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Machen Sie doch anderen mal ein Geschenk – einfach so!

Ich möchte lieber gar nichts bekommen, dann muss ich auch nichts geben – so denken heute viele. Doch es lohnt sich, das Nehmen - und Geben - wieder zu lernen.

Machen Sie doch anderen mal ein Geschenk – einfach so.
Machen Sie doch anderen mal ein Geschenk – einfach so. © Malte Christians/dpa

Von Ilona Bürgel

Es ist Montagmorgen, und ich verlasse meine Wohnung. Neben der Tür sehe ich ein Geschenk mit großer Schleife und wundere mich. Ich habe weder etwas erwartet noch Geburtstag oder ein Jubiläum. Ist das wirklich für mich? Und wenn ja, von wem? Kurz verselbstständigen sich die Gedanken. Ein unbekannter Verehrer? Das wäre romantisch, aber eher im Kino als im realen Leben denkbar. Freunde würde klingeln, meine Familie ebenso. Sehr spannend. Ich erkenne schon von außen eine Schokolade. Eine, die zu mir passt. Denn ich mag einen hohen Kakaoanteil. Es muss also von jemandem sein, der mich kennt.

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Auf der Suche nach einem perfekten Geschenk? Ein Geschenk, das nicht sofort wieder weggelegt wird, sondern das ganze Jahr über hält?

Ich öffne die Karte und wundere mich immer mehr, denn mir wird ein schöner Start in die Woche gewünscht. Und zwar von Tilo. Ich kenne nur einen Tilo, und der wohnt bei mir im Haus und ist fünf Jahre alt. Mein Staunen wächst. Ich erkenne, dass er zumindest persönlich unterschrieben hat, so wie Fünfjährige, die beim Unterschreiben malen. Ich bin sprachlos.

Prinzip der Gegenleistung tief verankert

Mein Gehirn ist allerdings nicht sprachlos. Denn es entwickelt erstaunliche Szenarien. Ist etwas von mir beim Spielen kaputt gegangen und dies ist eine Entschuldigung? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Ball etwas beschädigt. Doch ich wüsste nichts dergleichen. Ich suche nach Erinnerungen, ob ich vor Kurzem etwas für Tilo getan habe und dies ein Dankeschön sein könnte. Doch es fällt mir nichts ein.

Die nächsten Gedanken befassen sich mit der Frage, wie ich antworten soll? Und mit oder ohne Geschenk? Ich bin überfordert.

Aus dem ersten Moment der Freude wird Unruhe. Eigene Kindheitserinnerungen werden wach. Es wurde stets darauf geachtet, jeden zu grüßen, sich angemessen für Geschenke zu bedanken, kurzum ein höflicher Mensch zu sein. Ich bin gern ein höflicher und dankbarer Mensch. Doch heute erschrecke ich, was die gute Absicht, mir eine Freude zu bereiten, mit mir macht.

Gerade das Thema Gegenleistung scheint tief in uns verankert zu sein. Ich höre zum Beispiel auch in Unternehmen, dass Menschen in Überforderungssituationen lieber keine Hilfe annehmen oder danach fragen. Weil sonst umgekehrt etwas von ihnen erwartet werden könnte.

Wir verlernen das Nehmen

Zu geben gehört energetisch gesehen zum Yang-Prinzip, dem aktiven oder männlichen. Genau wie Struktur, Tempo, sich mit der äußeren Welt zu befassen oder sich anzustrengen. Dieses Prinzip wird in unserer Gesellschaft sehr geschätzt. Wir vergessen dabei, dass es immer eine Balance geben muss. Diese wird durch das Ying-Prinzip erreicht. Dazu gehören abwarten, Pausen machen, Langsamkeit, Innenschau, Gefühl und das Nehmen.

Wenn wir das Nehmen verlernen, fühlen wir uns irgendwann ungerecht behandelt und ausgelaugt. Wir sagen dann schnell, dass sich unsere Gesellschaft zum Schlechteren verändert. Weil wir meinen, immer derjenige zu sein, der gibt – und die anderen tun das scheinbar nicht. Wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass zu jedem Gebenden ein Nehmender gehört. Wenn wir selbst nicht nehmen können, bekommen wir auch nichts. Die Gründe dafür sind vielfältig und meist unbewusst. Ich selbst habe lange nach dem Leistungsprinzip gelebt. Ich dachte, ich müsse erst viel und noch mehr leisten, damit ich mir etwas verdient habe wie Lob, Dank, Freundlichkeit, Hilfe, Anerkennung oder Liebe. Die Messlatte dafür habe ich immer höher gelegt und das nicht mal gemerkt.

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig.
Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig. © Matthias Rietschel

Doch ein Lächeln, ein Geschenk, eine freundliche Geste müssen wir uns nicht verdienen. Wir erhalten sie, weil andere sich freuen, dass wir da sind. Weil sie uns gern haben. Bedenken Sie, wie gern Sie Freude bereiten. Und wie sehr Sie in Verlegenheit geraten, wenn der Andere das nicht einfach annimmt, sondern unsicher ist und etwas dafür zurückgeben möchte. Altruistisches Geben, also zu geben ohne dafür etwas zu erwarten, ist übrigens einer der wirkungsvollsten Glücksmechanismen. Einer, der immer, unabhängig von Geld und Position, einsetzbar ist.

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Die Begebenheit mit Tilo war ein Schlüsselerlebnis: Mich einfach freuen, wenn mir jemand etwas schenkt – und dies bewusst und dankbar annehmen. Vom Nachbarn, der mir die schwere Tasche nach oben trägt, genauso wie vom Kosmetikverkäufer, der mich darauf aufmerksam macht, welche Größe des Cremetiegels das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis hat. Und meinem Nachbarsjungen und seiner Mutter von Herzen danke zu sagen für die schöne Überraschung.

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