kann: Unter den Wählern mit Stimmensplitting dürften viele derjenigen sein, die von den Meinungsforschern in den Wochen vor der Wahl noch als „Unentschlossene“ gezählt wurden.

Was sich aus der Statistik dagegen klar ablesen lässt: Anders als noch vor Jahren, können sich inzwischen immer mehr Grünen-Wähler eine Koalition der Partei mit der Union vorstellen. Und: AfD-Anhänger geben meist auch dann beide Stimmen der AfD, wenn ein Sieg des AfD-Direktkandidaten in ihrem Wahlbezirk sehr unwahrscheinlich erscheint.

Besonders häufig war das Phänomen des Stimmensplittings diesmal bei den Wählern der FDP zu beobachten. 56,4 Prozent derjenigen, die sich für die FDP-Liste entschieden, wählten mit ihrer Erststimme Direktkandidaten anderer Parteien. Die meisten Erststimmen von FDP-Wählern erhielten die Direktkandidaten der CDU (33,8 Prozent). Auch von den wenigen Wählern, die für die AfD-Liste stimmten und dazu den Direktkandidaten einer anderen Partei wählten, entschieden sich die meisten (5,7 Prozent) für die CDU.

Vom Stimmensplitting der Wähler der Grünen-Listen profitierte wieder einmal vor allem die SPD (26,1 Prozent). Doch erstmalig erhielt auch die CDU viele Erststimmen aus dem Lager der Grünen-Wähler (11,1 Prozent). Das mag einerseits dem Beispiel Baden-Württemberg geschuldet sein. Schließlich zeigt die grün-schwarze Landesregierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dass dieses einst fast undenkbare Modell weniger Reibungsverluste produziert, als so mancher befürchtet hatte. Auch die Zustimmung vieler Grünen-Anhänger zur Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte hier einen Niederschlag gefunden haben.

Dass sich 78,5 Prozent der AfD-Wähler dafür entschieden, mit beiden Stimmen die Rechtspopulisten zu wählen, weist auf eine Protesthaltung gegenüber den von der AfD geschmähten „Altparteien“ hin. Zwar holte die AfD in Sachsen drei Direktmandate. Doch in vielen westlichen Wahlbezirken war klar absehbar, dass eine Erststimme für die AfD eine „verschenkte“ Stimme sein würde.

Bei der Bundestagswahl 2009 hatten sich 26,4 Prozent der Wähler für ein Stimmensplitting entschieden. 2013 wählten 23 Prozent diese Strategie. Traditionell entscheiden sich eher Anhänger kleiner Parteien für das Stimmensplitting, weil sie nicht mit einem Wahlerfolg des Direktkandidaten ihrer Partei rechnen. Die repräsentative Wahlstatistik stützt sich auf eine Stichprobe von 2,2 Millionen Wahlberechtigten.

Laut Bundeswahlleiter hat sich der bei der Bundestagswahl 2009 erstmals beobachtete Trend der „aktiven Alten“ weiter verfestigt. Gingen Deutsche ab 70 Jahren früher seltener wählen als der Durchschnitt aller Wahlberechtigten, ist ihre Wahlbeteiligung inzwischen mindestens durchschnittlich und lag 2017 bei fast 76 Prozent. Die höchste Beteiligung fanden die Statistiker diesmal bei 60 bis 69 Jahre alten Männern in Rheinland-Pfalz. Von ihnen gingen 83,6 Prozent zur Wahl. Am höchsten war die Politikverdrossenheit bei jungen Männern in Sachsen-Anhalt. Dort gingen nur 52,6 Prozent der 21- bis 24-jährigen Männer wählen. (dpa)