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So fliegt es sich an Berlins neuem Flughafen

Der erste Flieger landete fast pünktlich am BER – auch wenn zuerst „Berlin-Tegel“ angekündigt wurde. Ein Erlebnisbericht vom Eröffnungstag.

Endlich fertig: der Flughafen Berlin Brandenburg.
Endlich fertig: der Flughafen Berlin Brandenburg. © Patrick Pleul/dpa

Von Harald Martenstein

Um als Passagier die erste Landung einer Lufthansa-Maschine auf dem BER zu erleben, musste man erst mal frühmorgens nach München. Dort startete dieser historische Flug. Also Abflug in Tegel, ein letztes Mal.

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Der Taxifahrer sagt, dass viele seiner Kollegen heute streiken wollen. Warum? Nur 300 Berliner Taxis dürften künftig am BER Gäste aufnehmen. Diese 300 wurden ausgelost. „Völlig bescheuert.“ Die BER-Landebahnen seien übrigens jetzt schon marode, das wisse er zufällig genau. „Machen Sie sich auf Schlagzeilen gefasst!“ Auch am Gate in Tegel ist man extrem schlechter Laune. „In Schönefeld machen die heute Party“, sagt der Mann beim Sicherheits-Check höhnisch, „und was dürfen wir? Nüscht!“

Gegen Ende ging diesmal auf der Baustelle alles sehr schnell. Noch im März wurden auf dem BER genau 2.601 Mängel festgestellt, nun sind sie verschwunden, das hoffen zumindest alle. Die Berliner Eröffnungszeremonie sollte bescheiden ausfallen, einerseits wegen Corona, aber auch wegen der unrühmlichen Geschichte des Projekts, zu der sich nun auch noch eine finanziell ungewisse Zukunft gesellt.

Neubau im Vintage-Look

In München ist wie derzeit an allen Flughäfen wenig los, nein, nicht wenig, eher fast gar nichts. Am Gate steht Peter Etzrot und gibt Interviews. Er darf als einer der beiden ersten Piloten ganz offiziell eine Passagiermaschine auf dem BER landen, und zwar synchron mit einem Kollegen von Easyjet, gemeinsamer Anflug, gleichzeitige Landung, er auf der Nordbahn. Er hat geübt. „Da darf ich mich einfach nicht blamieren.“ Im Flugzeug sitzen 80 Passagiere, fast alle sind Journalisten.

Was sagen eigentlich die Architektur- und Kulturkritiker zum BER? Im Feuilleton der Zeit hat ein Kollege erstaunt festgestellt, dass der neue BER so alt aussieht, wie er ist, nämlich zwanzig Jahre. Fast so lange ist es ja her, dass er erdacht wurde. Kein Wunder, dass er inzwischen ein bisschen nach Vintage aussieht. Also wie Möbel, die neu sind, aber in der Fabrik auf alt getrimmt wurden. Viele mögen das. 

In der taz bescheinigt man dem BER deshalb „etwas Warmes, gar Heimeliges“, das ist aber vermutlich nicht lobend gemeint. Über einen auf die schmückenden Säulen des Terminals zielenden Satz des taz-Kritikers lohnt es, lange nachzudenken: „Den Stützen fehlt Fleisch, das Körperliche, die die auf sie wirkende Kraft symbolisierende Gestalt.“ Die B.Z. fasst ihren Eindruck mit den Worten „seltsam unaufregend“ zusammen.

Check-In: Autor Harald Martenstein vor dem Abflug Richtung Berlin.
Check-In: Autor Harald Martenstein vor dem Abflug Richtung Berlin. © Harald Martenstein

Der Flug LH2020 mit dem Lufthansa-Airbus A320neo vom Münchner Flughafen „Franz-Josef Strauß“ ist ein ganz normaler Flug, über den sich wenig sagen lässt. Take-off pünktlich um 12 Uhr 50, kein Sekt, aber Pralinen für alle. Über München war der Himmel blau, vor Berlin zieht herbstliche Bewölkung auf. Damit sie etwas zu berichten haben, interviewen die Kollegen die Flugbegleiterinnen. 

Welt, RTL, Deutsche Welle, einer nach dem anderen stellt Fragen. Welche Strecken fliegen Sie sonst so? „Ganz verschieden.“ Was sagen Sie zur langen Bauzeit? „Da ist die Vorfreude umso größer. Wir lieben es, in der Luft zu sein.“ Tja. Die Kollegin von RTL im Nebensitz sagt: „Als die hier zu bauen angefangen haben, war ich in der sechsten Klasse.“ Und jetzt ist sie beim Fernsehen. Das ist doch schön anschaulich.

