merken
PLUS Deutschland & Welt

Wie steht es um die Einheit?

Seit 30 Jahren suchen die Deutschen nach Gemeinsamkeit. Sie führen Gespräche, kitten Risse. Doch was bedeuten Ost und West für die Jugend?

Florian Wehrstedt, Anna-Lisa Fichte und Anna Diepold sind nach der Wende geboren - trotzdem haben sie persönliche Beziehung zur Wende und Wiedervereinigung.
Florian Wehrstedt, Anna-Lisa Fichte und Anna Diepold sind nach der Wende geboren - trotzdem haben sie persönliche Beziehung zur Wende und Wiedervereinigung. © privat (2); Jungnickel

Der Diskurs um die Wiedervereinigung wird von den Menschen bestimmt, die sie miterlebt haben. Doch nicht nur das vereinigte Deutschland - auch die ersten in ihm geborenen Kinder werden dreißig Jahre alt, sind längst im Wahlalter und gestalten das Land. Wie blicken sie auf die Wende? Wir haben mit drei Nachwendekindern über ihre Beziehung zur Einheit gesprochen.

Anna: "Wir ticken gleich"

Anna Diepold, geboren 1995 in Schongau in Bayern

Anzeige
Ihre Berufserfahrungen sichtbar machen
Ihre Berufserfahrungen sichtbar machen

Der neue „ValiKom Transfer“ - Alle Verfahren der IHK Dresden und Handwerkskammer Dresden wurden bisher erfolgreich beendet!

Für mich gibt es nicht nur eine Heimat. Bei meinen Eltern in Südbayern bin ich zu Hause. Aber wenn ich dann wieder nach Leipzig fahre, sage ich: „Ich fahre nach Hause“. Heimatgefühle entstehen dann, wenn ich mein Leben frei gestalten kann. Leipzig ist der Ort, an dem ich das am allerbesten kann.

Ich lebe seit sechs Jahren in Leipzig, im Januar habe ich meinen Bachelor beendet, jetzt fange ich einen Master in Merseburg an, werde aber in Leipzig wohnen bleiben. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, zum Master nicht wegzuziehen. All das, was ich mir aufgebaut habe, möchte ich nicht wegen eines Studiums aufgeben.

Dass ich hierher gekommen bin, war allerdings mehr oder weniger Zufall. Ich wollte möglichst weit weg von Bayern und hatte mich in Leipzig, Saarbrücken und Berlin auf Studienplätze beworben. Leipzig hat einfach als Erstes zugesagt. Außerdem wollte ich auf hohem Niveau tanzen, und hier gibt es das Leipziger Tanztheater, bei dem das unter professionellen Bedingungen geht. Viele meiner wichtigsten Freundschaften hier habe ich auch über das Tanztheater gefunden.

Anna Diepold studiert Kunstwissenschaften in Leipzig.
Anna Diepold studiert Kunstwissenschaften in Leipzig. © Anja Jungnickel

Dass Leipzig im Osten liegt, habe ich wirklich überhaupt nicht bedacht, bevor ich hergezogen bin. Ich wurde 1995 geboren und natürlich kante ich die Geschichte der DDR und der Wiedervereinigung, doch das alles kam mir immer sehr, sehr weit weg vor. Dass es im Osten vielleicht anders sein könnte als im Westen, bemerkte ich zuerst gar nicht. 

Erst nach und nach hörte ich die Zwischentöne in den kleinen, persönlichen Geschichten der Menschen. Ich habe in einem kleinen Laden gejobbt, dessen Besitzer in der DDR aufgewachsen waren. Als ich hörte, dass sie eine ganz andere Realität erlebt hatten als gleichaltrige Menschen im Westen, verstand ich erst, dass diese Zeit gar nicht so weit weg ist. 

Das gleiche Gefühl hatte ich, als Freunde mir mit Sternen in den Augen von Pittiplatsch erzählten oder mein bester Freund sagte, er sei in Karl Marx-Stadt geboren. Es ist also doch keine so uralte Geschichte, sondern noch präsent. Dennoch habe ich das Gefühl, dass meine Generation trotz der unterschiedlichen Familiengeschichten gleich tickt in der Art und Weise, wie wir leben und auf die Welt blicken.

