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Star-Rapper Haftbefehl: "Bruder, jeder trägt sein Päckchen"

Authentischer als die meisten Konkurrenten: Deutsch-Rapper Haftbefehl beschreibt auf seinem neuen Album die ausgefranste Linie zwischen Gut und Böse.

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Etwas Kontrastprogramm muss schon sein: Aykut Anhan alias Haftbefehl samt Limousine im Offenbacher Problembezirk Mainpark.
Etwas Kontrastprogramm muss schon sein: Aykut Anhan alias Haftbefehl samt Limousine im Offenbacher Problembezirk Mainpark. © Tarek Mawad

Von Viktor Dallmann

Das Album kommt schon wieder im Winter. Aykut Anhan alias Haftbefehl veröffentlicht mit „Mainpark Baby“ Album Nummer sieben – Mittelfinger-Akrobatik an ein ignorantes System und seine auf Ausgrenzung basierende Klassengesellschaft. In Anhans Texten sprechen postmigrantische Wohnsiedlungen, wie der titelgebende Offenbacher Mainpark eine ist. Da, wo Haftbefehl aufwuchs, sind die Fluchtpunkte noch immer rar und die Menschen ringen mit ihrem Schicksal.

Haftbefehl beweist Authentizität – nicht, dass er das nötig hätte. Aber es ist eben kein Album, das nur aus prolliger Gangstershow und waffenfuchtelnder Selbstbeweihräucherung besteht. Ganz im Gegenteil: „Mainpark Baby“ ist das albumgewordene Maskottchen für die Kids in den sogenannten Problemvierteln. Es offenbart und bändigt die persönlichen Kämpfe vieler.

Martialisch und zugleich zerbrechlich

Anhan, der mit 14 nach dem Selbstmord seines Vaters ins Gang- und Drogenmilieu abstürzte, eine turbulente Zeit durchmachte und 2010 mit seinem Debütalbum für erstes Aufsehen sorgte, schwang sich seither auf zu einem der populärsten Rapper Deutschlands, zum Babo, also Chef. Was Udo Lindenberg für den Deutschrock darstellt, ist Haftbefehl für seine Szene. Das stellt er gerade wieder klar.

Es wird also wieder zeitig dunkel und das ist noch immer Räubermusik. Der wohlig flackernde Zorn der Gastarbeiternachkommen auf die strauchelnde Exportnation. „Ich wollte vor allem ein richtig geiles Hip-Hop-Album machen“, sagt Anhan. „Mainpark Baby“ soll die Mitte zwischen den Extremen Gut und Böse ausloten. Manchmal funktioniert das trefflich, manchmal bleibt es dabei musikalisch, na ja, Mittelmaß. Anstatt klarer Polarität wie auf den Vorgängeralben „Das Weiße Album“ und „Das Schwarze Album“ geht es hier um die feine Linie zwischen Ying und Yang – für den Rapper eine vergleichsweise achtsame Arbeitsweise.

Gewalt, Drogen und schnelles Geld wurden bei Haftbefehl noch nie nur verherrlicht, sie waren immer auch Ursache für Kontrollverlust sowie Selbst- und Fremdzerstörung. Trotzdem ist „Mainpark Baby“ wie kaum ein anderes zeitgenössisches Hip-Hop-Album ambivalent, gleichermaßen martialisch und zerbrechlich.

Dass Haftbefehl von Zeit zu Zeit auch selbst strauchelt, zeigt die jüngere Vergangenheit. Die Fans der Offenbacher Rap-Legende sorgten sich im Sommer, als Haftbefehl – offensichtlich stark alkoholisiert – einen Auftritt in Mannheim abbrach. Danach sagte er seine komplette „Schwarzweisse“-Tour ab. Auf Instagram erklärte der Rapper, das geschehe aus gesundheitlichen Gründen. Zumindest wissen wir nun, dass sich Haftbefehl in seine Musikküche zurückzog, um ein paar satte Nummern zu kochen.

Was man gerade sonst so im populären Deutsch-Rap- und Hip-Hop-Kosmos serviert bekommt, ist größtenteils fad. Es will entweder Glaubwürdigkeit betont ironisch auf die Schippe nehmen oder betont ungekonnt erlügen. Neben Druffi-Jünglingen wie dem Itzehoer T-Low (das steht für Thilo), seltsamen Möchtegern-Prolet-Skatern wie Makko und reizlos unbekümmertem Pop-Hip-Hop wie bei Nina Chuba (eine ehemalige Pfefferkörner-Darstellerin), wirkt Haftbefehl wie der Pate.

Auf dem Track „Zu viel gesehen“ entgegnet der Zwei-Meter-Riese: „Kleine Lauchs klau’n mein’n Style, ist auch okay“, und man stellt ihn sich vor, mit übergroßer Sonnenbrille und geringschätziger Stirnfalte. Dieser Kampf ist ihm zu mickrig, zum Abschied eine Knarrengeste aus dem Fenster der mattschwarzen Limousine. Ungezieltes Rumgedisse hat Anhan nicht mehr nötig, er hat sich selbst und seine Jungs auf dem Schirm. Das Milieu ist jedoch nicht nur für Gleichgesinnte interessant.

