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Muss ich Busurlaub jetzt abschreiben?

Vor allem Geimpfte hoffen, dass Busse bald wieder rollen dürfen. Denn Veranstalter haben sich einiges einfallen lassen, um die Sicherheit zu erhöhen.

Für saubere Luft im Bus: Heiko Hammer, Geschäftsführer des Reisedienstes Sachsen-Express in Freital, stattet seine Busse mit Hochleistungspartikelfiltern aus. Die sollen mit ihrer antiviralen Funktionsschicht auch feine Aerosole herausfiltern.
Für saubere Luft im Bus: Heiko Hammer, Geschäftsführer des Reisedienstes Sachsen-Express in Freital, stattet seine Busse mit Hochleistungspartikelfiltern aus. Die sollen mit ihrer antiviralen Funktionsschicht auch feine Aerosole herausfiltern. © Thomas Kretschel

Die Enttäuschung bei Heiko Hammer ist groß. Nach der Bund-Länder-Beratung am Montag ist selbst ein Urlaub im eigenen Land zum wiederholten Mal in die Ferne gerückt. Für den Chef des Reisedienstes Sachsen-Express in Freital ist damit die letzte Hoffnung geschwunden, dass seine Busse bald wieder Urlauber befördern dürfen. „Die Ohnmacht ist sehr groß“, sagt Hammer. Er muss nun weitere Reisen im April und Mai absagen.

Dabei hat der Unternehmer schon viel getan, um vorbereitet zu sein. Gerade ist er dabei, die Belüftungsanlagen seiner vier Reisebusse mit neuen Hochleistungspartikelfiltern auszustatten. „Vorgeschrieben ist das nicht, aber ich will auf Nummer sichergehen“, sagt er. Zwar sorge die Klimaanlage im Bus ohnehin für einen stetigen Luftaustausch alle zwei bis vier Minuten. „Die neuen Umluft-Filter haben aber zusätzlich eine antivirale Funktion und können feine Aerosole herausfiltern“, erklärt Hammer. Die Gesundheit der Reisegäste sei in Coronazeiten schließlich das Wichtigste.

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Im Oktober war der Sachsen-Express das letzte Mal gestartet – mit 50 Personen ging es für sieben Tage an den Gardasee und nach Venedig. Schon damals galt für die Fahrgäste: Maske auf und Abstand halten. „Die Urlauber hielten sich alle daran, Vorfälle wegen Corona gab es keinen Einzigen“, sagt Hammer.

Seit dem 2. November 2020 stehen im Land alle Reisebusse still – nach den neusten Signalen aus der Politik vorerst bis zum 18. April. Wie es danach weitergeht? Das wissen nicht einmal die Reiseunternehmer selbst. Auch der Internationale Bustouristik Verband RDA kann keine Prognose abgeben. „Viele Veranstalter gehen davon aus, dass ab Sommer wieder gereist werden kann“, sagt Sprecherin Clara Janning. „Wir sind abhängig von Hotels, Museen, Parks oder auch Musicaltheatern“, sagt Angelika Hammer vom Sachsen-Express. Sie befürchtet daher, dass ihre Branche erst als Letzte loslegen könne.

Busreisen sind äußerst beliebt. Laut der Branchenverbände unternehmen jährlich 16 Millionen Deutsche Übernachtungsreisen mit dem Bus und knapp 65 Millionen Tages- und Ausflugsfahrten. Mit 14,3 Milliarden Euro im Jahr wird sogar mehr Umsatz erwirtschaftet als mit ausländischen Flugtouristen. Vor allem für ältere Urlauber sind Busreisen eine ideale und bequeme Möglichkeit, Neues zu entdecken. Mit dem Reiseleiter an Bord haben sie einen direkten Ansprechpartner, Übernachtungen und Ausflüge sind organisiert, und nicht zuletzt genießen viele Senioren die Geselligkeit in der Gruppe. Meist werden sie sogar im Heimatort abgeholt. Hinzu kommt: Bustouren führen zu unterschiedlichsten Zielen. Zweiwöchiger Badeurlaub in Istrien, Entdeckungsfahrt an die Masuren, Städtetour mit Konzertbesuch, Tagestrip zur Gartenschau – alles ist möglich.

Absurdes Regelwirrwarr

Der Sommer 2020, in dem Busreisen zwischenzeitlich wieder stattfinden durften, hat laut RDA nicht zu einem erhöhten Infektionsgeschehen geführt. Schon damals gab es umfassende Hygienekonzepte. Sie beinhalteten, neben der gründlichen Reinigung und Desinfektion der Fahrzeuge, auch Regeln für den geordneten Ein- und Ausstieg der Fahrgäste. Doch gerade bei Busreisen sind die Vorbehalte nach wie vor groß. Denn ist der Bus voll, sitzen bis zu 50 Fahrgäste auf engstem Raum zusammen. Im vergangenen Sommer war das laut Coronaschutzverordnung erlaubt. Abstand konnte so kaum eingehalten werden. Also Maskenpflicht? In einigen Bundesländern war für die gesamte Fahrtzeit ein Mund-Nasen-Schutz vorgeschrieben, in anderen galt die Regelung „Maske oder Abstand“. Das hat bei Touren, die quer durch Deutschland führten, zu teils absurden Situationen geführt. Welche Vorgaben der Gesetzgeber künftig für Busreisen machen wird, ist offen. Das macht es den Veranstaltern nicht leichter. Sie versuchen, sich dennoch auf den Neustart vorzubereiten.

Auch René Lang, Geschäftsführer des gleichnamigen Busreiseveranstalters in Schwarzenberg, hat seine sieben Busse mit einem Luftreinigungssystem ausgestattet. „Sogenannte Virenkiller werden in den Lüftungskanal der Klimaanlage verbaut. Durch Reaktionen, etwa mit Sauerstoff und Luftfeuchtigkeit, entstehen Oxide. Diese werden durch den Luftstrom im Bus verteilt und beschädigen Viren, Bakterien und Sporen“, so Lang. Auf diese Weise würden die Viren unwirksam.

Lang-Reisen war im Sommer auf verschiedenen Touren in Europa unterwegs. Einen Coronafall unter den Fahrgästen habe es nicht gegeben. „Urlauber müssen keine Angst vor organisierten Reisen haben“, sagt Lang. Selbst wenn es zu einer Infektion kommen sollte, sei die Kontaktnachverfolgung einfach, schließlich sei man in einer festen Gruppe unterwegs. Das sei ein Vorteil gegenüber anderen Reiseformen. Anbieter gehen auch dazu über, feste Sitzplätze zuzuweisen. „Außerdem gibt es in allen Einrichtungen, die angefahren werden, eigene Hygienekonzepte“, sagt Lang.

Täglich neue Buchungen

Uwe Lorenz, Geschäftsführer von Eberhardt Travel in Kesselsdorf, geht einen anderen Weg. Gruppenreisende können sich jetzt für Reisetermine entscheiden, zu denen der Bus nur mit maximal 20 Gästen unterwegs ist. „Der Vorteil ist, dass nur jede zweite Reihe im Bus besetzt ist“, sagt Lorenz, der in einem normalen Jahr 40.000 Fahrgäste in seinen Bussen durch ganz Europa schickt. Das Reisen in kleiner Gruppe erhöht natürlich den Fahrtkostenanteil. „Urlauber müssen mit 20 bis 25 Euro mehr pro Reisetag rechnen“, sagt Lorenz. Die Nachfrage sei dennoch sehr groß. „Unsere Kunden wollen endlich ihre schon lang gehegten Reisepläne verwirklichen“, sagt Lorenz. Zwar habe man alle Reisen bis Ende April storniert, um allen Beteiligten Planungssicherheit zu geben. Ermutigend sei aber der Eingang vieler neuer Buchungen für Reisen ab Mai und bis ins nächste Jahr hinein. „Die meisten buchen auf einen späteren Termin oder gar auf das nächste Jahr um. Niemand soll mit Angstgefühlen auf Reisen gehen müssen“, sagt Lorenz. Im Vergleich zum März 2020 hat Eberhardt Travel dennoch etwa ein Drittel des Buchungsumsatzes eingebüßt.

„Bei uns kommen mittlerweile jeden Tag neue Buchungen rein“, sagt auch Frank Michel, Geschäftsführer von Michel-Reisen in Kottmar im Landkreis Görlitz. Nicht wenige seiner Kunden seien bereits geimpft. Allerdings: Vorerst sind alle Michel-Busreisen bis zum 24. April abgesagt.

René Lang, Busreiseveranstalter aus dem Erzgebirge, sagt: „Viele unserer Kunden sitzen seit einem Jahr zu Hause. Sie vermissen die sozialen Kontakte.“ Italien, Schweiz, Kroatien, Paris, Masuren – die klassischen Ziele seien nach wie vor gefragt. Dass sich unterwegs wegen plötzlicher Beschränkungen die Route einmal ändern könnte, darauf hätten sich viele eingestellt. Auch Lang hat alle Fahrten bis Ende April storniert, um planen zu können.

Als „eher verhalten“ beschreibt dagegen Angelika Hammer vom Sachsen-Express das Interesse. Im Vergleich zum Vorjahr habe sie nur halb so viele Anfragen. „Bei vielen Menschen überwiegt die Unsicherheit, sie halten sich noch zurück.“

Preise ziehen an

Viele Veranstalter nutzen den Lockdown nicht nur, um technisch aufzurüsten, sondern auch, um neue Touren vorzubereiten. „Wie zu erwarten, interessieren sich Kunden derzeit vor allem für Aktivreisen in die Natur und Reiseziele in Deutschland“, so Uwe Lorenz von Eberhardt Travel. Mehr als 100 neu konzipierte Aktiv-, Tages- und Rundreisen in Deutschland habe er kurzfristig ins Programm aufgenommen. Münsterland, Ruhrgebiet, Heidelberg, Bodensee, die Hansestädte, die Rhein-Mosel-Region, selbst das Vogtland – „es gibt quasi keinen weißen Flecken, wo wir nicht hinfahren“.

Auch SZ-Reisen in Dresden erweitert für den Herbst seine Angebote für das eigene Land. Besonders gefragt seien Fahrten an die Ost- und Nordsee, in den Schwarzwald und nach Berchtesgaden.

Laut Gütegemeinschaft Buskomfort wollen zwar einige Busreiseveranstalter mit Frühbucherrabatten locken. Doch die Preise für Bustouren dürften spätestens in der nächsten Saison anziehen. Denn erhöhen Hotels ihre Übernachtungspreise, was zu erwarten ist, werden die Mehrkosten in der Regel an die Urlauber weitergereicht. „Es gibt zudem bereits Hotels, die bei einer Reiseabsage von uns Gebühren verlangen“, sagt Hammer. Auch die höheren Kraftstoffpreise dürften sich niederschlagen.

Sicher ist: Als Pauschalreise hat die Busreise für Kunden viele rechtliche Vorteile. „Sie kann kostenfrei storniert werden, wenn außergewöhnliche Umstände auftreten, die ihre Durchführung erheblich beeinträchtigen oder unmöglich machen. Eine Reisewarnung gilt als starkes Indiz dafür“, sagt Hermann Meyering von der Gütegemeinschaft Buskomfort. Sagt der Veranstalter die Reise ab, hätten Kunden einen Anspruch darauf, geleistete Zahlungen innerhalb von 14 Tagen zurückzubekommen. Auch gegen eine Insolvenz seien sie gesetzlich abgesichert. Reiseveranstalter Frank Michel aus Kottmar zieht sogar in Betracht, dass seine Kunden kostenfrei stornieren dürfen, falls im Zielgebiet eine Impfpflicht eingeführt wird.

Bis die Busse endlich wieder rollen, lädt Eberhardt Travel jeden Abend Reiselustige zu einer virtuellen Urlaubsfahrt ein – nach Kanada, Asien oder auch Australien. Wer Lust auf das Abenteuer hat, bucht online ein Ticket und klickt sich zu Hause am PC in die Ferne. Jeweils zwei Moderatoren führen durch den Urlaubsabend, es gibt Live-Schalten zu Reiseleitern vor Ort und Filmclips. Dazu erhält der „Reisende“ vorab per Post eine Handvoll landestypischer Spezialitäten. In den Büros in Kesselsdorf stapeln sich daher gerade jede Menge kleine Pakete statt bunter Reisekataloge.

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