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Der Königsstuhlweg

In der Sächsischen Schweiz wird eine neue Bastei-Aussicht geplant - auf Rügen ist man schon weiter. Hier rattern Baumaschinen für eine ähnliche Attraktion.

Die riesige Stahlkonstruktion findet nicht nur Zustimmung. Von Kritikern wird der ellipsenförmige Skywalk bereits als „Klobrille“ verspottet.
Die riesige Stahlkonstruktion findet nicht nur Zustimmung. Von Kritikern wird der ellipsenförmige Skywalk bereits als „Klobrille“ verspottet. © Visualisierung: NZK-Liebnau

Von Gabi Thieme

Die kleine Wandergruppe aus dem Raum Dresden staunt nicht schlecht, als sie ihr Ziel – den Königsstuhl auf den berühmten Kreidefelsen der Insel Rügen – fast erreicht hat. Zehn Euro werden von jedem abkassiert. Die Ticketverkäuferin ist es fast schon gewohnt, dass wegen der Höhe des Eintrittsgeldes unfreundliche Bemerkungen fallen. „Sie können mit der Karte nicht nur den Aussichtsfelsen, sondern alle vier Etagen unseres Nationalparkzentrums und das Multivisionskino besuchen“, erklärt sie geduldig jedem Besucher an der Kasse. Dann verweist sie noch auf den neuen gläsernen Pavillon, in dem es einen Vorgeschmack auf das gigantische Bauvorhaben gibt, dessen Augenzeuge man in diesen Wochen wird.

Es sind nur wenige Schritte bis dahin. Was folgt, ist zunächst jedoch Ernüchterung. Ein großer Teil der Freifläche vor dem Nationalparkzentrum ist durch einen Bauzaun abgesperrt. Rechts und links um den Zaun sind schmale Wege ausgewiesen, auf denen man die Baustelle umgehen und zum Wahrzeichen der Insel Rügen gelangen kann. Das Gewusel in diesen Ferientagen ist beträchtlich, zumal viele Besucher sich zunächst nicht in die Schlange der maskierten Wartenden am Eingang zur Erlebnisausstellung einreihen, sondern lieber im Freien bleiben wollen. So wie die Gruppe aus Dresden. Und es fällt der Satz: „Fünf Euro hätten’s auch getan. Auf unserer Bastei zahlen wir gar nichts.“

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Doch mit jedem Schritt weicht der Unmut dem Staunen. Die Aussicht vom legendären Königsstuhl, einem schon seit dem 19. Jahrhundert begehbaren Aussichtsfelsen, auf das Meer mit den scheinbar winzigen Schiffen weit draußen ist atemraubend. Die Ostsee spült 118 Meter tiefer an diesem Tag nur winzige Wellen an den extrem schmalen Strand, sodass man bis auf den Meeresgrund blicken kann. Angesichts des ruhigen Wetters schwer vorstellbar, dass sich die See jedes Jahr etwa 30 Zentimeter Küste holt. Immer wieder gibt es vor allem nach starken Regenfällen Abbrüche an den Kreidefelsen, zuletzt im Frühjahr dieses Jahres. Heute steht man somit längst nicht mehr dort, wo sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Aussicht bot.

Die neue Aussichtsplattform von oben gesehen.
Die neue Aussichtsplattform von oben gesehen. © Visualisierung: NZK-Liebnau

Zugleich haben die Buchen, die auf dem Kreideboden besonders gut wachsen und die den Stürmen standgehalten haben, eine beträchtliche Höhe erreicht, sodass sie einem fast schon im Wege stehen. Unentwegt klicken Handys und Fotoapparate. Kein Wunder, denn die Kreidefelsen, die von Sassnitz bis Lohme zwölf Kilometer Küste säumen, gelten als größte Naturattraktion der gesamten Ostsee. 300.000 Besucher steuern den berühmtesten Felsen – den Königsstuhl – jedes Jahr zu Fuß oder mit einem Pendelbus von Hagen aus an. Auf der nur 300 Meter entfernten Victoria-Aussicht dürften es noch ein paar mehr sein, denn der winzige eiserne Balkon dort ist kostenfrei. Von ihm bietet sich der beste Blick auf den Königsstuhl.

Der Baulärm, den ein riesiges Bohrgestänge und andere schwere Technik hier seit Juli verursachen, hält die meist ahnungslosen Besucher nicht ab, sondern macht neugierig. Mitarbeiter einer Rügener Firma sind bei den ersten, aber entscheidenden Arbeiten für eine riesige Plattform, die vier Meter über dem heutigen bröckligen Aussichtsplateau schweben soll.