Aus ihrer Heimat im Allgäu sind die wenigstens in den Osten gegangen, sagt Anna Diepold.
Aus ihrer Heimat im Allgäu sind die wenigstens in den Osten gegangen, sagt Anna Diepold. © Anja Jungnickel

Ich glaube nicht, dass die ostdeutsche Vergangenheit mehr verklärt wird. Allerdings sind es doch eher die fröhlichen Geschichten vom Urlaub in Ungarn oder ähnliches, wenn meine Freunde aus ihrem oder dem Leben ihrer Eltern erzählen. Negatives erfährt man wenig, sondern eher nostalgisch. Aber das ist ja oft so, wenn Menschen aus der Vergangenheit erzählen.

Nur wenige Freunde aus meiner alten Schule sind auch in den Osten gegangen, die allermeisten sind in Bayern oder Westdeutschland geblieben. Ich bin in der alten Heimat schon der bunte Hund, was aber weniger an Leipzig liegt, sondern mehr daran, dass ich was mit Kunst und Kultur mache. Das ist einfach sehr exotisch im konservativen Ostallgäu. Leipzig wird auch eher als das neue Berlin denn als ostdeutsch wahrgenommen. Meine alten Freunde fragen mich eher, was ich mit meiner Wäsche mache, wenn ich so weit weg von zu Hause wohne.

Die niedrigen Lebenshaltungskosten in Leipzig haben es mir ermöglicht, dass ich mit einem kleinen Nebenjob und etwas Unterstützung meiner Eltern den Freiraum hatte, monatelang an der Leipziger Oper unbezahlt herumzuexperimentieren. Das wäre in München nicht gegangen.

Im Osten zu bleiben kann ich mir sehr gut vorstellen. Es ist zwar noch weit weg, aber ich hoffe sehr, dass ich durch meine Arbeit in der Kulturszene die Voraussetzungen dafür geschaffen habe, dass ich hier auch langfristig Arbeit finde. Ich habe mich lange Zeit in meinem Leben nicht zugehörig gefühlt – aber hier tue ich es. Ich fühle mich angekommen und aufgeräumt. Das einzige Problem ist, dass es hier einfach keine Berge gibt!

Notiert von Johanna Lemke

Florian: Dynamo-Fan ja, Ossi nein

Florian Wehrstedt, geboren 1998 in Dresden

Für mich ist eindeutig klar: Ich bin Deutscher und nicht explizit Ostdeutscher. Meine Heimat liegt halt zufällig im Osten des Landes – mehr steckt da nicht dahinter.

Wenn ich auf Usedom Urlaub mache und dort, wo Touristen aus dem ganzen Land unterwegs sind, in meinem Dynamo-Shirt am Strand rumlaufe, ruft vielleicht mal jemand „Dynamo!“, aber keiner „Du Ossi!“. Natürlich ist allen dort klar, dass ich, wenn ich mich so offensichtlich als Dynamo-Fan oute, aus Sachsen und damit aus dem Osten komme. Das ist ja auch korrekt, spielt für mich aber weiter keine große Rolle. Für mich ist das Tragen des Shirts nur ein Bekenntnis zu meiner Heimat und zu meinem Verein.

Florian ist Dynamo-Fan - die SG wurde in Hannover auch schon mal als "Stasi-Verein" bezeichnet.
Florian ist Dynamo-Fan - die SG wurde in Hannover auch schon mal als "Stasi-Verein" bezeichnet. © privat

Allerdings finde ich gerade als eingefleischter Fan, dass es im Fußball noch erhebliche Unterschiede gibt. Da ist in den überregionalen Medien von Ostmannschaften die Rede, egal, ob die von der Küste, aus Thüringen oder halt aus Sachsen kommen. Generell gibt es im Osten weniger Großunternehmen, die als Sponsoren taugen, weshalb es leider kaum Vereine von hier bis in die Bundesliga schaffen. Das Geld macht den Unterschied. Dazu kommt, dass man im Westen manchmal auf klischeehaftes Denken trifft.

Bei Auswärtsspielen wie etwa in Hannover wurde Dynamo schon oft als Stasi-Verein bezeichnet, wird regelmäßig so eine Blöde-Ossis-Nummer aufgezogen. Komischerweise immer nur dann, wenn größere Gruppen aufeinandertreffen. Ich habe es selbst in Hannover erlebt. Ich bin im SGD-Trikot und mit Schal, zusammen mit meinem Vater, zum Stadion gelaufen. Auf dem Weg sind wir noch in eine Kneipe gegangen, die voller Hannover-Fans war. Alles blieb entspannt, man kam sogar mit denen ins Gespräch. Als aber eine Truppe von 20, 30 Dynamoanhängern anrückte, wurden die sofort als arbeitslose Ossis, als asoziale Hartz-IV-Empfänger beschimpft. So etwas nervt mich total.

