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In endlichem Gedenken

Pöbelnde Besucher, eine Strafanzeige. Die Beschreibung der Geschichte driftet nach rechts, findet Buchenwalds KZ-Gedenkstättenleiter.

Die Plastik der Buchenwald-Häftlinge von Fritz Cremer (1906–1993) gehört zum Buchenwald-Mahnmal unweit des ehemaligen NS-Konzentrationslagers.
Die Plastik der Buchenwald-Häftlinge von Fritz Cremer (1906–1993) gehört zum Buchenwald-Mahnmal unweit des ehemaligen NS-Konzentrationslagers. © dpa/Martin Schutt

Von Kerstin Decker, Weimar

Hatten die Bauern der Lüneburger Heide nicht sich selbst gewählt? Heimat und Scholle, die Würde ihrer schweren Arbeit, Blut und Boden? Die NSDAP holte bei den Reichstagswahlen 1933 im Wahlbezirk Osthannover mehr als 54 Prozent. Doch ein Jahr später kam die Nachricht: Wo jetzt noch ihre Dörfer, Gärten, Weiden und Felder waren, wollte das Reich den größten Truppenübungsplatz des Landes errichten. Und sie mussten gehen. Die Bauern von 25 Dörfern verstanden die Welt nicht mehr. Nur die kleine Stadt Bergen nebenan blieb. Jenseits der Heide kennt man ihren Namen kaum, es sei denn als Doppelwort: Bergen-Belsen.

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Wohl keiner weiß mehr über die Geschichte dieses 25-Dörfer-Reichs als Jens-Christian Wagner, bis eben Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Seit ein paar Wochen fährt er jeden Tag über die Blutstraße oberhalb von Weimar durch den Buchenwald zur Arbeit.

Auch der neue Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora meinte kürzlich, die Welt nicht mehr zu verstehen. Auf Wagners Tisch lag im November Post von der Staatsanwaltschaft Göttingen. Sie hatte ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet, er habe „ehrenrührige Tatsachen zum Nachteil der Wehrmachtssoldaten behauptet“.

„Natürlich habe ich das gemacht“, sagt Wagner. Das liege an seinem Beruf, er sei Historiker. „Dass die Tatsachen sehr ehrenrührig sind, bestreite ich keineswegs, doch trifft mich dafür keine Schuld.“ Seit wann eröffnet eine Staatsanwaltschaft in diesem Land Ermittlungsverfahren gegen Historiker wegen der Feststellung von Tatsachen?

„Das ist eine neue Situation“, sagt Wagner. Und er zögert nicht, sie zu benennen: „Der historische Diskurs in diesem Land – über diesen konkreten Fall hinaus – verschiebt sich nach rechts.“

Wagner schaut aus dem neuen, nach altem Vorbild geteilten Holzfenster seines nüchternen Büros in den Novembernachmittag über dem Lagergelände. In diesem Haus saß die SS-Verwaltung des Konzentrationslagers. Wer weiß, wer sein Vorgänger in diesem Zimmer war.

Der Anzeigeerstatter, so viel war dem Schreiben der Staatsanwaltschaft zu entnehmen, hat Wagners im letzten Frühjahr erschienenes Buch „Aufrüstung, Krieg und Verbrechen“ gelesen. Die Staatsanwaltschaft teilte dem Historiker mit, dass es ihm freistehe, zu dem Vorwurf Stellung zu nehmen. Es stehe ihm weiterhin frei, „zur Sache auszusagen oder nicht“. Er habe zudem die Möglichkeit, „einzelne Beweiserhebungen zu beantragen und unter den Voraussetzungen des §141 Abs. 1 und 3 StPO zu beanspruchen“. Leider versäumte die Staatsanwaltschaft, ihm mitzuteilen, wogegen genau er das Recht habe, Stellung zu nehmen oder einzelne Beweiserhebungen zu beantragen. Wagner machte seinen Fall auf Twitter publik. Da stellte die Staatsanwaltschaft Göttingen das Ermittlungsverfahren ein. Doch damit, befürchtet Wagner, ist der Fall nicht erledigt. Im Gegenteil, er ist ein Indiz. Er ist nur die sichtbare Spitze … wovon eigentlich?

Als Wagner in Buchenwald dieses Gespräch führt, weiß er, dass sie in der Lüneburger Heide, im Bergener Stadtrat, auch gerade über ihn reden. Und das nicht zum ersten Mal. Zum Weltfriedenstag am 21. September wollte der Stadtrat des kleinen Ortes gemeinsam mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen eine Erklärung abgeben. Darin stand der Satz: „Während des Zweiten Weltkrieges haben SS und Wehrmacht vor unserer Haustür unvorstellbare Verbrechen begangen.“

20.000 meist sowjetische Kriegsgefangene starben von 1940 bis 1945 im Kriegsgefangenenlager Bergen-Hohne, verantwortlich: die Wehrmacht. 52.000 Menschen starben von 1943 bis 1945 im KZ Bergen-Belsen, verantwortlich: die SS. „Die Fraktionsvorsitzenden hatten die Erklärung bereits gelesen und zugestimmt“, erinnert sich Wagner, „der Beschluss schien nur noch eine formelle Angelegenheit.“ Doch dann kam es zu allgemeiner Unruhe.

