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Die perfekte Mutter gibt es nicht

Unser idealisiertes Mutterbild tut keinem gut, sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Sie fordert Selbstkritik – und eine offene Diskussion.

Ich habe mehr Verständnis für dich, mein Kind, als Papa. Der kann das nicht so gut.
Ich habe mehr Verständnis für dich, mein Kind, als Papa. Der kann das nicht so gut. © 123rf/ Iakov Filimonov

Drei Viertel der Sächsinnen sind berufstätig. Das hat hier Tradition. Zu DDR-Zeiten gingen die meisten Frauen Vollzeit auf Arbeit. Hausfrau und Vollzeitmutter zu sein, war die große Ausnahme. Das ist gekippt. Heute arbeiten 41 Prozent der Frauen in Teilzeit, meist, weil sie Kinder haben und neben dem Beruf auch daheim den Laden schmeißen – wie sie es von ihren Müttern gelernt haben.

Damit aber tragen sie selbst dazu bei, dass Familienaufgaben zwischen Mann und Frau ungleichmäßig verteilt bleiben. Das sagt Erziehungswissenschaftlerin Prof. Margrit Stamm. Sie hat als zweifache Mutter mit 35 Jahren erst ein Studium, dann ihre Karriere an der Uni Fribourg begonnen. Und das in der Schweiz, einem Land, in dem Frauen erst seit 1971 wählen dürfen und wo im Sommer der Anspruch auf einen zweiwöchigen, bezahlten Vaterschaftsurlaub Gesetz wurde. Deutschland ist progressiver. Dennoch gibt es Parallelen im Rollenverständnis. Im SZ-Gespräch werden sie deutlich.

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Frau Stamm, was löst es bei einer Frau aus, als schlechte Mutter zu gelten?

Das ist wahrscheinlich der Horror aller Mütter, für Hausfrauen und Vollzeitmütter genauso wie für Berufstätige. Die Rolle der Mutter wird heute von der Gesellschaft nach wie vor als DIE Qualifikation einer Frau verstanden. Sie gilt als wichtiger als die Qualifikation des Berufes. Eine schlechte Mutter zu sein, versucht man unbedingt zu umgehen, denn das ist die schlimmste Etikette, die eine Frau bekommen kann.

Die beste Etikette wäre demnach, eine gute Mutter zu sein. Wie sieht die aus?

Das ist eine Mutter, die immer und überall verfügbar ist und die Bedürfnisse des Kindes selbstverständlich über die eigenen stellt. Die immer gut gelaunt ist, immer alles unter Kontrolle hat, immer genau weiß, wie eine gute Erziehung funktioniert. Und die ihre Berufstätigkeit so ausrichtet, dass das Kind keinen Schaden nimmt. Denn wenn das Kind sich nicht so entwickelt, wie man sich das vorstellt, dann ist das die Schuld der Mutter. Aus gesellschaftlicher Sicht heißt das: Liebe Mama, du darfst berufstätig sein und Karriere machen. Du darfst alles erreichen, was du willst. Aber du musst beweisen, dass du eine gute Mutter bist. Dies ist oft auch die Botschaft der eigenen Eltern, der Schwiegereltern und der Gesellschaft.

Deshalb haben viele Mütter, die arbeiten gehen, oft ein schlechtes Gewissen und denken, weder dem Kind noch dem Job gerecht zu werden. Warum setzen sich die Frauen so unter Druck?

Das geht auf diesen Mama-Mythos zurück. Er ist ein kulturelles Mandat, das nicht bei den Müttern selbst liegt, sondern von unserer Gesellschaft erschaffen und in Familien und der Bildungspolitik verankert worden ist. Es erwartet wie selbstverständlich von den Müttern, dass sie zwar berufstätig sein können, sie aber mit einem guten Familienmanagement all die Anforderungen unter einen Hut kriegen müssen. Denken Sie an die Bindungsforschung. Sie besagt, dass die Frauen das Herzstück der Familie und der kindlichen Entwicklung sind. Dieses Mama-Ideal überträgt den Frauen die Hauptverantwortung für das Gedeihen des Kindes, sobald sie schwanger werden. Versagen sie, dann sind sie eben leider schlechte Mütter.

Sie schreiben, dass es ausreiche, als Mutter hinreichend gut zu sein. Das klingt nach Schulnote drei. Mittelmaß ist für Mütter, die sich nur über ihre Kinder definieren, keine Option. Was müssten sie tun, um sich mit „hinreichend gut“ zufriedenzugeben?

Sie müssten sich zugestehen, dass ich als Mutter Fehler machen darf, eine Selbstliebe haben und mich auch mal vom Kind distanzieren und als Frau erleben darf. Das tut dem Kind auch für seine Identitätsentwicklung besser, als wenn die Mutter immer nur für das Kind bereitsteht. Denn eine perfekte Mutter, die keine eigenen Bedürfnisse mehr hat, schadet aus Forschersicht nicht nur sich selbst. Sie ist auch für das Kind eine Belastung, kein Segen. Ein Kind muss sich auch jenseits dieser extremen Zuwendung entwickeln können. Es muss auch mal frustriert werden und lernen, Hindernisse zu überwinden und Bedürfnisse aufzuschieben. Diese Frustrationstoleranz ist eine wichtige Kompetenz, damit ein Kind lebenstüchtig wird. Deshalb ist meine Botschaft, dass Eltern und Mütter, welche Fehler machen, eigene Bedürfnisse haben und dem Kind eine Eigenständigkeit mitgeben, das Kind besser auf eine unsichere Zukunft vorbereiten als Frauen, die ihre Dienste total dem Kind widmen.

Viele Mütter berücksichtigen das bereits, nehmen sich Auszeiten für sich selbst. Das geht nur, wenn der Partner mitzieht. Ich kenne aber Fälle, wo die Mutter glaubt, dass nur sie das Kind gut versorgen könnte und der Partner das nicht schafft. Warum machen manche Väter das mit?

Das zeigt eine unserer Studien, für die wir Väter und Mütter befragt haben. Das Ergebnis hat mich sehr überrascht. Denn beide Elternteile sind davon überzeugt, dass Mütter von Natur aus die fürsorglicheren Personen sind. Das ist empirisch zwar längst widerlegt, aber ich denke, dass es eine gesellschaftliche Prägung ist, die etwas mit dem Mama-Mythos zu tun hat. Viele Frauen glauben selbst daran, dass sie in der Betreuung, Förderung und Umsorgung des Kindes besser sind als die Männer. Entsprechend richten sich Männer und Frauen in der Partnerschaft ein.

Obwohl Beziehungen anfangs doch meist gleichberechtigt sind?

Ja, wenn sie die Partnerschaft eingehen, sind sie in der Regel ein egalitäres Team. Er macht im Haushalt und im Beruf ungefähr gleich viel wie sie. Sobald ein Kind kommt, werden die Weichen neu gestellt. Das ist eine Tatsache und eine wichtige Form der Traditionalisierung. Entweder, weil die Frau ein geringeres Salär hat und es sich lohnt, dass der Mann in den Beruf mehr investiert. Oder weil – und das sagen 80 Prozent der Männer unserer Studie – die Frau den eindringlichen Wunsch hat, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen als er. Das kann ich nachvollziehen. Aber eine solche Verhaltensweise ist nicht angeboren, sondern sozialisiert. Das Problem ist, dass die Frauen häufig das Gefühl haben, dass sie dem Partner zeigen müssen, wie Kindererziehung funktioniert. Weil er angeblich zwei linke Hände hat und das Kind einfach nicht ordentlich betreuen kann. Dann zieht er sich eher zurück, obwohl er vielleicht sehr motiviert wäre, oder er wird zum Juniorpartner gemacht, zum Befehlsempfänger. So wird er demotiviert und denkt selbst nicht mehr mit.

Aber warum glauben Väter das?

Weil sie so erzogen sind. Die meisten sind ja noch nicht in einer emanzipierten Familie aufgewachsen. Sie haben meist Väter erlebt, die Haupternährer waren und sich in externen Aufgaben verwirklicht haben. Die jungen Männer heute möchten sich von diesem Bild distanzieren und ein moderner Vater sein. Aber sie haben keine Modelle und wissen nicht genau, wie das geht. Wenn ein junger Vater eine Partnerin hat, die so tut, als wüsste sie genau, wie Kindererziehung geht, schüchtert ihn das ein. Die Überzeugung, dass er es kann, muss er in der Regel aus sich selbst herausholen.

Was kann da helfen?

Diese Dominanz der Frauen kennen sogar emanzipierte Frauen. Die Krux ist, ob ich als Frau merke, dass ich dominant bin und meinem Partner nicht die Möglichkeit zugestehe, dass er seine eigenen Schwerpunkte setzen kann. Aber auch, dass ich als Partner selbst merke, wenn ich mich in die bequeme Ecke zurückziehe. Denn manche Männer sind darüber auch ganz froh, wenn die Frau sagt, dass Mann es nicht kann. Das kommt manchen ja ganz recht. Beide Geschlechter müssten sich selbstkritischer begegnen, veränderungs- und korrekturbereit sein. Deshalb finde ich das deutsche Modell der Elternzeit gut. Wenn Väter die Papa-Monate einbeziehen können und allein mit dem Kind sind. Dann können sie autonom eigene Standards entwickeln, ohne dass die Mutter immer dabeisteht und quasi überwacht, wie es geht. Damit können sie gemeinsam die Grundlagen für eine gleichberechtigte Beziehung legen.

Die Praxis ist oft anders. Die meisten Väter nehmen die Monate, wenn die Mutter noch zu Hause ist, als gemeinsame Familienzeit für längere Reisen.

Damit verstärkt man wahrscheinlich in vielen Fällen die Dominanz der Mama. Ich will nicht die Frauen kritisieren, sondern das System. Das kulturelle Mandat, dass die Mütter die Hauptverantwortlichen sein sollen. Zwei Drittel der Männer nehmen nur diese zwei Monate, gehen danach wieder in den Beruf und arbeiten wie vorher.

Sie sagen, es reiche nicht, den Müttern mehr Gelassenheit zu empfehlen. Warum?

Die Botschaften in Frauenzeitschriften sind gut gemeint. Aber sie stärken diese Hauptverantwortung der Mutter. Wenn sie sich für ein Wellnesswochenende mit der Freundin ausklinkt, die Oma oder den Partner für diese Zeit einspannt, geht es doch danach in der gleichen Struktur weiter. Ich habe keine einfachen Checklisten und Lösungen. Aber ich denke, dass wir in der Familien- und Bildungspolitik ansetzen müssen. Wir sollten die ideologische Hauptverantwortung der Frauen für die Kindererziehung thematisieren und dieses Mama-Ideal normalisieren. Das Thema müsste erstens von der Familienpolitik und zweitens von den Fachinstitutionen, den Gynäkologen, Kinderärzten etc. aufgenommen werden. Die Frauen haben ja schon vor der Geburt einen Rucksack an Vorwürfen und Bedingungen zu tragen, die sie zu hauptverantwortlichen Personen für das Kind machen. Das dritte Problem ist, dass Mütter als öffentliche Personen gelten und mitunter extrem kritisiert werden, sei das in der Straßenbahn, beim Einkaufen, von den Eltern oder Schwiegeraltern. Die Mütter werden viel mehr angegangen. Sind Väter mit den Kindern allein unterwegs, dann findet man das heldenhaft und heroisch. Diese feinen Unterschiede sind ganz wichtig für das Selbstverständnis der Frauen – und auch für das der Männer. Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion.

Brauchen auch Frauen ein anderes Mütterbild?

Ja. Ich wünschte mir, dass Frauen selbstkritischer werden. Sie sind oft sehr sensibel, sind mitunter nicht bereit, auch nur ein wenig selbstkritisch in den Spiegel zu schauen. Viele reden sofort von Bashing und sagen, dass sie immer kritisiert werden. Das ist meiner Meinung nach eine unausgewogene Aussage. Denn genauso werden die Männer ständig kritisiert. Das lassen die Mütter zu. Aber viele sind nicht bereit zu erkunden, was sie selbst dazu beitragen, das System zu erhalten, wie es ist. Wenn die Frauen möchten, dass sich etwas ändert, müssen sie sich auch weiterentwickeln. Das kann schmerzhaft sein, aber auch entlastend: Wenn ich als Mama weiß, dass der Partner Probleme mit den Kindern ohne mich löst, dass ich ihm vertrauen kann. Er macht das gut, vielleicht anders. Das ist doch etwas, das wir unseren Kindern mitgeben möchten. Ein Modell, wie das der männliche und der weibliche Teil der Familie lösen. Es ist wichtig, dass die Prägung gleichberechtigt von beiden Geschlechtern kommt.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

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