Für Berlin und Brandenburg ist die Eröffnung eines neuen Flughafens natürlich immer noch eine richtig große Sache. Ein großer Schritt für Berlin, aber doch nur ein kleiner Schritt für die Menschheit. Allein auf der Inselgruppe der Malediven, 520.000 Einwohner, scheinen 2020 vier neue Flughäfen eröffnet worden zu sein, in Funadhoo, Maarvarulu, Madivaru und Haarafushi. Was die Ökologie betrifft, sind die allerdings um einiges problematischer als der BER. 

Durchhalten fällt leichter, wenn Steuergeld fließt

Dass zur Verspätungsscham, für deutsche Verhältnisse, kein Anlass besteht, zeigt das Beispiel der Rheintalbahn, welche die Zugfahrt von Karlsruhe nach Basel eines Tages um 30 Minuten verkürzen könnte. Deren Planung begann Mitte der Achtziger, Optimisten rechnen für 2035 mit der Eröffnungsparty. Die Kosten stiegen dort jetzt schon von zwei auf sieben Milliarden. Die Steigerung beim BER, von 2,5 auf weniger als sieben, sieht da im Vergleich fast schon nach einem Geniestreich von Sparfüchsen aus. Es kommt bei so etwas immer auf den Erwartungshorizont an.

Versehentlich wird im Lautsprecher die Landung in „Berlin-Tegel“ angekündigt, das wird sofort korrigiert und wird sicher noch oft passieren. Leider fallen der Synchronanflug und die parallele Landung aus. Die Bodenstation zwingt den Piloten, wegen des Wetters, zu einigen Wartescheifen. Easyjet hat deshalb die Nase vorn, Peter Etzrot hat umsonst geübt. Wir landen mit fünf Minuten Verspätung und sitzen dann noch 20 Minuten ein bisschen ratlos in der Maschine, Tegel-Nostalgiker kennen das. Draußen findet ein Wasser-Spektakel der Feuerwehr statt, mit Fontänen.

Ursprünglich sollte der BER ein internationales Drehkreuz werden. Aber auch so dürfte es immerhin noch zur Nummer drei in Deutschland reichen, was die Passagierzahlen angeht. Ein Albtraum für die BER-Betreiber wäre es natürlich, wenn die Bahn bald ultraschnelle, billige Verbindungen in Deutschland anbieten würde, aber das steht, siehe Rheintalbahn, nicht zu befürchten. Der Verkehrsminister hat versprochen, sich für mehr internationale Flüge am BER einzusetzen. Er sei „mit Airlines in Kontakt“. Aber Andreas Scheuer hat in der Vergangenheit selten Glück gehabt mit seinen Projekten.

Süßes Souvenir. Für die Gäste des Erstflugs gab’s vor Abflug ein Lebkuchenherz.
Süßes Souvenir. Für die Gäste des Erstflugs gab’s vor Abflug ein Lebkuchenherz. © Harald Martenstein

Der Flughafen wird trotzdem fürs Erste stark defizitär sein, nicht zuletzt aufgrund der Corona-Krise. Gebaut wurde er für 40 Millionen Fluggäste im Jahr, inzwischen rechnet man mit zehn Millionen, bis auf Weiteres. Eines der beiden Terminals bleibt deshalb geschlossen und kostet, ohne etwas einzubringen. Dass es im Terminal 1, passend zum Retrostil, nur ziemlich wenige Steckdosen gibt, fällt wegen der geschrumpften Passagierzahlen womöglich gar nicht auf.

Unangenehm ist die Krise des Flugverkehrs ganz sicher für die Betreiber der Flughafengeschäfte. Mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes machen Flughäfen heutzutage mithilfe von Shopping, der weitläufige „Marktplatz“ im BER zeugt von großen Hoffnungen. Sogar die Bonner Nostalgiekneipe „Ständige Vertretung“ hat dort eine Filiale. In seiner Eröffnungsrede sagt der Flughafenchef Engelbert Lütke Daltrup: „Wir haben gelernt, dass es sich lohnt durchzuhalten.“ 

Das Durchhalten fällt natürlich deutlich leichter, wenn Steuergeld fließt. Die Prognosen sehen besser aus, seit Lütke Daltrup beschlossen hat, mit durchschnittlichen Einnahmen von 18 Euro je Passagier zu rechnen, ursprünglich waren es elf. Wirtschaftsprüfer Karl-Heinz Wolf hat sich die Zahlen angeschaut und nennt dies „utopisch“. Allein bis 2023 seien mindestens 1,5 Milliarden Euro Subventionen erforderlich, damit vom BER etwas fliegt.

Stichelei Richtung Leipzig

Lütke Daltrups Satz „Ab heute hat Ostdeutschland einen echten Flughafen“ wird in Leipzig sicher nicht gerne gehört. Alle wirken vor allem erleichtert bei dieser kurzen, bescheidenen Eröffnungszeremonie in kleinem Kreis, auch trotziger Stolz macht sich bemerkbar. Aber wenn heute einer Grund hat, stolz zu sein, dann der Baustellen-Terminator Lütke Daltrup, für die mit dem BER befassten Politiker trifft dies eher nicht zu.