Es wird ein Skywalk sein, auch wenn man sich gegen diese Bezeichnung und stattdessen für den Namen „Königsweg“ entschieden hat. „Das passt besser zu uns und zur Region“, sagt Franziska Trommer von der Nationalparkverwaltung. Außerdem könnte die Bezeichnung Skywalk die Erwartung wecken, dass ein Rundgang mit gläsernem Boden entsteht, wie beispielsweise auf der Insel Madeira. Der ellipsenartige, 185 Meter lange Rundgang am Königsstuhl wird jedoch einen Boden aus Stahlbeton haben, den auch Besucher mit Höhenangst nicht scheuen müssen, ist Franziska Trommer überzeugt.

Knapp 2.000 Personen wird die neue Aussichtsplattform tragen können. Die Hängekonstruktion wird eine Länge von 185 Metern haben.
Knapp 2.000 Personen wird die neue Aussichtsplattform tragen können. Die Hängekonstruktion wird eine Länge von 185 Metern haben. © Visualisierung: NZK-Liebnau

Erster und wichtigster Baustein ist die sogenannte Gründung. In einem besonders schonenden Verfahren wurde in dem stabilen Felsen weit hinter dem eigentlichen Königsstuhl jetzt mit 48 Meter tiefen Bohrungen für Bohrpfähle begonnen. Sie dienen als Anker für jenen Mast, der die gesamte Konstruktion am Ende tragen soll. Zusätzlich nehmen Fundamente Zug- und Druckkräfte auf und entlasten so den Fels. Knapp 70 Millionen Jahre alt sind die Sedimente der Kreidezeit, in die sich der Bohrer Stück für Stück frisst. Die Tage im Juli waren selbst für die Bauleute spektakulär. Denn die Bohrungen ermöglichten einen Blick in die Kreide, bevor mithilfe von Kränen die einzelnen Teile eines großen Probepfahls in die Erde gelassen wurden.

Der einmal weithin sichtbare Abspannmast wird eine Höhe von 42 Metern haben und damit die umliegenden Buchen noch um fünf bis zehn Meter überragen. Er wird wiederum durch nach hinten führende Abspannseile gehalten. „Die gesamte Konstruktion schwebt frei über dem erosionsgefährdeten Bereich und ist für mindestens 100 Jahre sicher“, sagt Franziska Trommer, Sprecherin des Nationalparkzentrums, das die Plattform betreibt. Sie könne ein Gewicht von 163 Tonnen und damit knapp 2.000 Personen, tragen.

Der Entwurf stammt von dem Architekturbüro Schlaich, Bergermann & Partner mit Hauptsitz in Stuttgart sowie Niederlassungen in Berlin, New York, Sao Paulo, Shanghai und Paris. Das Büro hatte bereits die geschwungene Fußgängerbrücke im Stadthafen von Sassnitz entworfen, um die es zunächst auch viele Diskussionen gab, die aber aus dem Stadtbild längst nicht mehr wegzudenken ist.

Nur noch bis Ende Oktober können Besucher den bisherigen Zugang zum Aussichtfelsen nutzen. Danach wird der Zugang demontiert, und dieser Felsen wird nie wieder begehbar sein.
Nur noch bis Ende Oktober können Besucher den bisherigen Zugang zum Aussichtfelsen nutzen. Danach wird der Zugang demontiert, und dieser Felsen wird nie wieder begehbar sein. © Gabi Thieme

Der Bürgermeister von Sassnitz, Frank Kracht (parteilos), gehört zu den Verfechtern des Königswegs. Er ist froh, dass entgegen früheren Planungen der Königsstuhl zumindest noch bis Ende Oktober für Besucher zugängig bleibt – trotz laufender Bauarbeiten. Die Eröffnung des Königswegs ist für die zweite Hälfte des Jahres 2022 vorgesehen – vorausgesetzt, es läuft alles nach Plan – vom benötigten Baumaterial bis hin zu den Kosten, betont Kracht.

Er weiß, dass das Vorhaben bis heute nicht nur Zustimmung findet und der Königsweg von den Gegnern jetzt schon als „Klobrille“ abgetan wird. Für sie ist der Königsstuhl ein Symbol der Natur. Er steht für Rügenromantik, die maßgeblich von dem Maler Caspar David Friedrich mitgeprägt und in Bildern festgehalten wurde. Eine gigantische Stahlkonstruktion passe da einfach nicht hin, das beiße sich, sagen die Kritiker. Durchsetzen konnten sie sich allerdings mit ihren Argumenten auch auf etlichen Einwohnerversammlungen nicht.

