merken
PLUS Deutschland & Welt

Vom Rassismus-Opfer zum Rassisten-Freund

Von Oliver Pocher ließ er sich als Schwarzer in Heidenau vorführen. Dann wurde aus Nana Domena ein Entertainer der „Querdenken“-Bewegung.

Nana Domena auf einer Kundgebungsbühne der „Querdenken“-Bewegung.
Nana Domena auf einer Kundgebungsbühne der „Querdenken“-Bewegung. © Tagesspiegel/Paul Gäbler

Von Paul Gäbler

Als er im neuen Jahr, nach der Kölner Silvesternacht 2015, zum ersten Mal spazieren geht, hat er es wieder bemerkt, erzählt er: Dass sie ihn alle anstarren. Er lebt in der Stadt, am Neujahrsmorgen habe er erfahren, was in der Nacht zuvor passiert war, auch Bekannte von ihm seien am Dom angegriffen worden. Er sei wütend geworden.

Anzeige
Internationaler Tag der Pflege
Internationaler Tag der Pflege

Der Internationale Tag der Pflege findet jährlich am Geburtstag von Florence Nightingale statt.

Menschen, die sich benehmen wie die auf der Domplatte, müssen raus aus dem Land, findet er. Das sei nur vernünftig. Wer dies als „Nazi-Meinung“ bezeichne, rede Unsinn. Um sich sein eigenes Bild zu machen, besucht Nana Domena bald darauf eine Pegida-Demonstration in Köln.

Er zieht dort mit Kamera und Mikrofon umher, kommt nur schwer ins Gespräch, jemand weist ihn an, „keine fremden Frauen zu ficken“. Da nähert sich ein Mann mit Glatze und rotem Bart. Schon sammeln sich Fotografen um sie in Erwartung einer Auseinandersetzung. Doch Nana Domena und der Mann verstehen sich gut. „Das, was da passiert ist: zack und weg!“, sagt Domena. Da nickt der Mann mit der Glatze.

Der Mann heißt Frank Kraemer, spielt Gitarre und ist Texter in der Rechtsrockband „Stahlgewitter“, er schreibt Bücher für den rechtsextremen Verlag Europa Terra Nostra. In „Schwarze Division“ sinniert er darüber, Berlin-Kreuzberg auszurotten und die „Millionen Fremden, die sich hier austoben“. Nana Domena ist Sohn ghanaischer Einwanderer.

„Gibt es mehr Leute von dir oder mehr von den Tausenden, die hier Frauen vergewaltigen?“, fragt Frank Kraemer. Es ist der Beginn einer produktiven Zusammenarbeit. An diesem Tag werden Kraemer und Domena Podcast-Partner.

Es könnte der Tag gewesen sein, an dem Nana Domena – einer, der sich Mühe zu geben scheint, ein guter Mensch zu sein – falsch abgebogen ist. Ein Mann, der, so wie er es erzählt, Rassismusopfer ist und sich Rassisten zuwendet. Freunde und Kollegen haben sich kopfschüttelnd von ihm abgewendet. Es könnte der Tag gewesen sein. Oder doch nicht?

„Ich spreche über alles und mit jedem!“

Nana Kwasi Domena wird am 13. Dezember 1981 in Bottrop geboren. Er ist noch ein Kind, als ihn seine Eltern in Deutschland zurücklassen. Er ist etwas unsicher, manchmal schüchtern und selten zornig. Nana Domena scheint jeden Menschen lieben zu wollen. Und erwartet das auch von seinem Gegenüber.

Und dann gibt es Nana Lifestyler, eine schrill inszenierte Parodie seiner selbst. Nana Lifestyler ist laut und darf auch über die Stränge schlagen. Nana Lifestyler ist für die Bühne geboren, kennt kein Links und Rechts. Für ihn geht es nur nach oben.

„Ich spreche über alles und mit jedem!“ So steht es auf Nana Lifestylers Youtube-Kanal. Die 20.000 Abonnenten erleben ihn als Motivationsredner und Coach, Moderator, Schauspieler und Lichtgestalt in einer Person. „Multikulti trifft Nationalismus“, der Video-Podcast mit dem Rechtsextremen Frank Kraemer, ist mit mehreren Hunderttausend Aufrufen sein mit Abstand erfolgreichstes Projekt.

Seit Monaten nun feiert Domena auf Demonstrationen der „Querdenker“-Bewegung riesige Partys aus aufgesetzter guter Laune. Innerhalb der Bewegung ist er für die richtige Stimmung zuständig. Domena sagt, für die AfD habe er nichts übrig, trotzdem teilt er sich auch mit ihr regelmäßig Bühnen. Auf die Frage, ob er konservativ sei, entgegnet er: „Ich bin nicht konservativ, ich bin funky.“

Es ist Sommer 2015, eine Hitzewelle geht durchs Land und Nana Domena kommt ins Fernsehen. Im sächsischen Heidenau, wo seine schwarze Haut besonders auffällt. Die Kamera läuft, der Ton auch. Domena hatte diesen Tag herbeigesehnt. Ins Fernsehen. Mit Oliver Pocher!

