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Vom Werden und Leben des Antisemitismus

Peter Longerich beschreibt die Geschichte des Judenhasses in Deutschland. Auch die Rolle von Islamismus und Israelkritik lässt er dabei nicht aus.

Auch mehr als ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Nationalsozialismus‘ und des Holocaust können sich Juden in Deutschland immer noch nicht sicher fühlen.
Auch mehr als ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Nationalsozialismus‘ und des Holocaust können sich Juden in Deutschland immer noch nicht sicher fühlen. © www.snapshot-photography.de

Von Michael Bittner

Ein deutscher Nazi scheitert nur knapp bei dem Versuch, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. Islamisten greifen auf den Straßen Männer an, die Kippa tragen. Aktivisten aus dem linken Milieu erklären angesichts einer neuen Runde des Nahostkonflikts wieder einmal, die jüdischen Israelis seien inzwischen Nazis, die einen Völkermord betreiben. Der uralte Antisemitismus zeigt dieser Tage, wie quicklebendig er noch immer ist. Das Buch des Historikers Peter Longerich, der vor allem für seine Forschungen zum Nationalsozialismus bekannt wurde, scheint da beinahe wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Seine umfangreiche, gelehrte und dennoch verständlich erzählte Geschichte des Antisemitismus in Deutschland ist aber eher so etwas wie ein Lebenswerk.

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“Antisemitismus ist für Longerich Sammelbegriff für alle „Einstellungen und Verhaltensweisen“, die „Personen, die als Juden wahrgenommen werden, aufgrund dieser Zurechnung zum jüdischen Kollektiv negative Eigenschaften unterstellen“. Diese sparsame Definition erlaubt es dem Autor, die „chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit“ des modernen Antisemitismus vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zu verfolgen. Longerich betont dabei immer wieder, dass verschiedene Formen des Judenhasses sich mischen: Religiöser, sozialer und rassistischer Antisemitismus gehen ineinander über, weil alle Antisemiten auf ein gemeinsames Reservoir an Vorurteilen über die Juden zurückgreifen können.

Die Forderung nach „nationaler Identität" ist ein Problem

Nicht ganz konsequent ist es gerade deswegen allerdings, dass Longerich in seiner Darstellung Mittelalter und frühe Neuzeit ausspart. So bleibt etwa die verhängnisvolle Rolle von Martin Luthers Judenhass unerwähnt, der noch im Nazi-Propagandafilm „Jüd Süß“ zitiert wird. Aber Longerich hat kein Buch über die deutsch-jüdischen Beziehungen geschrieben. Denn der Antisemitismus ist keine Reaktion auf das Verhalten der Juden. Bewahren die Juden ihre traditionelle Lebensweise, werfen ihnen die Antisemiten verstockte Fremdheit vor, nehmen die Juden die deutsche Kultur an, klagen Antisemiten über den Versuch, sich einzuschleichen.

Zu Recht versteht Longerich Antisemitismus zuerst als Mangel des Antisemiten. In der Erklärung setzt er sich von der „Sündenbock“-Theorie ab, nach der herrschende Eliten besonders in Krisenzeiten den Volkszorn auf die Minderheit der Juden ablenken. Diese Theorie sei nicht gänzlich falsch, aber doch unzureichend: Sie erkläre nicht, warum gerade die Juden in Deutschland und anderswo immer wieder zu Feinden erklärt wurden. Longerich rückt stattdessen das Problem der „nationalen Identität“ in den Mittelpunkt. Es ist ein fruchtbarer Ansatz, auch wenn man manchmal tiefere ökonomische und sozialpsychologische Ursachenforschung vermisst.

Antisemitische Propaganda in der Weimarer Republik

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich in den deutschsprachigen Staaten eine Bewegung, die ein einheitliches „deutsches Volk“ herstellen und politisch in einem Nationalstaat zusammenschließen wollte. Doch diese Deutschen waren tatsächlich politisch, religiös und sozial sehr verschieden. Die gemeinschaftliche Selbstbefreiung durch eine demokratische Revolution misslang ihnen. Der Antisemitismus wurde zum negativen Ersatz: Zuerst in der Romantik, später erneut im Kaiserreich wurde der vermeintlich wurzellose, unehrliche, gierige Jude zum ewig fremden Gegenbild dessen, was man als „deutsches Volk“ gerne gewesen wäre. Der deutsche Nationalismus war so von Anfang an verhängnisvoll belastet: durch den Antisemitismus und den mit ihm verknüpften Hass gegen die moderne, westliche Demokratie.

In der Geschichtsschreibung wird gewöhnlich das Deutsche Kaiserreich als Ursprungsort des modernen Antisemitismus hervorgehoben. Longerich setzt einen anderen Akzent und widmet sich besonders ausführlich der Weimarer Republik, in der Judenhass öffentlich nicht mehr nur von einzelnen Fanatikern und völkischen Sekten verkündigt, sondern massenwirksam propagiert wurde. Der Antisemitismus wuchs nicht einfach aus Krieg und Krise, sein Siegeszug wurde „durch die äußerste Rechte planvoll eingeleitet“ und setzte sich auch in den stabileren Jahren fort. Die Zerstörung der Demokratie und die „Entfernung“ der Juden verschmolzen für die radikale Rechte zu einem Ziel.

"Juden angreifen, ohne von Juden zu sprechen"

Die Nationalsozialisten verwirklichten es schließlich, unterstützt oder zumindest geduldet durch einen Großteil der Deutschen, besonders aus den kleinbürgerlichen, bäuerlichen und akademischen Milieus, wo Antisemitismus schon immer alltäglich gewesen war. Die Schlusskapitel seines Buches widmet Longerich dem deprimierenden Weiterleben des Antisemitismus nach dem Holocaust. Auch heute noch können die Vertreter der „Neuen Rechten“ ihre „deutsche Identität“ partout nicht genießen, ohne den Nationalsozialismus und seine Verbrechen als „Vogelschiss“ zu verharmlosen. Aber Longerich schreibt auch über den Islamismus und den oft in Antisemitismus kippenden Hass gegen Israel.

Viel lässt sich hier für gegenwärtige Debatten lernen, etwa über die „Codierung“ des Antisemitismus, die schon im 19. Jahrhundert zur vollendeten Kunst ausgebildet wurde. Diese „Technik, Juden anzugreifen, ohne von Juden zu sprechen“, beherrschen auch heute viele meisterlich, die gegen „Zionisten“, „Rothschilds“ und „Globalisten“ ins Wortgefecht ziehen.

Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. München: Siedler, 2021, 640 Seiten, 34 Euro

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