Während der Bauzeit können die Besucher in einem kleinen gläsernen Informationszentrum neben der Baustelle erste Eindrücke von der neuen Aussichtsplattform bekommen. Hier gibt es auch ein Modell im Maßstab 1:200 und einen animierten Film, wie alles nach der Fertigstellung aussehen soll. Für den Geschäftsführer des Nationalparkzentrums Königsstuhl, Mark Ehlers, ist wichtig, dass die schwebende Konstruktion zum einen neue Blickwinkel bietet. Zum anderen ist sie durch eine Breite von bis zu 3,50 Metern im vorderen Bereich über dem alten Königsstuhl auch Familien mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten uneingeschränkt zugänglich.

„Wir schaffen damit ein Naturerlebnis für alle Gäste an einem der spektakulärsten Naturorte in Europa“, sagt Ehlers. Bürgermeister Kracht ergänzt: „Die Stadt beschäftigt sich seit 2011 sehr verantwortungsbewusst mit dem Projekt. Denn der jetzige Zugang würde höchstens noch fünf bis zehn Jahre halten, wobei die Risiken von Jahr zu Jahr steigen. Nach langer Planung, genauester Baugrunduntersuchung und viel Diskussion mit den Bürgern und im Stadtrat bekommen wir nun eine nachhaltige und sichere Lösung, die den Reiz des Königsstuhls noch für Generationen erhält.“

Wichtig sei auch, dass die Bauphase von den Menschen miterlebt werden kann. „Deshalb haben wir eine 360-Grad-Live-Kamera installiert, damit sie den Baufortschritt jederzeit beobachten können.“ Transparenz und Einbeziehung der Öffentlichkeit seien ihm immer wichtig gewesen.

Die Besucher des Königsstuhls empfängt derzeit eine große Baustelle.
Die Besucher des Königsstuhls empfängt derzeit eine große Baustelle. © Gabi Thieme

Dass dann noch mehr Besucher kommen, werde man verkraften. Schon jetzt seien im 3.000 Hektar großen Nationalpark Jasmund pro Jahr etwa eine Million Menschen unterwegs. Die „Alten Buchenwälder“ des Parks gehören seit 2011 – gemeinsam mit fünf anderen Waldgebieten in Deutschland – zum Unesco-Weltnaturerbe. Der Hochuferweg über der Kreideküste gilt als einer der spektakulärsten Wanderwege an der Ostsee. Nur knapp ein Drittel der Wanderer kommt aber ins Nationalparkzentrum. „Wir haben also noch Luft nach oben“, meint der Stadtchef. Er hat natürlich auch die Kosten und die Einnahmen im Blick. Der mit 7,5 Millionen Euro veranschlagte Bau des Königswegs belastet die Stadt bis auf die Eigenmittel kaum. Er wird zum Großteil über Fördermittel aus dem Landeshaushalt finanziert.

Woher der Königsstuhl seinen Namen hat, sei bis heute nicht eindeutig geklärt, sagt der Leiter des Stadtarchivs von Sassnitz, Frank Biederstaedt. Er weiß allerdings ziemlich genau, seit wann hier Eintritt verlangt wird. Denn es gibt Berichte vom Bau eines Kassenhäuschens 1965, und danach waren 20 Pfennige pro Person fällig.

Was die Namensgebung betrifft, gibt es mehrere Thesen. Die einen berufen sich auf eine Sage, wonach derjenige „König von Rügen“ wurde, der es schaffte, den Felsen von der Seeseite zu bezwingen. Oben wurde für ihn ein Stuhl aufgestellt. Andere führen den schwedischen König Karl XII. ins Feld, der 1715 von genau diesem Platz ein Seegefecht der Schweden gegen die Dänen geleitet haben soll. Eigens für den durchlauchtigsten Hintern wurde ein Sessel aufgestellt, fortan hieß der Kreidefelsen „Königsstuhl“.

Laut Frank Biederstaedt, dem Archivleiter, ist der Name aber deutlich älter. Er weiß von einer ersten Erwähnung 1585. „In jedem Fall taucht er auch zu Zeiten der ersten Reisetätigkeit auf, als nach der Entdeckung einer eisenhaltigen Quelle 1795 durch den Pastor von Sagard die touristische Erschließung begann. Zunächst mit einer kleinen Köhlerhütte, im Jahr 1818 dann mit dem ersten regulären Gasthaus. Spätestens seit dieser Zeit existiert der Königsstuhl als Aussicht.“ Mit der neuen Aussichtsplattform wird die Geschichte fortgeschrieben.

Einen Baustellenblog mit Informationen zum Bau gibt es unter www.königsweg-rügen.de. Hier können Interessenten auch über eine Webcam den Bau live verfolgen.

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