Jens-Christian Wagner ist seit Oktober neuer Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.
Jens-Christian Wagner ist seit Oktober neuer Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. © dpa

Alle Fraktionen bis auf die Grünen hielten die Formulierung „SS und Wehrmacht“ plötzlich für unannehmbar. So könnten sie das unmöglich unterschreiben. Denn hieße das nicht im Klartext: „Während des Zweiten Weltkrieges haben SS und möglicherweise auch mein Großvater als Angehöriger der Wehrmacht vor unserer Haustür unvorstellbare Verbrechen begangen“?

Wäre Wagner kein Wissenschaftler und ein weniger selbstbeherrschter Mann, würde er die Augen jetzt wohl vor Vergeblichkeit leicht im Halbkreis wenden. Hier ist die Rede von Institutionen, nicht von Individuen, erklärt er duldsam. Dass Widerstand auch in der Wehrmacht wuchs, ist keine Frage, aber hier nicht Thema. Allenfalls mit dem Zusatz „Teile von“ vor dem Wort Wehrmacht wäre die Erklärung beschlussfähig, urteilten CDU und FDP in Bergen. Darüber wollen sie nun abstimmen, ganze zwei Monate nach dem Weltfriedenstag. Die AfD-Fraktion – zwei Sitze im Stadtrat – hatte gleich noch eine eigene Erklärung vorgelegt, die sie „ergänzende Erklärung zum Weltfriedenstag“ nannte.

Es gebe keinen Frieden ohne Wahrheit, man solle endlich „,das ganze Bild‘ zulassen und ,ehrlich Ross und Reiter‘ nennen, in Vergangenheit und Gegenwart“. Eine große Ankündigung, gefolgt von der Aussage, ein friedlicher Staat müsse keineswegs dem „einebnenden Multikulturalismus“ verpflichtet sein. Wagner war diese AfD-Aussage keineswegs neu, aber er vermisste noch immer Ross und Reiter. Doch statt diese endlich zu nennen, sprachen die beiden Zoologen der Bergener AfD nun über Wiederkäuer: „Der friedfertige Staat ist keine grasende Kuh …“

Atemberaubende Stelle

Aber dann stieß Wagner doch auf eine ohne Zweifel atemberaubende Stelle: „Wer sich aber immer nur um seine in der Tat zutiefst schuldbeladene Vergangenheit kümmert, aber zur zutiefst schuldbeladenen gegenwärtigen Praxis schweigt …, der hält keinen Frieden.“ Wagner las einmal, zweimal, dreimal. Der Text blieb gleich. Die AfDler ziehen also eine Parallele zwischen den Kriegsverbrechen, den Völkermorden des Dritten Reichs und der Massenaufnahme von Geflüchteten 2015?

Wagner fällt in seinem Bürosessel zurück wie jemand, der soeben einen empfindlichen Schlag erhalten hat. Die Lehne federt sanft zurück. Sie ist die Einzige. Es ist nicht die Zeit der elastischen Hirne. Wendet sich die Urteilskraft, die Fähigkeit Erwachsener, in Relationen zu denken, denn von immer mehr Menschen ab?

Es gibt sogar eine kollektive historische Urteilskraft, oder müsste er jetzt schon sagen: Es gab sie? „Etwas ganz Entscheidendes beginnt zu fehlen“, sagt Wagner, „die Stimmen der Zeitzeugen verstummen.“ Und dass viele Menschen sich inzwischen in ihre eigenen, netz- und Social-Media-gestützten Echokammern zurückgezogen haben, macht die Sache keineswegs besser.

Wer hätte das voraussehen können, etwa Ende der 90er-Jahre, als die Enquetekommission zur Aufarbeitung der SED- Diktatur empfahl, auf Bundesebene Gedenkstätten für das DDR-Unrecht einzurichten? Der Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung, aber gab es da nicht ein gewisses Missverhältnis? Für das Unrecht einer anderen, viel mörderischeren Diktatur gab es noch nie solche Gedenkorte, nicht im Westen.

„Raten Sie mal, wie viele Mitarbeiter Bergen-Belsen, West, und Buchenwald, Ost, im Jahr 1987 hatten“, sagt Wagner. „Bergen-Belsen hatte einen, den Friedhofsgärtner, in Buchenwald könnten es 150 gewesen sein.“ Die Bundesrepublik war durchaus irritiert, als sie nach dem Ende der DDR drei nationale Mahn- und Gedenkstätten erbte, Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbrück. Als reine SED-Propaganda waren die nicht abzutun.