© Linda Wölfel

Natürlich geht es im Fußball rustikal zu, doch bestimmte Sprüche sind echt dämlich. Zugegeben, unter den Dynamo-Fans gibt es einige, die solche Reaktionen förmlich provozieren, indem sie halt einen auf streitlustige Ossis machen und entsprechende Parolen rufen. 

Mein Ding ist das nicht. Erklären kann ich mir diese Anti-Haltung – wenn es denn nicht nur eine Pose ist – nur damit, dass diese Fans, die meist unwesentlich älter sind als ich, die dafür nötige Wut auf Wessis von ihren frustrierten Eltern übernommen haben. Vielleicht haben sie auch im Westen mal schlechte Erfahrungen gemacht; keine Ahnung, warum die auf „Faust des Ostens“ machen. Persönlich kenne ich keinen, der ernsthaft so drauf ist.

Generell überleben die Denk-Schemata Ost/West nicht zuletzt, weil sie von den Medien bedient werden. Da heißt es: „Die Wirtschaft im Osten hinkt hinterher.“ Im ganzen Osten? Wohl kaum. Da gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Wie ja auch zwischen Bayern und Bremen. Nur da verallgemeinert das ja auch keiner zur „Westwirtschaft“.

Völlig unabhängig von der realen Wirtschaftslage sehe ich meine Zukunft in Dresden. Ich würde beispielsweise nicht nach München gehen, nur, weil ich dort sicher mehr verdienen könnte. Hier habe ich Familie, Freunde, meinen Verein, das sind starke Argumente fürs Bleiben. Und letztlich lebt es sich doch in München kaum anders als in Dresden.

Freunde von mir sind vor vier Jahren wegen der Ausbildung nach Hamburg gegangen und leben seither dort. Sie zu besuchen reicht mir völlig; obwohl die Stadt schön ist, gefällt es mir in Dresden einfach besser. Das hat aber nichts damit zu tun, dass Hamburg im Westen liegt. Ich würde genauso ungern nach Erfurt, Rostock oder Halle umziehen.

Tja, ist Deutschland ein einig Vaterland? Jein. Für mich persönlich schon, aber manche Ältere werden es vielleicht tatsächlich nicht mehr so empfinden. Alle, die ich aus meiner Generation kenne, ticken jedoch gleich und denken nicht wirklich in simplen Ossi-Wessi-Kategorien.

Notiert von Andy Dallmann.

Anna-Lisa: "Ich würde immer zurückkehren"

Anna-Lisa Fichte, geboren 1997 in Annaburg bei Wittenberg

Dass Ost und West nicht dasselbe sind, ist mir als Kind natürlich nicht aufgefallen. Später habe ich dann doch gemerkt, dass es noch Unterschiede in der Mentalität gibt. Zum Beispiel, dass Geld und Besitz für viele Westdeutsche eine stärkere Rolle gespielt haben als für Ostdeutsche. Zumindest in meiner Familie wurde nicht so aufs Geld geschaut und darauf, wie man den Besitz vergrößern kann. Aber seit ich erwachsen bin, hat sich da schon etwas verändert. Heute mache auch ich mir mehr Gedanken darüber, wie ich nach dem Studium mein Leben bestreiten kann.

Was ich außerdem für typisch ostdeutsch halte, ist eine gewisse Bodenständigkeit. Dass man weiß, wo man herkommt und sich auch immer wieder dort hingezogen fühlt. Im Westen scheint es eher normal zu sein, sich früher abzunabeln, woanders hinzugehen und neue Orte und Länder kennenzulernen und vielleicht auch da zu bleiben. 

Ich wäre da nicht abgeneigt, aber ich denke, ich würde immer zurückkehren. Obwohl ich mir manchmal gar nicht so sicher bin, ob das wirklich unterschiedliche Ost-West-Prägungen sind, oder ob es einfach an der individuellen persönlichen Herkunft liegt. Meine Familie war schon immer sehr heimatverbunden; kein Wunder, dass ich da so ähnlich fühle.

