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Fluch und Segen des Prinzen

Seit der britische Thronfolger Prinz Charles im Siebenbürgen-Dorf Deutsch-Weißkirch einen Hof gekauft hat, ist es dort mit der Beschaulichkeit vorbei.

Am frühen Morgen holen die Hirten die Kühe der Dorfbewohner ab, in den Abendstunden treiben sie das Vieh von der Weide wieder zurück in den Ort.
Am frühen Morgen holen die Hirten die Kühe der Dorfbewohner ab, in den Abendstunden treiben sie das Vieh von der Weide wieder zurück in den Ort. © Till Mayer

Von Till Mayer

Viscri/Deutsch-Weißkirch. Die Staubwolke rückt näher, quert die kleine Brücke am Ortseingang. Asphalt verschwindet unter Fellrücken. Ein halbes Dutzend Autos steht im Wartemodus. Ein SUV-Fahrer reißt die Tür auf, flucht gen Himmel und stellt sich mit verschränkten Armen schützend vor seinen Wagen. Das Nummernschild des Premium-Wagens zeigt, der Mann kommt aus Bukarest. 350 Vierhufer marschieren auf ihn zu. Fast alles Fleckvieh, dazu einige Büffel, dazwischen klappern die Hufe von etlichen Pferden. Seitlich rennen Hütehunde, die kläffend dafür sorgen, dass das Vieh nicht zu langsam und vor allem stringent Richtung Heimatstall trottet. Den SUV-Mann lehren fünf schwarze Büffel das Fürchten um den Autolack und unversehrtes Blech. Die Tiere schieben sich respektlos an ihm vorbei, schielen neugierig in die Fenster der Edelkarosse. Dann ist die Kuhherde weitergezogen.

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Jeden Morgen, jeden Abend ist im sommerlichen Viscri dasselbe Bild zu sehen. Gegen sechs Uhr sammeln die Hirten bei den Dorfbewohnern das Vieh ein. Dann beginnt der Auftrieb zur Huteweide. Am Abend, wenn die Sonne langsam untergeht, geht es für die Tiere zurück. So haben sie das schon gemacht, als Viscri Ende des zwölften Jahrhunderts von Siebenbürger Sachsen gegründet wurde: als Deutsch-Weißkirch, auch heute neben dem rumänischen Namen offizielle Ortsbenennung. Wer den Hirten folgt, meint, die Zeit sei seitdem stehen geblieben. Es gibt nur Wald, Wiese und den mächtigen Wehrturm der Kirche zu sehen.

Bei der ersten großen Kreuzung im Dorf warten schon die Viehbesitzer, um ihre Tiere abzuholen. Kleine, geduckte Katen stehen hier, mit einem, höchstens zwei Zimmern. Ärmliche Behausungen, aber mit in leuchtenden Farben stolz bemalten Hausfassaden. Die größeren Höfe stehen im oberen Dorf. Von dort schlendert ein großer Mann heran. Dietmar Gross freut der Anblick der Viehherde. Die eine oder andere Kuh hat er selbst gespendet. Oder Bekannte aus Deutschland. Die Kühe sind für den 70-Jährigen wichtig. „Sie sind der Schlüssel für eine Zukunft als ein weiter nachhaltiges Dorf“, sagt er. Sind die Paarhufer weg, befürchtet er, verschwindet auch die Seele von Deutsch-Weißkirch. Und die Gefahr ist durchaus gegeben.

Dietmar Gross ist in seine alte Heimat zurückgekehrt. Dort setzt er sich jetzt für den Erhalt der Dorfstrukturen ein.
Dietmar Gross ist in seine alte Heimat zurückgekehrt. Dort setzt er sich jetzt für den Erhalt der Dorfstrukturen ein. © Till Mayer

Dietmar Gross ist Siebenbürger Sachse, so heißt die größte und älteste deutsche Minderheit in Rumänien. Vor über 800 Jahren wurde sie angesiedelt. Als wehrhafte Bauern und Handwerker hielten sie den anstürmenden Mongolen und später Osmanen stand. Davon erzählen bis heute trutzige Wehrkirchen in Transsilvanien (Siebenbürgen), auch in Deutsch-Weißkirch. Als Student kam Gross 1974 nach Deutschland, blieb und war zu seiner Pensionierung im Jahr 2010 Forstamtsleiter im oberfränkischen Lichtenfels. Einer, der seinen Beruf als Naturschützer ausgesprochen ernst nahm. Das bekam so mancher politische Amtsinhaber schnell zu spüren. Die Waldbesitzervereinigung Bad Staffelstein im Landkreis Lichtenfels ernannte den streitbaren Waldschützer sogar zum Ehrenmitglied. Beim Bund Naturschutz ist er bis heute Aktivposten auf Landesebene.

