merken
PLUS Feuilleton

In der männlich-weiblichen Falle

Der Duden sucht den Ausweg mit einer fragwürdigen neuen Sprachregelung – und setzt damit das Ansehen der Marke aufs Spiel.

© www.imago-images.de

Von Karin Großmann

Mit der Sprache geht es wie mit dem Wetter. Jeder hat eine Meinung dazu, und jeder kann mitreden. Jede übrigens auch. Da steckt man schon mittendrin im Schlamassel. Das Deutsche erlaubt sprachliche Differenzierungen zwischen ihm und ihr. Das heißt dann gendergerecht, und das ist ein Lieblingshassthema für Sprachfüchse beiderlei Geschlechts.Der Diskurs findet seit Jahren statt. Er schwappt in Wellen hoch und runter. Dabei gibt es gute Argumente auf jeder Seite, und auf jeder wird nach Herzenslust übertrieben, zugespitzt, diffamiert. Frauen reagieren empört, wenn nur die „lieben Bewohner“ eines Hauses per Postwurfsendung sechs Gratismonate fürs Internet angeboten bekommen. Andere argwöhnen spöttisch, es werde künftig keine Agentenromane mehr geben, sondern nur Spionageromane. Sonst könnten sich Agentinnen ausgegrenzt fühlen. Kann sein. Aber nur, weil jemand auf der eigenen Heimseite ausprobiert, wie man unumständlich aus der männlich-weiblichen Falle heraustappt, wird die Sprachregelung nicht zur Pflicht. Oder doch?

Anzeige
„Auf einen Chat mit …!“
„Auf einen Chat mit …!“

Ausbildende und Azubis beantworten ab dem 25. Januar bei digital durchgeführten Infosessions Fragen von Schülern zu Berufsbildern und ihren Unternehmen.

Alles doppelt erklärt

Den jüngsten Anlass für haushohe Wellen liefert die Duden-Redaktion. Sie ist gerade dabei, in ihrer Online-Ausgabe rund 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen zu verändern. Bislang gab es Ärztin und Arzt, und bei der Erklärung des Wortes wurde von ihr auf ihn verwiesen. In der Druckausgabe stehen beide Wörter ohnehin dicht beisammen. Und Platz spart es auch.

Im Online-Duden wird nun jede und jeder für sich erklärt. Die Ärztin ist eine „weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln“. Der Arzt ist eine „männlichen Person, die nach Medizinstudium …“. Und so weiter. Jeder Job wird doppelt verhandelt. Das dauert bis Ende des Jahres. Irgendwann ist auch die Schlussläuferin an der Reihe. Um den deutschen Regulierungsfuror dürften uns andere Länder kaum beneiden.

Der Wandel der Sprache

Natürlich kann der Duden das halten wie der Dachdecker oder die Dachdeckerin. Allerdings setzt die Redaktion damit das Ansehen der Marke aufs Spiel. Denn bislang galt nach Selbstdarstellung des Hauses, dass eine Änderung erst infrage kommt, wenn sie millionenfach belegt ist, über Jahre hinweg und in möglichst vielen verschiedenen Textsorten. Eben das machte die Zuverlässigkeit des Unternehmens aus. Im Duden wird der Wandel der Sprache dokumentiert. Und nicht forciert.

Jetzt aber begründet Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum die Änderung mit kritischen Zuschriften, das Phänomen habe „die breite Masse“ erfasst. Fragt sich nur, wie. Selbst wenn einige Medien und Ämter konsequent auf Gleichberechtigung in der Ansprache achten: Im Alltag ist das nicht angekommen. Es dürfte mindestens so viele Gegner einer geschlechtergerechten Sprache geben wie Befürworter. Sternchen:/-Innen. Und wie beim Wetter glauben sich alle im Recht.

Ohne Rücksicht auf das Geschlecht

Dazu gehören auch jene, die im Zusammenhang mit der Duden-Offensive vor dem Verlust des generischen Maskulinums warnen. Das klingt wie Maskierte Kaltfront, lässt sich jedoch leichter erklären. Bestimmte Wörter werden verallgemeinernd verwendet, ohne Rücksicht auf das Geschlecht des Gemeinten: Mensch, Leichnam, Säugling zum Beispiel. Und wer zum Bäcker geht, meint nicht wirklich den Bäcker, sondern die Bäckerei. Wer einem anderen rät, mal einen Arzt zu fragen, meint generell medizinische Hilfe. Wer den Polizistenberuf für gefährlich hält, meint auch die Gefahr für Polizistinnen. Diese Unschärfe gehört zum Deutschen.

Jeder weiß, was gewollt und gedacht ist. Die Änderungen im Online-Duden aber regulieren das Gewohnte hinweg. Sie reduzieren die Bedeutungsvielfalt. Der einzige Vorteil: Sie befördern die Auseinandersetzung.

Erfindergeist ist gefragt

Weiterführende Artikel

Warum die Coronakrise den Frauen schadet

Warum die Coronakrise den Frauen schadet

Die Soziologin Jutta Allmendinger fordert mehr Geschlechtergerechtigkeit. Ein Gespräch über ostdeutsche Modelle und falsche Rechenmuster.

Denn natürlich wollen Frauen nicht irgendwie mitgemeint sein, wenn von Wählern, Kunden, Kollegen oder Wetterkennern die Rede ist. Manche hätten gern die weibliche Sprachform, und wo es sie nicht gibt, darf man getrost erfinderisch sein. Nicht als Zeichen der Anerkennung, sondern der Selbstverständlichkeit. Das muss man nicht mit Schaum vor dem Mund durchsetzen wollen, sondern klug und gelassen. Hat es nicht auch eine Weile gedauert, bis es die erste Kanzlerin gab, die ersten Dirigentinnen, Aktionärinnen, Pilotinnen? Sprache verändert sich langsamer als die Gesellschaft. Bis 1997 trugen alle Tiefdruckgebiete grundsätzlich weibliche Vornamen. Seitdem wird gewechselt. Das erste Hoch des neuen Jahres heißt Antje.

Mehr zum Thema Feuilleton