Wie beliebt zumindest dessen Abbildung ist, beweist Fatih Akins Film „Rheingold“, der seit Oktober in den Kinos läuft. Akin verfilmte darin die Lebensgeschichte des Rappers Xatar: aus dem Sozialbau in die Charts. Xatar, gebürtiger Iraner, der als Kind in Bonn landete, steigt zum Großdealer auf, später kommt der berüchtigte, folgenschwere Goldraub, die Flucht, Folterknast im Irak und schließlich JVA. „Rheingold“ unterhält zwar, macht aus der schmutzigen Realität aber eine Art überinszenierten Actionstreifen.

Haftbefehls „Mainpark Baby“ wird von einem fünfteiligen Kurzfilm von Chehad Abdallah begleitet. Die Serie bildet den ungefähren Lebensweg Aykut Anhans und anderer Mainpark-Babys ab. Das klingt letztlich ähnlich wie „Rheingold“, beweist aber einen viel größeren künstlerischen Anspruch. Es ist schließlich auch kein Kinofilm für die breite Masse, sondern Bebilderung der Sprache der Marginalisierten. Der erste Clip zum Song „Die braune Tasche“ ist, genau wie die anderen Kurzfilme, kein klassisches Musikvideo. Man sieht die Flucht einer kurdischen Familie vor Krieg und Elend und die braune Tasche, die im Song mit Drogen und Geld vollgestopft ist, beherbergt im Video Familienerinnerungen – alles das, was bleibt.

Ein dickflüssiger Synthie schiebt sich über einen hämmernden Beat. Seit zehn Jahren ist Haftbefehl mit jedem seiner Alben Stammgast in den deutschen Charts, trotzdem kommt er noch immer mit neuen Ideen um die Ecke. Das lieben Fans und Kritiker an ihm.

Haftbefehl ist älter geworden. Seine Featurepartnerin Paula Hartmann singt albumeröffnend: „Ich nehme keine Drogen, ich mag nur den Geruch von Koks“, aber es ist kein nüchternes Album. Auf dem Cover von „Mainpark Baby“ kuschelt sich Anhans siebenjähriger Sohn Noah an die Schulter des Rappers, aber es ist kein harmonisches Album. Von der Vergangenheit kann man sich nicht lossagen, man kann sie nur weitergeben und bewältigen. Vom Vater zum Sohn zur nächsten Generation. Hier ein bisschen Licht, da die unendliche Dunkelheit: „Hier gehst du kaputt und die Seele ist futsch, manche Mütter beten für ihre Jungs, manche Mütter schämen sich für ihre Jungs.“ Und auf der Rückseite des Albums ist ein verspiegelter Sarg zu sehen. Alles, was sich darin reflektiert, wirkt wie eine Endstation.

Schattenweltverse mit einem Augenzwinkern

Wenn es auf „Mainpark Baby“ einfach klingt, ist es das nicht. Das Album webt einen Flickenteppich aus Flucht- und Assimilationserzählungen, Edelmarken-, Drogen- und Gewaltposen – die Selbstermächtigung der Entmachteten. „Mainpark Baby“ ist sowohl Essenz als auch Rundumschlag und gespickt mit jeder Menge Featurepartner. Etwa Kool Savas, Paula Hartmann, OG Keemo. Haftbefehl erklärt dazu: „Bei mir gibt es keine Marketing-motivierten Features. Das sind alles Leute, die ich richtig gut finde.“ Die mit den Protagonisten verschmolzene Schattenwelt tritt förmlich aus den Boxen, aber sie tut das mit einem Augenzwinkern: „Wir ticken weißes Flex, Bruder, jeder trägt sein Päckchen“.

Seriös und gestanden, aber diesem ganzen Scheiß entwächst man nicht. Den Respekt niemals verlieren, denn jeder Traum kann platzen wie eine milchige Seifenblase. Du kannst den Jungen aus dem Mainpark holen, aber nicht den Mainpark aus dem Jungen. „Mainpark Baby“ ist eine OP am offenen Herzen der Kampfzone. Haftbefehl widmet dem wüsten Leben sozialer Randgruppen nicht nur ein Album, er hat es selbst gelebt. Er zeigt, wen die Kids in den Hochhaussiedlungen vergöttern und wie die Mehrheitsgesellschaft mit einem umgeht, der es herausschafft. Der letzte Song des Albums heißt „Letzter Track“ und Anhan beteuert, das Mikrofon wegzuwerfen und sich für seine Kinder Zeit zu nehmen. Bleibt zu hoffen, dass es ein Leben nach der Elternzeit gibt.

  • Das Album: Haftbefehl, Mainpark Baby. Urban/Universal