Die Stimmung ist rissig damals in Deutschland und erst recht in dieser Stadt. Rechtsextreme greifen Flüchtlingsunterkünfte und Polizisten an und Sigmar Gabriel zeigt öffentlich den Stinkefinger. Um diese Atmosphäre einzufangen, brauchte Pocher einen Afrikaner – über Kontakte fiel die Wahl auf Domena. Pocher bittet einen Passanten, diesem ein deutsches Wort beizubringen. Der entscheidet sich für „arbeiten gehen“. – „A’bei’e“, stammelt Domena. Er soll es wiederholen.

„A’beit!“

„Gehen!“, schiebt Pocher hinterher.

Auf Anfrage möchte sich Pocher nicht zum Dreh äußern. Domena will ohnehin nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er bereut diesen Tag, sagt er, habe sich benutzt gefühlt. So wie so oft. An diesem Tag habe er beschlossen, kein Opfer mehr sein zu wollen.

Domena lebt jetzt auf Mallorca

Sechs Jahre später ist Heidenau Geschichte. Corona hat die Welt erstarren lassen, Deutschland befindet sich im Lockdown. Zum Valentinstag treffen sich Hunderte „Querdenker“ in Hannover zur gemeinsamen Polonaise. Engel verteilen Gratis-Umarmungen, über den Menschen steigen Herz-Luftballons zum Himmel auf. Lachend schreitet Nana Lifestyler über die verschneite Wiese und ist von Menschen umzingelt. Ein Fan klaut ihm in einem unbedachten Moment seinen hölzernen Zeremonienstab.

Eine ältere Dame erzählt ihm und in seine Kamera, ihr Mann sei kürzlich gestorben. Das Jahr sei schwierig gewesen. Erst dieses Virus – und nun die „Merkel-Diktatur“. Domena umarmt sie, dankbar streicht sie ihm über die blondierten Haare. Er sei froh, ihr von seiner Power abgeben zu können. Dafür sei er ja da.

Domena lebt seit Kurzem auf Mallorca. Die Anfeindungen gegen ihn seien zu viel geworden. Immer mehr frühere Geschäftspartner hätten sich abgewandt, seit er für „Querdenken“ aktiv ist. Auch ein früherer Auftraggeber, der Printenhersteller Lambertz, für den er Veranstaltungen moderierte, möchte nichts mehr von ihm wissen. „Mir wurde alles genommen.“ Domena sagt, er verstehe die Welt nicht mehr. Mit der „Mainstream-Presse“ redet er nur ungern. Und nur, wenn er die Gespräche ebenfalls aufzeichnen darf.

Wenn Nana Domena von Aufzeichnen spricht, meint er livestreamen. Auch Interviews. Dutzende Menschen schauen Reporter und Gesprächspartner beim Reden zu. Bitten, den Link nachträglich zu entfernen, kommt er nicht nach. „Das hätte man vorher schriftlich festlegen müssen“, lässt er per Telegram-Sprachnachricht mitteilen.

Nana Domena ist vier, als sich seine Familie auflöst. Sein Vater kehrt zurück nach Ghana, seine Mutter zieht in die Niederlande. Nana wird zu einer Pflegemutter nach Marl abgeschoben. Einige Jahre später möchte ihn sein Vater auf ein Internat schicken. Nana soll Deutschland verlassen und nach Ghana gehen. Er sagt, er liebe Deutschland. Er widersetzt sich, habe gedroht, sich die Arme aufzuschlitzen. Seinen Vater habe er zum ersten Mal weinen sehen. Als er bleiben darf, nennt er seine Pflegemutter „Mama“.

Schon damals ist sie eine alte Frau, ihre eigenen Kinder sind aus dem Haus. Seitdem schenkt sie ihre Aufmerksamkeit denen, die sie am dringendsten benötigen. Ständig habe sie von der Abschiebung bedrohte Afrikaner bei sich zu Hause aufgenommen, erzählt Domena. „Ich glaube, manchmal dachte sie, sie wäre selber schwarz.“ Bis zu ihrem Tod blieb sie sein größtes Vorbild. Als sie starb, habe er so sehr neben sich gestanden, dass er beinahe in ein fahrendes Auto hineingelaufen sei.

Nana Domena selbst sagt über sich, einer der „bekanntesten und beliebtesten Moderatoren Deutschlands“ zu sein. Nicht nur mit Oliver Pocher habe er gearbeitet, Klaas Heufer-Umlauf habe er überhaupt erst die Karriere ermöglicht, nachdem er ihn zu einem Viva-Casting gebracht habe. Heufer-Umlauf dementiert dies auf Anfrage.

Sein Schauspielstudium in Aschaffenburg bricht Nana Domena Anfang der 2000er ab. Der „deutsche Eddie Murphy“ habe er werden wollen. Gereicht hatte es zu zwei Statisten-Engagements an der Frankfurter Oper. Ein früherer Lehrer bezeichnet ihn als unauffällig, aber „tänzerisch begabt“. Domena zieht nach Köln und fängt an, im Event-Management zu arbeiten. Er organisiert Veranstaltungen, unter anderem für das Deutsche Kinderhospiz. Es ist die Zeit, in der Nana Lifestyler Gestalt annimmt.

Anfang des Jahres 2015 bekommt das neue Ich einen Youtube-Kanal. Weder die Motivationsreden noch seine Videos, in denen er Prominenten auf roten Teppichen hinterherläuft, finden bemerkenswerten Anklang. Nana Lifestyler braucht einen Knalleffekt.

Als sich Domena im April 2016 zum ersten Mal mit Frank Kraemer zum Podcasten trifft, trägt er Anzug und Krawatte, die Haare sind kurz, das Kinn ist glatt. Domena widerspricht Kraemer nur selten. „Spannendes Argument, was du da bringst“, sagt er manchmal.

Die erste Podcastfolge ist bei Youtube nicht mehr zu finden. Sie wurde wegen hasserfüllter Sprache gelöscht. „In Ghana möchte ich ja auch nicht als schwarzer Mann von einem Rudel Weißer vertrieben werden“, sagt Domena darin. Kraemer nickt. „Wenn du von antideutschen Rassengesetzen sprichst“, sagt Kraemer, „dann kriegst du dafür ’nen Orden. Wenn ich das sage, dann heißt es, dass ich alle Ausländer weghaben will.“ Drei Jahre später besuchen sie die Leipziger Buchmesse. Nana Domena schüttelt die Hand von NPD-Mann Udo Voigt.

Er nennt sich den „Nazi-Neger“

Im Mai des vergangenen Jahres, zu Beginn der Coronakrise, hat er bunte Bänder an den Handgelenken, den Pullover ziert ein aufgesticktes Herz. Es ist die 18. und bislang letzte Podcastfolge, mit Kraemer redet er darüber, dass Impfen dumm und gefährlich sei und Donald Trump eine Menge Pluspunkte bei ihm sammle. Der stehe auf der „Seite der Guten“. Das hätte er früher auch nicht gedacht.

Kritik, mit seinen Videos zur Verbreitung von Kraemers rechtsextremen Ansichten beizutragen, kann Domena nicht nachvollziehen. „Wir geben uns ja gegenseitig eine Plattform“, sagt er. Kraemer für seine Ideen, er für die Liebe. Er teile Kraemers Ansichten nicht. Dennoch habe auch dieser ein Recht, gehört zu werden. Weitere Folgen seien in Planung.

Die Kunstfigur Nana Lifestyler kann gut über sich selbst lachen. Auf den „Querdenker“-Bühnen entschuldigt er sich ironisch für sein schlechtes Deutsch. Er habe sich erst vor wenigen Tagen eine Sprach-App heruntergeladen. Einmal nennt er sich selbst „Nazi-Neger“. Er meine das ironisch, sagt er. Die Antifa und auch die Nazis hätten ihn zuvor schon so genannt.

Nana Lifestyler scheint glücklich zu sein. Aber was ist mit Nana Domena? Der blitzt in letzter Zeit nur noch selten hervor. Er sei nicht wie „Joko und Klaas, die sich jeden Tag testen lassen!“, schimpft Nana Lifestyler auf der Bühne. Nana Domena dagegen ist traurig darüber, seinen Platz im Mainstream nicht gefunden zu haben. Als Fremder zu ihm durchzudringen, ist schwierig. Am ehesten gelingt dies in ruhigeren Momenten hinter der Bühne. Als eine Rednerin einmal davon spricht, dass das „kranke System“ wegmüsse, klatschen beide, Domena und Kunstfigur gleichzeitig.

Anfang April, in einem Park am Stadtrand von Frankfurt am Main. Nana Lifestyler ist enttäuscht vom Verlauf der Demonstration. Mit Abertausenden von „Querdenkern“ hatte er vor die Zentrale des Hessischen Rundfunks ziehen wollen, die Wut auf die „Lügenpresse“ direkt vor die Haustür tragen. Doch es sind nur wenige Hundert gekommen. Die Polizei war vorbereitet und hatte leichtes Spiel, den Pulk unter Kontrolle zu kriegen. „Das nächste Mal“, sagt Domena auf der Bühne, „kriegen die beim HR aber was auf den ,Dez‘ – aber friedlich natürlich.“

Er ist zum Posterboy der Rechten aufgestiegen. Ein Buch möchte er schreiben. Seine Freundin sei schwanger, er wird bald zum zweiten Mal Vater. Sein erstes Kind sehe er derzeit selten. Nana Domena sagt, er sei sich nie so sicher gewesen, das Richtige zu tun. Während er spricht, formen seine Hände ein Herz.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt