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Politik

Halle gedenkt der Opfer des Anschlags

In der früheren Tür der Synagoge von Halle sind die Einschusslöcher deutlich zu sehen. Der Bundespräsident nimmt zum Jahrestag jeden Einzelnen in die Pflicht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlässt die Synagoge in Halle/Saale: Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle wurde der Opfer gedacht.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verlässt die Synagoge in Halle/Saale: Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle wurde der Opfer gedacht. © Hendrik Schmidt/dpa

Halle. Am ersten Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von Halle hat die Stadt mit emotionalen Gesten der Opfer gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief am Freitag bei einer zentralen Gedenkveranstaltung dazu auf, Haltung gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu zeigen. Auf dem Innenhof der angegriffenen Synagoge wurde die zum Denkmal umgestaltete Tür enthüllt, die am 9. Oktober 2019 den Schüssen des Attentäters standgehalten hatte. In den Mittagsstunden versammelten sich Hunderte Menschen auf dem Marktplatz der Stadt und hielten mehrere Minuten lang zu Glockengeläut schweigend inne, um an die zwei Toten, die Verletzten und Traumatisierten zu erinnern.

Steinmeier sagte vor rund 125 Gästen in der Ulrichskirche in Halle, er empfinde Scham und Zorn darüber, dass es nötig sei, jüdische Gotteshäuser in Deutschland zu schützen und dass die antisemitischen Gewalttaten wieder zunähmen. Er verwies zudem auf andere rechtsextreme Gewalttaten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Das Grundgesetz sei eine Verpflichtung für jeden Einzelnen, sich einzumischen. "Jeder und jede muss aufstehen, wenn die Menschenwürde anderer missachtet wird."

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) rief die Zivilgesellschaft zu Achtsamkeit auf. So ein krimineller Terrorakt entstehe nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Umfeld, sagte der CDU-Politiker. Der Oberbürgermeister von Halle, Bernd Wiegand (parteilos), sagte: "Viele Menschen im Umfeld des Attentäters sahen offenbar weg, als er sich radikalisierte."

Die Kränze für den Gedenktag an den Anschlag stehen mit Regenfolie überzogen vor der Synagoge.
Die Kränze für den Gedenktag an den Anschlag stehen mit Regenfolie überzogen vor der Synagoge. © Jan Woitas/dpa

Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Täter Sprengsätze über die Mauer des Synagogengeländes geworfen und versucht, in das Gotteshaus einzudringen. Dort feierten mehr als 50 Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Als das Eindringen misslang, erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin, tötete beim Angriff auf einen nahe gelegenen Dönerimbiss einen 20-Jährigen und verletzte und traumatisierte zahlreiche weitere Menschen, ehe er nach rund eineinhalb Stunden gefasst wurde. Der 28 Jahre alte Deutsche Stephan Balliet hat die Tat eingeräumt, vor dem Oberlandesgericht Naumburg läuft gerade der Prozess gegen ihn.

Der Bundespräsident besuchte am Freitag auch die Tatorte des Anschlags. An der Synagoge wurden mehrere große Kränze niedergelegt und eine Gedenkplakette enthüllt. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte, er sei mit gemischten Gefühlen nach Halle gereist. Die Erinnerung an den Tattag löse immer noch Schmerz aus, gleichzeitig freue es ihn, wie sehr die Gemeinde zusammenstehe und wie viele Solidaritätsbekundungen es gegeben habe. "Deutschland ist unser Zuhause", sagte er. Halle sei das Zuhause der hiesigen Gemeinde und der Familien und Freunde der beiden Getöteten. "Und dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen!"

Die Künstlerin Lidia Edel hatte aus der Tür, die vor einem Jahr den Schüssen des Attentäters standhielt, ein Denkmal gefertigt. Die Tür mit den sichtbaren Einschusslöchern wird von einer Eiche gehalten, deren Äste eine Hand darstellen. 52 silberne Blätter hinter der Tür symbolisieren die Überlebenden des Anschlags - jeweils zwei Blätter vor der Tür erinnern an die Toten und Verletzten.

Am 09. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Als ihm das nicht gelang, erschoss er eine Passantin vor dem Gotteshaus und in einem nahen Dönerimbiss eine
Am 09. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Als ihm das nicht gelang, erschoss er eine Passantin vor dem Gotteshaus und in einem nahen Dönerimbiss eine © Hendrik Schmidt/dpa

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) forderte mit Blick auf den Jahrestag einen wirksameren Schutz jüdischer Menschen in Deutschland. Schäuble wies auch auf den brutalen Angriff auf einen Studenten vor einer Synagoge in Hamburg am vergangenen Sonntag hin. Diese Tat zeige, "dass wir in unserem konsequenten Einsatz gegen gewaltbereiten Antisemitismus und beim Schutz von Bürgern jüdischen Glaubens in unserem Land schnell und deutlich noch besser werden müssen", sagte Schäuble im Bundestag.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, sagte dem "Tagesspiegel": "Gerade in den vergangenen zwei Jahren haben Straftaten, auch Gewalttaten, gegen Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland erheblich zugenommen", sagte Haldenwang dem "Tagesspiegel" (Freitag). Außenminister Heiko Maas (SPD) bezeichnete rechten Terror als "größte Gefahr für unser Land".

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Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Halle, Max Privorozki, erneuerte bei der zentralen Gedenkveranstaltung seine Kritik an einer Äußerung von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Der hatte vor einer Woche laut einem Zeitungsbericht gesagt, dass die Polizei-Einsatzstunden zum Schutz jüdischer Einrichtungen an anderer Stelle fehlten. "Das hat mich wirklich erschrocken", sagte Privorozki. Kritiker hatten dem Minister vorgeworfen, er habe damit den Schutz der jüdischen Einrichtungen als ein Privileg zu Lasten anderer dargestellt. Er selbst sprach erneut von einem Missverständnis. Haseloff betonte in seiner Rede, dass es beim Schutz jüdischen Lebens keine Ressourcen-Diskussion geben dürfe. (dpa)

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