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Warum hat Döpfner Reichelt so lange machen lassen?

Deutschlands einflussreichster Verleger hielt lange an „Bild“-Chef Julian Reichelt fest. Auch weil dieser Döpfner hörig war. Über eine besondere Beziehung.

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Bild, so sagen Springer-Leute, war, ist und wird immer speziell sein, Boulevard der intelligenten bis niederen Machart.
Bild, so sagen Springer-Leute, war, ist und wird immer speziell sein, Boulevard der intelligenten bis niederen Machart. © Heinrich Löbbers

Von Joachim Huber und Kurt Sagatz

Am Ende hat er seinen Soldaten geopfert und sein Reich gerettet. Jenen Soldaten, den er ausweislich einer Korrespondenz, die nun öffentlich wurde, für den einzigen „Journalist in Deutschland“ hält, „der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“. Er meinte Julian Reichelt, den nun geschassten Chefredakteur der Bild-Zeitung. Er meinte dessen publizistischen Kampf gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Und er, das ist Mathias Döpfner. Deutschlands einflussreichster Verleger, Vorstandsvorsitzender Axel Springer SE. Ein Mann mit einem Plan. Und Reichelt stand ihm im Weg. Er hat das nur lange nicht gesehen. Vielleicht: nicht sehen wollen.

Es war ja eine besondere Beziehung. Der ehemalige Musikkritiker Döpfner und der ehemalige Kriegsreporter Reichelt. Wer sich in der Bild-Zeitung umhört, erfährt von der großen Faszination, die Döpfner für den Bild-Chef gehegt haben muss. Für dessen Energie, sein schreiberisches Talent. Vor allem für seine Härte. Döpfner, heißt es im Haus, liebt die Disruption. Die Störung. Und Reichelt, wenn man so will, war genau das. Pure Disruption. Nur ging es Döpfner immer um Disruption. Vor allem im Geschäft. Um Revolution.

Reichelt hat, wenn man den Anschuldigungen, die nun durch eine Recherche des Investigativteams des deutschen Ippen-Verlages und der amerikanischen New York Times öffentlich wurden, glauben kann, Menschen zerstört. Am Ende sich und seine Karriere. Machtmissbrauch lautet der Vorwurf. Und Döpfner muss sich fragen lassen, warum er das nicht verhindert hat.

Mathias Döpfner leitet seit fast 20 Jahren erfolgreich den Axel Springer Verlag. Und er strebt nach mehr.
Mathias Döpfner leitet seit fast 20 Jahren erfolgreich den Axel Springer Verlag. Und er strebt nach mehr. © dpa

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass man bei Springer längst gewarnt war. Schon bevor ruchbar wurde, dass Reichelt jungen Kolleginnen systematisch nachgestellt haben soll, war seine diktatorische Art mehrfach Thema im Vorstand. Döpfner hielt an ihm fest.

Um zu verstehen, warum, warum so lange und warum nun nicht mehr, lohnt ein Blick in Döpfners Vergangenheit. 2022 wird er den Medienkonzern, die Axel Springer SE, 20 Jahre als Vorstandsvorsitzender leiten. Eine Aufgabe, die die „Mischung aus Schöngeist und Teppichverkäufer“ (D. über D.) mindestens so geprägt hat, wie er den Printverlag aus Deutschland in die globale Mediensphäre geschossen hat.

Wenn Döpfner mit dem neuen Chefredakteur Johannes Boie, der anders als sein Krieger-Vorgänger Reichelt ein Zivilist ist, den Bild-Kosmos kulturell erneuern will, dann ist ihm das in der nationalen wie internationalen Gesamtheit der Springer-Aktivitäten aus Publizistik und Rubrikengeschäft schon geglückt. Im Springer-Reich vor Döpfner herrschte noch der Geist der 50er-Jahre mit Oben und Unten, Kommando und Gehorsam. Speziell die Frauen, die in jener Periode aus roter Bild und blauer Welt gearbeitet haben, wissen davon ein garstig Lied zu singen.

Döpfner wollte es anders. Mit Transparenz, flacher Hierarchie, mit Dialog sollte eine sich modernisierende deutsche Gesellschaft auch den wachsenden Konzern mit heute 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit bestimmen.

Döpfner gilt als inspirierend, ja als Menschenfänger

Döpfner immer mit gutem Beispiel voran: Er gilt als inspirierend, ja als Menschenfänger. Eine langjährige Mitarbeiterin sagt, Döpfner gehe stets in den Vertrauensvorschuss. Zugleich habe er auch hohe Erwartungen, die mit großer Leistung und guten Zahlen zu begleichen seien. Es gelte das Leistungsprinzip wie eben auch die fünf Springer-Essentials unmissverständliche Leitplanken für einen Arbeitseinsatz im Springer-Universum seien. Der Konzern ist und will wahrlich das sein, was man einen Tendenzbetrieb nennt.

Eine Plattform wie die Online-Jobbörse Stepstone mag da als Cash Cow für den Konzern finanziell enorm wichtig sein, doch die wahre Leidenschaft von Döpfner sind der Journalismus und die Publizistik im politischen Feld. Die Chefredakteurinnen und Chefredakteure im Printsektor berichten direkt an ihn.

„Wenn Meinungen und Überzeugungen zu eindeutig daherkommen, reizt es mich, das Gegenteil von dem zu sagen, was mein Gegenüber erwartet, oder das Gegenteil von dem, was die Mehrheit für richtig hält.“ So hat es Döpfner in seinem Buch „Die Freiheitsfalle“ 2011 aufgeschrieben. Es ist kein Plädoyer für Bequemlichkeit, für Selbstgenügsamkeit, für eine Haltung, die Freiheit als selbstverständlich annimmt. Da zeigt sich nicht der geschmeidige Taktiker, der sich den Zeitläufen anschmiegt.

Reichelt war Döpfner hörig

Döpfner ist in seiner Publizistik ein unbedingter Streiter für den Wert der Freiheit. Er bedient sich dabei des Debattentons wie der Polemik. Es wird kernig formuliert im Luther-Deutsch und nicht im Spin-Doctor-Modus gesäuselt. Ein Manager, der auf seinen Intellekt hält, ihn benutzt, anstrengt, über den Maler Georg Baselitz ebenso veröffentlicht wie über Musikkritik und sein Bild von Verlagsgründer Axel Springer oder ein Streitgespräch mit dem Publizisten Manfred Bissinger führt.

Und einer, der in Reichelt einen gefunden hatte, der bei aller diktatorischen Härte gegen die eigenen Mitarbeiter ihm, Döpfner, hörig war. Bei keinem anderen Chefredakteur, so heißt es im Haus, konnte Döpfner so hemmungslos in die Bild-Zeitung reinregieren wie bei Reichelt.

Bild, so sagen Springer-Leute, war, ist und wird immer speziell sein, Boulevard der intelligenten bis niederen Machart. Bild – Zeitung, Online, Fernsehen – ist mächtig (und einträglich), und ein Döpfner wird genau daran nichts ändern wollen. Aber die Arbeitskultur, das Betriebsklima, die müssen geändert werden. Reichelt hat das und Döpfer darin unterschätzt. Er hat vielleicht auch unterschätzt, dass Döpfner nur eines über Faszination geht: Geld.

Julian Reichelt hat als Chefredakteur der Bild-Zeitung seine Machtposition ausgenutzt. Am Montag wurde er suspendiert.
Julian Reichelt hat als Chefredakteur der Bild-Zeitung seine Machtposition ausgenutzt. Am Montag wurde er suspendiert. © dpa

Geld, das Reichelt mit seinem Machtmissbrauch, seinen Affären und Skandalen in Gefahr brachte. Reichelt – raus und aus. Döpfner kann so hart sein, wie er sich charmant gibt. Wenn es um das große Ganze geht. Das große Ganze: Döpfner hat sich vom Musikkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Assistenz beim mächtigen Gruner+Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen über Chefredakteursposten bei Hamburger Morgenpost und der Welt bis hin zum Zeitungsvorstand im Springer-Konzern hochgearbeitet, bevor er 2002 ganz oben auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden ankam.

Doch Döpfner ist mehr als ein erfolgreicher Manager. Früher als andere in der Branche hat er das Unternehmen auf eine konsequente Digitalstrategie eingeschworen und sogar das Regionalzeitungsgeschäft, die Keimzelle des Springer-Imperiums, abgestoßen. Immer in Übereinstimmung mit Friede Springer. Vor einem Jahr hat sie ihrem Getreuen ein großes Aktienpaket überlassen, Wert: eine Milliarde Euro. Insgesamt hält Döpfner nun einen ebenso großen Anteil am Unternehmen wie die Verlegerwitwe selbst, für die er zudem die Stimmrechte wahrnimmt. Mehr Macht geht nicht.

Unweigerlich kommt einem der Vergleich mit dem Film „Citizen Kane“ mit Orson Welles in Anlehnung an den Medien-Tycoon William Randolph Hearst in den Sinn. Zumal sich derzeit die internationale Expansion des Springer-Konzerns mit einem Multi-Milliarden-Dollar-Investment vollzieht. Nach dem Kauf von „Business Insider“ und „Morning Brew“ hat das Medienhaus am Dienstag den Kauf des Nachrichtenunternehmens Politico und damit die größte Übernahme der Firmengeschichte endgültig unter Dach und Fach gebracht, nachdem Springer bereits zuvor 50 Prozent an Politico Europe hielt. Der Kaufpreis beläuft sich auf eine Milliarde Dollar. Der Konzern ist nun zu 100 Prozent Eigentümer der US-Mediengruppe.

Streben nach mehr Macht in den USA

Der Plan ist klar: Nicht der einflussreichste Verleger Deutschlands will er bleiben. Er strebt nach dem großen Wurf. Mindestens nach mehr Macht in den USA. Nach der großen Disruption. Was ist dagegen das Minibeben, das die Entlassung eines Mitarbeiters auslöst?

Einer, der ihn lange kennt – und ihn bis heute schätzt – beschreibt Döpfner so: „Er kann ungeheuer charmant und empathisch sein oder kalt und emotionslos. Und beides wechselt jäh. Das macht seine Faszination aus.“ Nur so lässt sich vielleicht erahnen, dass selbst in dieser Krise, die das Potenzial hatte, die US-Expansionspläne ernsthaft in Gefahr zu bringen, Döpfner ohne große Schrammen davonzukommen scheint.

Der amerikanische Springer-Investor KKR hat Döpfner gerade erst sein „volles Vertrauen“ ausgesprochen. Döpfner habe eine „fantastische Erfolgsgeschichte geschrieben“, gab der europäische KKR-Co-Chef Philipp Freise im „Manager Magazin“ zu Protokoll. Das Interview war vor dem Skandal geführt worden. Eine Gelegenheit, sich zu den aktuellen Entwicklungen zu äußern, ließ der KKR-Chef aber verstreichen. Dass Döpfner nun unter besonderer Beobachtung steht, wird er selbst am besten wissen. Zum Handeln ist es für die Amerikaner zu früh. Zu viel steht auf dem Spiel.

Kein Zufall

In der Branche vermutet man, dass es kein Zufall gewesen ist, dass ausgerechnet die New York Times die entscheidende Recherche veröffentlichte, die Springer nun so in Bedrängnis brachte. Der Bericht, heißt es von Branchenkennern, sei nicht nur geeignet, Stimmung zu machen gegen den Ausbau der Position von Springer in den USA, sondern richte sich gegen jeglichen Macht- und Einflusszuwachs europäischer Medienunternehmen in den Vereinigten Staaten.

„Das US-Establishment versucht hier, gerade den Verkauf von ,Politico‘ zu sabotieren. Man schießt da aus allen Rohren“, so wird es jedenfalls in Teilen vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger gesehen.

Da wundert es nicht, dass die Berichterstattung zum Fall Reichelt zunächst vom Verleger Dirk Ippen verhindert wurde, eigentlich ein Springer-Konkurrent. Man ahnt, es ging nie um Reichelt allein und noch weniger um dessen mutmaßliche Opfer. Sie standen nur zwischen einem Mann und dem großen Wurf, der nächsten Disruption.