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Freu dich doch mal, Deutschland!

Wieso wird der Tag der Deutschen Einheit auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht wirklich gefeiert? Das fragt sich Heinrich Löbbers in einem Leitartikel.

Euphorie. Am 3. Oktober 1990 feierten in Berlin die Menschen die deutsche Einheit.
Euphorie. Am 3. Oktober 1990 feierten in Berlin die Menschen die deutsche Einheit. © picture-alliance / ZB

Es war schön gewesen und es war spät geworden. Ich war Gast bei einer feuchtfröhlichen Hochzeit mit ostdeutscher Braut und westdeutschem Bräutigam. Anfang der Neunziger. Wir hatten getanzt, getrunken, gesungen. Irgendwann wurde ich enttarnt. „Wie, du kommst aus dem Westen?“, fragte mich die Brautfamilie. „Aber du bist doch ganz nett.“ Das war durchaus ernst gemeint, die Feier ging weiter.

Es ist eine dieser immer wieder gern gehörten Wiedervereinigungsanekdoten, wie sie viele Deutsche erzählen können. Lange her, immer noch lustig. Aber nicht auszuschließen, dass einem so etwas auch heute noch passieren kann.

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Vor 30 Jahren hat sich Deutschland wiedervereinigt. Welch ein Jubel damals. Und heute? Sollen wir alle an diesem 3. Oktober eine ausgelassene Party feiern? Selbst ohne Corona würde es wohl eher ein maues Fest. Der willkürlich festgelegte Tag der Deutschen Einheit ist gesetzlicher Feiertag, nationaler Freudentag ist er auch nach drei Jahrzehnten nicht geworden. Manchmal, wenn die Reden zu bedeutungsschwanger werden, wirkt er fast wie ein Gedenktag. Und ein bisschen wie der Geburtstag eines komischen Verwandten, den man nicht absagen mag und um des Familienfriedens willen mitmacht.

Ach, könnten wir uns doch einfach mal entspannt freuen über die Einheit, die so vielen Menschen so viele Wege eröffnet und so vieles ermöglicht hat. Als ob es nicht genug Gründe zum Glück gäbe, mehr als zur Klage. Die meisten Deutschen sind ja durchaus zufrieden mit dem, was die Einheit gebracht hat.

Ich selbst erlebe gerade mein Zirkeljahr. Lebe jetzt genauso lange tief im Osten, wie ich zuvor weit im Westen wohnte. 28 Jahre lang. Würde man auf einem Zeitstrahl meine westdeutschen Jahre mit dem Zirkel abmessen und ihn einmal drehen, käme der Kreis im Jahr 2020 an.

Was bin ich also? Wessi? Ossi? Wossi? Nichts Halbes, nichts Ganzes? Man merkt: diese Kategorien funktionieren nicht mehr. Für viele haben sie längst keine Bedeutung mehr. Doch es gibt sie noch. Und warum auch nicht? Man kann ja auch Unterschiede einfach mal aushalten, ohne sie gleich zu dramatisieren.

Und meine Kinder erst: von westdeutschen Eltern im Osten geboren – das auch noch an einem 13. August, dem Tag des Mauerbaus, und an einem 3. Oktober. Kinder der Einheit. Trotzdem spielt das alles für die beiden inzwischen jungen Erwachsenen keine Rolle mehr, überhaupt keine. Und das ist gut so.

Als Wossi wird man alsbald zum deutsch-deutschen Dolmetscher, der Befindlichkeiten übersetzt. Was denn da drüben los ist, wollen Freunde auf der jeweils anderen Seite wissen. Man versucht zu erklären und erkennt: aufeinander zugehen und einander zuhören, das hilft.

Natürlich wächst da was zusammen mit jeder Generation. Es wird sich wohl auch irgendwann auswachsen. Aber das dauert länger gedacht. Es hat ja keinen Sinn, alles schönzureden, die verpassten Möglichkeiten, die Kränkungen und Demütigungen, die Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten, die politischen und ökonomischen Probleme.

Die Hälfte seiner wiedervereinigten Jahre wird dieses Land inzwischen von einer Ostdeutschen regiert, hatte dazu fünf Jahre einen ostdeutschen Präsidenten. Trotzdem fühlt sich der Osten unterrepräsentiert. Und ist es auch in vielen Bereichen. Andererseits: Wer nicht sieht, dass Ostlandschaften blühen, der muss blind sein. Wer sehen kann, dem bleibt ebenso wenig verborgen, dass manches verdorrt ist. Übrigens auch im Westen. Dort, wo der Besserwessi als solcher oft genug Grund findet, sich über jammernde Motzkis und Trotzkis zu erregen.

So könnten wir uns die Klischees noch die nächsten 30 Jahre um die Ohren hauen. Und wissen doch, dass es weder d e n Ostdeutschen noch d e n Westdeutschen gibt. Wie wäre es stattdessen mit Respekt und Rücksicht, Neugier und Offenheit? Wie wäre es, wenn wir: Gemeinsamkeiten suchen und Verschiedenheiten ertragen? Anderen zuhören, statt ihnen zu erklären, wie sie gelebt und zu leben haben? Ungerechtigkeiten beheben, die längst erkannt und oft benannt sind? Die noch nicht verpassten Chancen nutzen, statt die verpassten Möglichkeiten zu beklagen?

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