merken
PLUS Feuilleton

„Es war hart, sich gegen Kollegen zu stellen“

Filmakademie-Präsident und Schauspieler Ulrich Matthes über Kritik an Corona-Maßnahmen und über Sexualität.

Ulrich Matthes, Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie, nach dem Interview.
Ulrich Matthes, Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie, nach dem Interview. © dpa

Ulrich Matthes ist Präsident der Deutschen Filmakademie. Der 62-jährige Berliner hat in Filmen wie dem Weltkriegsdrama „Der Untergang“ mitgespielt und arbeitet am Deutschen Theater in Berlin. Zudem ist Matthes Präsident der Deutschen Filmakademie und erklärt im Interview, was ihm bei der am Freitag über die Bühne gegangenen Gala zum Deutschen Filmpreis besonders wichtig war, warum er Fragen zur Aktion #allesdichtmachen nicht mehr hören kann und warum ihn Olympia zu Tränen rührt.

Herr Matthes, die Kinos haben wieder offen. Waren Sie schon in einem drin?
Was für eine Frage, natürlich war ich das schon!

Anzeige
Unser Datenschatz, zukunftssicher gemacht
Unser Datenschatz, zukunftssicher gemacht

Das Verwahren, Strukturieren und Transparent machen von Forschungsergebnissen auf nationaler Ebene ist ein Mammutprojekt – bei dem die TU Dresden ganz vorn mit dabei ist.

Und, wie war’s?
Ich habe das herbeigesehnt und wieder den Unterschied zwischen den Streamingangeboten und dem Kino gespürt. Ich bin kein Verächter von Netflix und Co, im Gegenteil, ich habe so manchen Serienmarathon während der Corona-Zeit mitgemacht. Aber es ist dann doch ein riesiger Unterschied.

Aber zu Hause hat man einen Kühlschrank. Und ein Sofa.
Ja ja, na klar. Aber so gemütlich es auch ist, mal einen verkuschelten Abend vor der Glotze zu haben mit der Käsestulle, es ist dann doch ein völlig anderes Erlebnis, im Kino zu sitzen. Und ein Gesicht, eine Landschaft, eine Emotion um ein Vielfaches vergrößert zu erleben. Aber beides hat seine Berechtigung.

Ulrich Matthes (r.) sitzt bei der Filmpreis-Party zusammen mit dem Regisseur Paul Verhoeven.
Ulrich Matthes (r.) sitzt bei der Filmpreis-Party zusammen mit dem Regisseur Paul Verhoeven. © dpa-Zentralbild

Weinen Sie eigentlich auch mal beim Filmgucken?
Ich bin echt nah am Wasser gebaut. Während Olympia habe ich bei jeder zweiten Siegerehrung eine Träne verdrückt. Ich glaube, während des Films „Herr Bachmann und seine Klasse“ hatte ich durchgehend feuchte Augen. Ich könnte auch andere Filme nennen. Ich bin sehr schnell zu rühren und schäme mich dessen nicht.

Der Dokumentarfilm, den Sie eben erwähnten, ist auch rührend. Wie viel Redebedarf besteht eigentlich, wenn die Filmbranche nun zum Deutschen Filmpreis zusammentrifft?
Ich glaube, es besteht weniger Rede- als Umarmungsbedarf. Neulich war ich auf einem Geburtstag, und es war sofort spürbar, wie schön es ist, mal wieder unbefangen in der Gruppe beieinanderzuhocken, sich zu umarmen, sich auf die Wange zu knutschen. Wir haben alle Nachholbedarf. Aber ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Natürlich gab es in diesen anderthalb Corona-Jahren auch die eine oder andere Verwerfung bei uns in der Branche.

Mehrere Menschen aus der Filmszene haben im Frühjahr mit der Aktion #allesdichtmachen für Diskussionen gesorgt. Einige Videos waren satirische Kommentare zum Umgang mit der Pandemie. Wie ist in den vergangenen Wochen noch darüber diskutiert worden?
Ach Mensch, es ist vor allem eine Frage, die sich Journalistinnen und Journalisten stellen. In der Branche selber ist das kein Thema mehr. In meinen Augen war das eine verkorkste Aktion, ich habe damals meinen Senf dazu gesagt und mich gleichzeitig vor meine Kollegen gestellt, wenn es plötzlich hieß, die sollten irgendwelche Rollen nicht mehr spielen. Ich reagiere auch deswegen etwas gereizt darauf, weil es der Tiefpunkt meiner dreijährigen Amtszeit war, weil es hart war, sich gegen rund50 Kolleginnen und Kollegen zu stellen.