Seine alte Heimat in Osteuropa hatte Gross nie losgelassen. Er hielt Kontakte mit rumänischen Förstern und Umweltschützern. Im Jahr 2000 kaufte er in Deutsch-Weißkirch einen alten Hof. Das Dorf war damals ein verträumtes Nest im Dornröschenschlaf. Umgeben von einer atemberaubenden Natur. „Fuhr ein Auto über die unbefestigte Dorfstraße, dann guckten die Alten aus dem Fenster“, erzählt Gross. Ruhe und Beschaulichkeit, das wollte er mit seiner Frau Gerhild erleben. Sie ist gebürtige Deutsch-Weißkirchnerin. Der alte Hof wurde über Jahre hinweg mustergültig saniert. Der Name Paradiesgarten für den Innenhof mit seiner Terrasse unter Bäumen, dem Wein, der über Mauerwerk und Bretterwände rankt, ist nicht übertrieben.

Zusammen mit der Mihai-Eminescu-Stiftung ermöglichte der britische Thronfolger Prinz Charles Gelder für die Sanierung des Welterbe-Dorfs.
Zusammen mit der Mihai-Eminescu-Stiftung ermöglichte der britische Thronfolger Prinz Charles Gelder für die Sanierung des Welterbe-Dorfs. © Ben Birchall/PA Wire/dpa

Dann kam der Fluch des Prinzen. Nicht, dass Seine Hoheit Böses im Sinn gehabt hätte. Deutsch-Weißkirch, das ist genau so ein Dorf, wie es Prinz Charles gefällt. Die Bauern arbeiten im Einklang mit der Natur. Gelebte Traditionen, Kleinlandwirtschaft und funktionierende Ökosysteme bestimmen den Alltag. Die historische Bausubstanz ist beeindruckend gut erhalten. Zusammen mit der Mihai-Eminescu-Stiftung ermöglichte der britische Thronfolger Gelder für die Sanierung des Welterbe-Dorfs.

Einen der typischen Höfe des Straßendorfs – mit Tor und Giebel zur Vorderseite und im Abschluss rückseitig mit einer Scheune – hat sich der Prinz gekauft. „Dann war es mit der Beschaulichkeit bald vorbei. Selbst Prinz Charles ist es zu viel geworden, er war schon mindestens drei Jahre lang nicht mehr hier“, sagt Gross. Sein Haus mieten jetzt gut betuchte Sommerfrischler. Gross würde vermutlich nicht von einem Prinzen-Fluch sprechen, doch der Segen des Tourismus wirft einen langen Schatten auf Deutsch-Weißkirch. Wenn an Sommerwochenenden der ganze Ortskern zugeparkt ist. Der Straßenstaub kaum noch zum Liegen kommt, weil dauernd ein Wagen auf dem Schotter am Rollen ist. „Viel zu wenige der Tagesausflügler nutzen den Parkplatz am Ortsrand. Jeder fährt bis zum letzten Meter“, ärgert sich Gross. Auch der Parkplatz ist der Initiative des Ex-Försters zu verdanken. „Es ist wichtig, dass der Tourismus sanft bleibt“, sagt der 70-Jährige.

Dann öffnet ihm Dominica Vasilache die knarzende Gartentür. Ein vorwitziges Schaf schnuppert an Gross, doch der will sich die Kuh ansehen. Sie ist Teil seines Projekts. Bedürftige Roma-Familien bekommen von ihm eine Kuh zur Verfügung gestellt. Den Milchertrag kann die Familie behalten, Kälber gehen ebenso in ihr Eigentum über. Voraussetzung ist, sie müssen den Hirten die drei bis vier Euro im Monat zahlen, um das Tier auf die Weide treiben zu lassen. „Und im Winter heißt es dann, ausschließlich mit Heu aus dem Umfeld zu füttern. Kein Kraftfutter also, sondern die Ernte einer Mahd, die die extensiven Blumenwiesen schützt“, erklärt der Förster im Ruhestand. Durch die Beweidung werden auch die Eiche-Huteweiden erhalten, die der eigens von Gross mitgegründete Viehhalter-Verein „Agro-Eco Viscri-Weißkirch“ gepachtet hat.

Den Bau von kleinen Ställen hat Gross ebenfalls finanziert, damit bedürftige Familien Vieh halten können und nicht gezwungen sind, als Billigarbeiter im Ausland ihr Glück zu suchen. „Bei Großschlachtereien wie Tönnies arbeiten viele Rumänen. Es ist doch so, ich bin mit meiner schönen deutschen Beamten-Pension sehr privilegiert. Und da sollte man einfach etwas abgeben, damit jeder hier eine Chance hat“, erklärt Gross.