Auch in der alten Bundesrepublik waren die Orte der NS-Verbrechen anfangs durchaus kenntlich gewesen. Die Sowjetunion hatte gleich nach dem Krieg Gedenksteine auf ihren Soldatenfriedhöfen errichten lassen. Auch im Kriegsgefangenenlager von Bergen-Belsen, wo 20.000 begraben sind, für die das Völkerrecht zur Behandlung Kriegsgefangener nicht gegolten hatte. Der ukrainische Bildhauer Mikola Muchin schuf das Relief eines trauernden Mädchens, aufgestellt noch im November 1945. „Das Relief stand ursprünglich am Eingang des Friedhofs, der Ankommende lief direkt darauf zu“, sagt Wagner, „dann wurde es mehr an die Seite gestellt und schließlich ganz an den Rand, wo es keiner mehr sah.“ So verschwanden in der ganzen alten Bundesrepublik in den 50er- und 60er-Jahren Grabmale der fremden Toten, meist wurden sie zerstört.

Wagner denkt an den Kniefall Willy Brandts in Warschau, aber noch mehr an die Rede Richard von Weizsäckers 1985, 40 Jahre nach Kriegsende, als zum ersten Mal ein Bundespräsident den 8. Mai 1945 „Tag der Befreiung“ nannte. Eine Selbstverständlichkeit im Osten, doch im Westen bis eben beinahe undenkbar.

Manchmal während des Gesprächs gehen Wagners Gedanken über den Harz hinüber bis in die Lüneburger Heide zum Stadtrat von Bergen. Was mögen sie gerade beschließen? Er hatte am Vorabend noch eine Pressemitteilung herausgegeben: Eine gemeinsame Erklärung von Stadtrat und der Gedenkstätte Bergen-Belsen ändern zu wollen, ohne den zweiten Erklärenden überhaupt zu fragen, sei schon sehr eigenwillig. Hinzu komme, dass er den Zusatz „Teile von“, bezogen auf die Wehrmacht, für semantischen Nonsens halte, und Nonsens unterschreibe er grundsätzlich nicht.

Wie weit sind wir gekommen, sagt Wagner. Sogar die Bundesrepublik konnte den 8. Mai irgendwann den „Tag der Befreiung“ nennen, das ideologische Ost-West- Schisma des Gedenkens war überwunden, sogar im Westen gibt es nun nationale Gedenkstätten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Deutschen haben gelernt, sich zu ihrer Geschichte zu bekennen, ohne sich selbst aufzugeben. Das dürfte als Bewusstseinslage recht einmalig sein. Das alles währt nun kaum 20 Jahre, eigentlich nur 15, als ein neuer Typ Gedenkstättenbesucher aufzutreten begann: provokant, manchmal gar pöbelnd, die AfD im Rücken. Wir sind wieder wer!

28 Seiten hatte der Anzeigeerstatter der Staatsanwaltschaft Göttingen vorgelegt. Natürlich interessierte Wagner, was drinsteht, auch wenn es unter Historikern, auch Laien, noch immer unüblich ist, Kollegen mit abweichenden Auffassungen zu verklagen. Der Anzeigeerstatter, ein vormaliger Bundeswehrsoldat aus Bergen, hatte den von Wagner herausgegebenen und in diesem Jahr erschienenen Begleitband zur neuen Dauerausstellung auf dem Gelände der vormaligen Kaserne Bergen-Hohne kommentiert, mitunter Seite für Seite.

Und? Das Ergebnis der Lektüre? Wagner reagiert auf die Frage mit einem langen Blick, in dem vor allem eins steht: nichts Neues. Der Verfasser war fleißig, ohne Zweifel. Er hat nicht mit Zahlen und Verweisen gespart, und es handelt sich auch nicht nur um alternative Fakten. Vielleicht rächt sich jetzt der in diesem Land lange propagierte naive Wahrheitsbegriff: Fakten! Fakten! Fakten! – Als ob Wahrheit eine bloße Faktensammlung sei und nicht ein Relationsgefüge. In der Tat hatte die polnische Regierung 1939 ein paar Ultimaten verstreichen lassen und ihr bekundetes Selbstbewusstsein stand in eklatantem Missverhältnis zu ihrer militärischen Macht. Wagner deutet an, sein Kritiker habe ihm beweisen wollen, dass Polen es sich selbst zuzuschreiben habe, dass Hitler es überfallen musste. Und so ginge das weiter.

Das trauernde Mädchen von Bergen-Belsen wurde 1980 zerstört, wahrscheinlich von Neonazis. Das restaurierte Original steht heute in der Gedenkstätte, eine Replik auf dem Friedhof des Kriegsgefangenenlagers, wieder an seiner ursprünglichen Stelle.

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Der Fall der unverabschiedbaren Bergener Erklärung zum Weltfriedenstag erreichte dann auch die etwas größere Öffentlichkeit. Lag es daran? Der Stadtrat von Bergen jedenfalls hat am Abend des Gesprächs für den ursprünglichen Wortlaut gestimmt. „Ich bin erleichtert“, sagt die Bergener Bürgermeisterin und Historikerin Claudia Dettmar-Müller. Es gab nur eine Gegenstimme und eine Stimmenthaltung. Die beiden AfD-Stadträte.

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