Ulrich Matthes 2004 als Joseph Goebbels in "Der Untergang".
Ulrich Matthes 2004 als Joseph Goebbels in "Der Untergang". © Verleih

Es gab noch eine zweite Kampagne, die viel Aufmerksamkeit bekommen hat – die Aktion #actout. Mehrere Kolleginnen und Kollegen haben öffentlich gemacht, dass sie zum Beispiel schwul, lesbisch oder bisexuell sind. Sie waren auch dabei. Haben Sie lange überlegt?
Spontan habe ich erst abgesagt: Nach dem Motto: Sexualität ist privat, das geht keinen was an. Aber es gibt ja selbst in unserer vermeintlich supertoleranten Branche noch Ressentiments, Getuschel, Vorurteile. Wie überall. Und dann dachte ich: Wenn ich gefragt werde bei einer so großen Aktion, dann kann ich denen weder als privater Uli noch als Präsident der Filmakademie meine Solidarität versagen.

Und wie waren die Reaktionen?
Es gab sehr viele positive Reaktionen und ein paar negative.

Die Kampagne wurde im Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Was hat sich seitdem getan?
Na ja, das ist ein Gesprächsangebot in die Gesellschaft hinein, da kann sich nicht von heute auf morgen etwas tun. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, das ist wahrgenommen worden. Viele haben vielleicht ein paar Gespräche geführt, Gedanken ausgetauscht. Manche haben gesagt: Ach, haben die’s nötig? Und andere haben gesagt: Mensch, selbst in der Filmbranche gibt es offenbar immer noch Vorurteile. Und wieder andere haben sich vielleicht gefragt: Habe ich selber noch Ressentiments? Mehr ist es nicht, als sich ein paar Gedanken zu machen. Das gilt auch für andere Themen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel für das große Thema Rassismus. Da kann man sich auch fragen: Wann bin auch ich rassistisch? Mehr will doch so eine Aktion im Grunde nicht. Es wäre schön, wenn wir unser Bewusstsein immer wieder ein bisschen frisch machen und uns fragen: Wann benehme ich mich im Alltag eigentlich daneben?

Weil wir uns alle mal ein bisschen danebenbenehmen?
Na klar! Weil wir Menschen sind, Fehler machen und wir alle Vorurteile haben. Die einen mehr, die anderen etwas weniger. Und wenn man nicht ganz verblödet ist, dann ist es doch schön, sich ein bisschen im Alltag darum zu bemühen, im Schneckengang ein besserer Mensch zu werden. Das macht ja auch Spaß. Man bekommt bessere Laune – und die Menschen um einen herum auch.

Ulrich Matthes (l.) und Justus von Dohnányi spielen in "Freunde" zusammen. Der Film läuft am 20. Oktober im Ersten.
Ulrich Matthes (l.) und Justus von Dohnányi spielen in "Freunde" zusammen. Der Film läuft am 20. Oktober im Ersten. © ARD

Das klingt sehr wie aus einem Lebensratgeber.
Au weia, finden Sie das zu „Lehrer Lämpel“-haft?

Nein, in der Regel haben diese Bücher ja recht, so abgedroschen sie manchmal auch klingen. Wenn wir schon beim Freundlichsein sind: Haben Sie – wie versprochen – Ihre Supermarktbelegschaft schon ins Theater eingeladen?
Neulich hat eine der Ladys schon gefragt: Was ist denn eigentlich aus Ihrer Einladung geworden? Haben Sie schon vergessen, was? Und da habe ich gelacht und gesagt: Nee, keineswegs. Aber ein voll besetztes Haus ist doch schöner als so eine Schachbrettmusterbude.

Im vergangenen Jahr wurde der Deutsche Filmpreis im Fernsehen vergeben ohne viel „Tschingderassabum“, wie Sie damals sagten. Was passierte diesmal, haben Sie es wieder knallen lassen?
Ich habe mich riesig gefreut, dass wir wieder ein großes Fest hatten. Wir waren ja – wahrlich nicht nur die Filmbranche – zum Teil existenziell von diesen anderthalb Jahren bedroht. Und etliche sind es noch. Ich nehme uns wirklich nicht wichtiger, als wir sind. Aber für einen Mikrokosmos wie unsere Filmbranche war es schön, mal einen Abend Party zu machen. Und zu sagen: Uns gibt es noch, wir leben, wir haben tolle Leistungen in diesem wirklich schwierigen Jahr erbracht.

Das Interview führte Julia Kilian (dpa).

Der neue Film „Freunde“ mit Ulrich Matthes läuft am 20. Oktober ab 20.15 Uhr im Ersten.

Mehr zum Thema Feuilleton