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Das janusköpfige Schloss

Das Berliner Schloss ist fertig. Aber erfüllt es die Ansprüche eines modernen Museumsbaus?

Über Eck begegnen sich die rekonstruierte historische Architektur mit der modernen Bauweise am Berliner Humboldt Forum, das am Mittwoch virtuell eröffnet wird.
Über Eck begegnen sich die rekonstruierte historische Architektur mit der modernen Bauweise am Berliner Humboldt Forum, das am Mittwoch virtuell eröffnet wird. © Paul Zinken/dpa

Von Falk Jaeger

Was Dresden erspart blieb, die Tilgung des im Krieg teilzerstörten Residenzschlosses durch das DDR-Regime, war in Berlin bittere Realität geworden. Wiederaufgebaut wurden beide. Gab es in Dresden hin und wieder Debatten um das Wie, wurde beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit über Form und Inhalt grundsätzlich debattiert. Ideologische und politische, architektonische und ästhetische Positionen prallten auf verschiedensten intellektuellen Ebenen unversöhnlich aufeinander. Mit der Neuaufführung einer alten Musikpartitur vergleichen es die einen, was die anderen als Kunstfälschung anprangern. Kann man verantworten, sagt der eine Historiker. Geschichtsklitterung, empört sich der andere. Gott sei Dank ist der abgrundhässliche Palast der Republik endlich aus dem Stadtbild getilgt, geben sich die einen hochzufrieden, während die anderen den Verlust eines Stücks DDR-Identität beklagen. Verherrlichung des militaristischen Preußentums, politische Restauration, DDR-Nostalgie – die Holzhammerargumente flogen hin und her.

Zudem gab es anfangs keine überzeugenden Nutzungsvorstellungen für das teure Stück. Bis plötzlich 2000 die Idee von einem „Humboldt-Forum“ aufkam, ein internationales Diskussionsforum, hinterfüttert mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie Aktivitäten der Humboldt-Universität. Das Projekt nahm Fahrt auf, blieb aber umstritten: Ein hilfloses zusammengestückeltes Sammelsurium an Nutzungen, ätzten Kritiker und fanden Einbäume und Indianerzelte in preußisch-barockem Ambiente ebenso unpassend wie unattraktiv.

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Das Gebäude des Humboldt Forums am Berliner Schlossplatz vor der Eröffnung.
Das Gebäude des Humboldt Forums am Berliner Schlossplatz vor der Eröffnung. © Fabian Sommer/dpa

Doch wiederaufgebaute Schlösser haben Konjunktur. Einfach schön, findet es der Mann auf der Straße, schöner als den Palast der Republik, schöner auch als alle moderne Architektur, die heutige Baukünstler für den Standort vorgeschlagen hatten. Die Bürger, Besucher und auswärtigen Schlossfreunde spendeten für die historischen Fassaden 105 Millionen Euro und haben dem letztlich 677 Millionen Euro verschlingenden Projekt mit auf die Beine geholfen. Der Inhalt des Baus war und ist zweitrangig.

Nun steht die Vision endlich vor Augen, und man muss den Hut ziehen. Die Rekonstruktion erscheint auch im Detail überzeugend. Die Steinmetzarbeiten, der skulpturale Schmuck, die Holzfenster, die Kuppel, alles perfekt. Ein wenig Patina, und auch das geübte Auge wird die Fälschung nicht mehr entlarven können. Auch der Osthof, „Schlüterhof“ genannt, weil von dem berühmten Barockbaumeister entworfen, wurde rekonstruiert, desgleichen die Innenseite des Westportals. Doch dann die befremdliche Ostfassade! Irgendwann während des Planungsverfahrens, niemand weiß warum, gab es einen Konsens, dass die aus älteren Renaissance- und Gotikbauteilen zusammengesetzte pittoreske Ostseite nicht rekonstruiert und in zeitgenössischer Form gestaltet werden sollte.

Das Eingangsportal des Humboldt Forums.
Das Eingangsportal des Humboldt Forums. © Fabian Sommer/dpa

Architekt Franco Stella aus Vicenza, der den Wettbewerb um den Wiederaufbau gewonnen hatte, entwarf den Ostflügel im Stil des italienischen Razionalismo, als wär´s ein Stück von De Chirico. So blickt nun das Schloss mit starrer, gänzlich unbarocker Miene Richtung Alexanderplatz und man fragt sich, ob die sich fanatisch für die Rekonstruktion des kaiserzeitlichen Stadtbildes verkämpfenden Schlossfreunde dieses tote Antlitz des janusköpfigen Schlosses wirklich gewollt haben.

Stellas Razionalismo dominiert auch die das Schloss durchquerende Passage und die „Agora“, die viergeschossige Halle im Westflügel. Die Halle mit umlaufenden Arkaden macht Eindruck, wenn auch die Obergeschosse mit ihren grauen Akustikpaneelen wenig inspirierend wirken. In der Agora, die hin und wieder für Veranstaltungen genutzt wird, trifft man sich, kauft Tickets und informiert sich über das Angebot im Haus.

Der Skulpturensaal mit antiken Skulpturen im Humboldt Forum.
Der Skulpturensaal mit antiken Skulpturen im Humboldt Forum. © Fabian Sommer/dpa

Eine seltsam ambivalente Stimmung herrscht in den nüchtern-neutral gestalteten Sälen. Nie hat man das Gefühl, sich in einem Schloss zu befinden, wenngleich die Räume barocken Zuschnitt haben. Doch von attraktiven, für die Sammlungen außereuropäischer Kunst spezifisch entworfenen Räumen und Situationen kann keine Rede sein. An moderne Museumsneubauten werden andere Ansprüche gestellt. Mit dem Pariser Musée du Quai Branly für außereuropäische Kunst zum Beispiel wird man trotz Sammlungen von Weltrang nicht konkurrieren können. Als ärgerlich hat sich der Umstand erwiesen, dass die Kuppel mit der Schlosskapelle zunächst nicht budgetiert war und nicht mit eingeplant wurde. Als die Finanzierung gesichert war, sahen sich die Planer nicht mehr in der Lage, eine Nutzung des Kapellenraums unter der Kuppel zu realisieren; es fehlt an Fluchtwegen und am Brandschutz. Auch eine spätere Rekonstruktion der Raumausstattung ist ausgeschlossen.

Das Foyer des Humboldt Forums mit dem sogenannten "Kosmograph", einer Infotafel mit Bildschirmen.
Das Foyer des Humboldt Forums mit dem sogenannten "Kosmograph", einer Infotafel mit Bildschirmen. © Fabian Sommer/dpa

Nach der Corona-Agonie wird sich erweisen, ob die Bedenken der Schlossgegner gerechtfertigt waren. So viel ist schon klar: Es wird als Sehenswürdigkeit, weniger des Inhalts wegen, ein Publikumsrenner. Etwa wie die Elbphilharmonie, die täglich von Tausenden Besuchern aufgesucht wird, von denen auch nur wenige ein Konzert besuchen. Der rekonstruierte Schlüterhof und die zentrale Passage sind öffentlich zugänglich. Die Leute werden den Bau bestaunen und den Souvenirshop, das Restaurant und vor allem das attraktive Dachrestaurant frequentieren. Die schrittweise Eröffnung beginnt am Mittwoch mit virtuellen Aktivitäten. Die Publikumsöffnung von ersten Bereichen, des archäologischen Fensters im Keller mit den Fundamentresten und Sprenglöchern, der Ausstellung zur Geschichte des Orts und des Schlosses sowie in der Passage jener zu den Brüdern Humboldt sowie der im Januar geplanten Ausstellung „Nimm Platz! Eine Ausstellung für Kinder“ mit einer Art Kita-Ambiente wurden nochmals verschoben.

Das Laufpublikum auch in die Sammlungen und Veranstaltungen zu locken, wird die große Aufgabe sein. Berlin zum Beispiel musste, weil an der Finanzierung beteiligt, unbedingt auch im Haus vertreten sein und zeigt eine schreiend plakative Image-Ausstellung „Berlin Global“, die sich vermeintlichen Sehgewohnheiten Tinderjähriger andient. Der peinliche und überflüssige Auftritt, mit dem man eher auf einer EXPO für die deutsche Hauptstadt werben könnte, aber nicht in der Stadt selbst, wird wohl als erstes einem späteren Revirement anheimfallen.

Blick über die Spree auf das Humboldt Forum.
Blick über die Spree auf das Humboldt Forum. © Fabian Sommer/dpa

Ob das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, die bislang in Dahlem ein Schattendasein führten, im Schloss mehr Strahlkraft entwickeln werden? Mit chinesischen Schriftrollen und Voodoo-Masken im Barockambiente tut sich das Berliner Schloss ungleich schwerer als das Dresdner mit seinen prächtigen historischen Kunstschätzen und Waffen. Und ob das ehrgeizige Völkerverständnis-Kommunikationsprojekt Humboldt-Forum mit dem vielfältigen, ebenso unspezifischen wie unübersichtlichen Veranstaltungsangebot hinreichend Publikum zieht, wird letztlich für den Erfolg des Schlosses und dessen Legitimation entscheidend sein. Ein architektonisches Juwel im baukünstlerischen Sinn ist das Schloss jedenfalls nicht geworden.

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