Ein paar Tage vor der Eröffnung brachte die ARD einen BER-Film, durch den sich als roter Faden ein in Anbetracht der Projektgeschichte verständliches Grundmisstrauen zog. Die Autoren erinnerten an die gescheiterte Eröffnung im Jahre 2012. Skeptiker hatten damals immer wieder Zweifel an der Realisierbarkeit dieses Termins geäußert. Die Bauherren hatten ihre Energien lange, statt auf die Beseitigung der Mängel, auf die Beseitigung der Skeptiker und die Suche nach Sündenböcken konzentriert. 

Mit einer Wasserfontäne wurden die ersten beiden Flieger begrüßt.
Mit einer Wasserfontäne wurden die ersten beiden Flieger begrüßt. © dpa/Michael Kappeler

Die an der baulichen Schlamperei vermutlich unschuldigen Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg wurden 2012 gefeuert. Marg revanchierte sich, indem er auf die Frage, warum der Flughafen Tegel in nur vier Jahren fertig wurde, zur Antwort gab: Damals sei die Baubehörde qualifiziert und gut besetzt gewesen.

Gerkans und Margs Vintage-Flughafen ist wirklich schön geworden, elegant, sogar edel, dank seiner üppigen Holztäfelung, des Sandsteinbodens und der Säulen, auch wenn ihnen das Fleisch fehlt. Von oben sieht er wie ein H aus. Er ist riesig, wenn man an Tegel gewöhnt ist, aber er wirkt wirklich warm, sogar das vielen verhasste Wort „gemütlich“ passt. Wer hier zum ersten Mal in Berlin landet, muss denken, er sei in einer netten, heimeligen Stadt angekommen, die Härte, die Berlin auch hat, lernt man ja noch früh genug kennen.

Warten auf die Kotzkurve

An der Beschilderung müsste noch gearbeitet werden. Lange und mit wachsender Verzweiflung sucht man den Ausgang. Draußen sind viele neugierige Besucher zu sehen, aber auch viel Polizei. Klimademonstranten sitzen auf dem Boden, skandieren und singen, bis zur Eröffnungszeremonie sind ihre Stimmen nicht vorgedrungen. Aufs Klima kam bei der Eröffnung einzig der Brandenburger Regierungschef Dietmar Woidke zu sprechen. Sinngemäß: Man kann die Jets verbessern, das geht, der interkontinentale Verkehr wird aber so bald nicht mit Segelflugzeugen zu erledigen sein.

Was das Wetter betrifft, so sollte es südlich von Berlin am besten nie wieder Ostwind geben, zumindest dann nicht, wenn Jets von der Südbahn des BER starten. Aus Gründen des Lärmschutzes müssen die Piloten dann nämlich die sogenannte Hoffmannkurve fliegen, eine Startroute, die auch unter dem Namen LULUL 1B bekannt ist. LULUL 1B läuft darauf hinaus, dass drei Sekunden nach dem Start in nur 150 Metern Höhe, also knapp über dem Boden, bei Vollgas eine scharfe Rechtskurve auf dem Plan steht. 

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Im Volksmund wird sich statt LULUL 1B wohl der Name „die Kotzkurve“ durchsetzen, vor allem für Menschen mit Flugangst könnte die Kotzkurve ein unvergessliches Erlebnis sein. Die Pilotenvereinigung Cockpit hält LULUL 1B für ein Sicherheitsrisiko, aber ob das wirklich stimmt, wird man wohl abwarten müssen.

„Auch nach dem heutigen Tag“, hat Woidke gesagt, „wird es weitere Herausforderungen geben.“ Sogar schon am Eröffnungstag! Draußen ist kein Taxi zu sehen. Aha, der Streik. Die Berliner Taxifahrer waren da, um zu demonstrieren, dann sind sie wieder weggefahren. Einer, der zufällig Bekannte abholt, lässt sich erweichen. Seiner Ansicht nach lohnt sich das Geschäft am BER sowieso nicht, bei der Verlosung der Lizenzen hat er nicht mitgemacht. Der Flughafen ist, anders als Tegel, viel zu gut in das Nahverkehrsnetz integriert.

Damit, dass es für ankommende Passagiere, die mit dem Zug oder der S-Bahn weiterreisen, keine Rolltreppe zum Bahnhof gibt, wird eine Metropole wie Berlin wohl leben können. „Wir können den Bahnhof wunderbar mit Aufzügen erreichen“, hat Engelbert Lütke Daltrup zu diesem Thema gesagt. Andreas Scheuers Losung heißt: „Die Zeit der Jokes über den BER muss jetzt vorbei sein.“ Nun freue dich, Berlin.

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