Dominica Vasilache profitiert in der Dorfbäckerei vom Tourismus-Boom.
Dominica Vasilache profitiert in der Dorfbäckerei vom Tourismus-Boom. © Till Mayer

Es ist nicht so, dass immer alles reibungslos funktioniert. Eine Roma-Familie zog kurzerhand selber in den Stall, weil er solider war als das Haus. „Eine Familie hat die Viehzucht aufgegeben, weil die Milchpreise so niedrig sind“, erklärt der Siebenbürger weiter. Dominica Vasilache profitiert vom Tourismus-Boom in Viscri. Die 45-Jährige hat einen Job in der Dorfbäckerei gefunden. Urlauber sind wichtige Kunden. Aber so ganz geheuer sind ihr die vielen Besucher nicht. „Ich bin da neutral“, sagt sie. Aber die meisten Touristen seien höflich, meint sie ein wenig schüchtern.

Nicht in den Straßen, wo die Roma wohnen, ist der Wert der Immobilien gestiegen, aber um das Vielfache dort, wo die schönen historischen Höfe der Siebenbürger Sachsen stehen. Auch Peter Maffay hat sich dort einen Hof gekauft.Direkt gegenüber vom Anwesen von Dietmar Gross wohnt seit Jahrhunderten die Familie von Martin Teutsch. Sein Nachname Teutsch stamme vom Dorflehrer, der erst 1860 in den Ort kam. Er entschuldigt sich fast. Erst 1860! Der Bauer Martin Teutsch ist geblieben, als Ende der 1990er-Jahre die meisten Siebenbürger Sachsen dem harschen Leben im Dorf den Rücken kehrten. Mit frisch ausgestelltem deutschem Pass in die Bundesrepublik ausreisten. Der 47-Jährige erzählt davon, wie es Anfang der 1990er-Jahre nur einen einzigen Telefonanschluss im ganzen Ort gab – in der kleinen Post. „Heute gibt es eine Kanalisation, und endlich ist die Ortsverbindungsstraße saniert“, sagt der Landwirt. Er ist heute noch enttäuscht, wie nach der Wende im ganzen Land alte Seilschaften Land und Betriebe unter sich aufteilten.

Beschauliches Dorfleben – doch in Deutsch-Weißkirch ist es in den vergangenen Jahren unruhiger geworden.
Beschauliches Dorfleben – doch in Deutsch-Weißkirch ist es in den vergangenen Jahren unruhiger geworden. © Till Mayer

Der Tourismus, den sieht er als Chance. Um seinen leckeren Honig zu verkaufen und alle seine Bio-Produkte. Zwei Höfe besitzt er, einen will er vielleicht zum Gästehaus umbauen. Irgendwann, das weiß er, wird er bei allem Improvisationstalent seine beiden betagten Traktoren nicht mehr zum Laufen bringen. Dann steht eine teure Investition an. Er muss über Einnahmealternativen nachdenken. Und trotz Corona, das sieht er, ist das ganze Dorf voll mit Urlaubern, hauptsächlich aus dem Inland.

„So hab ich mir das mit dem Ruhestand nicht vorgestellt“

Vor dem Tor vom Gross’schen Anwesen haben sich vier deutsche Touristen verlaufen. „Oh, dürfen wir da mal reingucken?“, fragen sie, als sie mitbekommen, dass der 70-Jährige Deutsch spricht. Der Siebenbürger Sachse seufzt. „Aber bitte nur kurz“, brummelt er. Nach Ah und Oh verschwinden die Besucher wieder. Und nach der Frage, warum denn an der Wand das Schild „Forstamt Lichtenfels“ hängt. „So hab ich mir das mit dem Ruhestand nicht vorgestellt“, sagt Gross und blickt dem Quartett ein wenig unglücklich hinterher.

Gerade kommt seine Frau nach Hause. Gerhild Gross ist die gute Seele für die Kirchenburg von Deutsch-Weißkirch. Sie verkauft dort die Eintrittskarten, kümmert sich um das kleine Museum, ist Organistin und als Verwalterin der Kirchengemeinde aktiv, im Kirchenvorstand sitzt ihr Mann. Sie weiß viel zu erzählen aus den Zeiten, als das ganze Dorf seinen Speck im Speckturm der Wehrkirche deponierte. Und wenn es die Zeit zulässt, dann setzt sie sich auch an die betagte Orgel und bringt auf dem schlichten Instrument das Gotteshaus zum Klingen.

Ihr Mann hat derweil zwei Ziele für das Dorf. Eine Vereinskäserei soll entstehen: „Das wäre eine direkte Wertschöpfung für die Dorfbewohner.“ Das Gebäude ist schon erworben. Ein ehemaliger Stall der Kollektivwirtschaft aus dem verblichenen Kommunismus. Er liegt direkt gegenüber vom Parkplatz. Und dorthin will Gross auch die Besucherautos lenken. Das entpuppt sich als schwierig ohne Unterstützung der Kommunalpolitik, die das Dorf dann zur anliegerfreien Zone erklären müsste. „Es geht nur sehr mühsam voran“, bedauert Gross. Dabei kann er Erfolge auf höchster nationaler Ebene nachweisen. Nicht zuletzt dank seiner beharrlichen Netzarbeit ist nun ein naher Urwald in den Südkarpaten zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt worden. 

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