Anna-Lisa Fichte war als Kind nicht klar, dass Ost und West nicht dasselbe sind.
Anna-Lisa Fichte war als Kind nicht klar, dass Ost und West nicht dasselbe sind. © privat

Überhaupt finde ich es nicht leicht, von mir zu sagen, ob ich mich als Ostdeutsche empfinde und was an mir vielleicht sogar typisch ostdeutsch ist. Einerseits fand meine Sozialisierung ja in Ostdeutschland statt, in einer ostdeutschen Familie, in der oft über Ost-West-Themen geredet wurde. Auch über das Leben in der DDR und über das, was meine Eltern und Großeltern heute eher vermissen. Zum Beispiel diesen Zusammenhalt und das Miteinander, und dass man sich aufeinander verlassen kann.

Wobei es manchmal auch ein bisschen komisch ist: Wenn ich mir heute mehr Zusammenhalt und mehr Miteinander wünsche, habe ich irgendwie auch das im Kopf, was meine Eltern mir von früher erzählt haben. Aber ich habe die DDR ja nie kennengelernt. Ich kann also gar nicht wissen, wie ich es selbst empfunden hätte und ob das mit dem Zusammenhalt wirklich so gut und so anders war im Osten.

Das scheint mir überhaupt eher ein generelles Thema zu sein: Ich habe das Gefühl, dass viele Leute es vermissen, sich auf andere verlassen und auf ein Miteinander bauen zu können. Dass viele Leute vor allem ihr eigenes Ding machen. Aber unser System setzt ja auch verstärkt auf Eigeninitiative und Eigenverantwortung. Da hat es natürlich auch sein Gutes, dass man nicht ständig auf andere angewiesen ist. Manchmal wünsche ich mir schon mehr Verlässlichkeit und weniger „Ich-Mentalität“.

Etwas fällt mir aber doch noch ein, was ganz sicher typisch ostdeutsch an mir ist und mit meiner Prägung zu tun hat: Meiner Eltern sind schon immer beide berufstätig gewesen, sodass ich zu einem großen Teil bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Das scheint mir schon sehr DDR-typisch zu sein, dass die Großeltern in die Erziehung stärker miteinbezogen wurden.

Womit wir bei den Klischees sind: Ich finde, dass die meisten Erzählungen über die DDR immer noch überwiegend negative Bilder produzieren. Das erlebe ich auch während des Studiums in Dresden. Eben weil bei uns aber immer viel über die DDR-Zeit erzählt wurde, weiß ich, dass sich der Großteil des Lebens der Menschen abseits des Politischen abgespielt hat und dass dieses Alltagsleben auch sehr viele schöne Seiten hatte, vielleicht sogar überwiegend schöne Seiten – kommt darauf an, was unsere Eltern und Großeltern jeweils erlebt haben. 

Oder eben erleben mussten. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen mir als Ostdeutscher und meinen westdeutschen Kommilitoninnen: Obwohl niemand von uns die DDR erlebt hat, betrachten wir das Thema DDR-Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven.

Weiterführende Artikel

Wir sind stolz auf Schwarz-Rot-Gold

Wir sind stolz auf Schwarz-Rot-Gold

Das deutsche Erbe von ’89 ist in der Welt von heute wichtiger denn je, sagt Bundespräsident Steinmeier. Ein Beitrag aus unserer Reihe "Perspektiven".

Vaatz im Landtag: Einheitstag mit neuen Rissen

Vaatz im Landtag: Einheitstag mit neuen Rissen

Festredner Arnold Vaatz wird im sächsischen Landtag umjubelt. Doch die Abgeordneten von Grünen, SPD und Linkspartei bleiben fern.

"Wir werden niemals gleiche Lebensstandards schaffen"

"Wir werden niemals gleiche Lebensstandards schaffen"

Ein Gastbeitrag des früheren Bundesinnenministers Dr. Thomas de Maizière (CDU) zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit.

Foto-Serie: Mein erstes West-Ding

Foto-Serie: Mein erstes West-Ding

Was haben sich Ostdeutsche von ihrem Begrüßungsgeld gekauft? Eine Fotografin hat aus der Frage eine erstaunliche Serie gemacht.

Aber grundsätzlich muss ich sagen: Ich empfinde zwar noch Unterschiede, aber die haben kaum noch was mit „besser“ oder „schlechter“ zu tun. Sondern einfach mit „anders“, ohne Abwertungen. Außerdem sind diese Unterschiede auch nicht besonders gravierend. Und ich habe den Eindruck, dass sie in meiner Generation mehr und mehr verschwinden. Auch weil kaum noch jemand Lust darauf hat, krampfhaft nach Dingen zu suchen, die uns unterscheiden.

Notiert von Oliver Reinhard.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt