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Politik

Wanderwitz: Große Politikskepsis im Osten

Nach wie vor empfinden sich dem Ostbeauftragten zufolge viele Menschen in den neuen Bundesländern als "Menschen zweiter Klasse".

Marco Wanderwitz stellte am Mittwoch den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit vor.
Marco Wanderwitz stellte am Mittwoch den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit vor. © dpa

Berlin. Wirtschaftlich hinkt der Osten noch immer hinterher - und politisch tickt er etwas anders. Zu diesem Schluss kommt die Bundesregierung im Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit, den das Kabinett am Mittwoch verabschiedet hat. Der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz sieht bei vielen Ostdeutschen eine "vertiefte Grundskepsis" gegenüber Politik und Demokratie. "Das ist zwar eine Minderheit, aber die Minderheit ist größer als in den alten Bundesländern", sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Das gefährde die Demokratie.

"Wir müssen es schaffen, die Menschen von Demokratie und Rechtsstaat zu überzeugen", betonte Wanderwitz. "Der Zustand muss aufhören, dass wir vor jeder ostdeutschen Landtagswahl wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Wahlergebnisse schauen und zittern, wie viel Prozent extreme Kräfte erreichen." Man müsse den Menschen zuhören, ihnen auf Augenhöhe begegnen und auch erklären, warum gewisse Dinge nicht funktionierten, wie sie es sich wünschten.

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"Ich bin auch frei von Illusionen", sagte Wanderwitz. "Bei einem gewissen Anteil von denen, die Hass auf die Demokratie haben, kann ich mir schwerlich vorstellen, dass man sie damit erreichen kann."

Erst vor kurzem hatte der Ostbeauftragte für Aufsehen gesorgt, weil im "FAZ-Podcast für Deutschland" sagte: "Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind." Ein Teil der Bevölkerung habe "gefestigte nichtdemokratische Ansichten".

Menschen ist ostdeutschen Ländern nicht gleichermaßen zufrieden

Laut Einheitsbericht sind die Bürgerinnen und Bürger in den ostdeutschen Ländern der Politik gegenüber skeptischer, distanzierter und kritischer eingestellt. Trotz vieler Erfolge auf dem Weg zu gleichwertigen Lebensverhältnissen seien die Menschen nicht gleichermaßen zufrieden. Die politische Einstellung gehöre zu den wenigen Feldern, in denen es noch Ost-West-Unterschiede gebe - auch wenn diese Unterschiede "durchweg gradueller und nicht substanzieller Art" seien.

Doch auch mit ihrer Wirtschaftsleistung hinken die ostdeutschen Länder weiter hinterher. Zwar verbesserte sich die Wirtschaftskraft von Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2010 und 2020 von 76 auf 81 Prozent des Bundesdurchschnitts. Der Rückstand ist aber weiter deutlich.

Wanderwitz sieht auch Fortschritte

Wanderwitz sieht trotzdem wichtige Fortschritte: Bei Ansiedlungen von Behörden und Forschungseinrichtungen im Osten sei man gut vorangekommen. Außerdem solle die Region bei Zukunftstechnologien wie Wasserstoff «auf die Überholspur» kommen. In der Corona-Krise schnitten die neueren Länder laut Wanderwitz durch ihre andere Wirtschaftsstruktur mit weniger Großindustrie bereits besser ab als der Westen.

Viele Unterschiede zwischen Ost und West seien ohnehin nicht mehr überwiegend mit dem Umbruch nach der Wiedervereinigung 1990 zu begründen, sagte der Ostbeauftragte. Vielmehr stellten sich allen strukturschwachen Regionen in Deutschland die gleichen Herausforderungen. Die Ost-Länder müssten diese allerdings häufig von schlechteren Ausgangssituationen aus angehen. Seit 2020 werde deshalb nicht mehr nach Himmelsrichtung, sondern nach tatsächlichem Bedarf gefördert.

Zahlen zum Stand der deutschen Einheit
Auch eine Generation nach der Wiedervereinigung liegt Ostdeutschland im Vergleich zum Westen des Landes in vielen Bereichen zurück. Aber die Zahlen nähern sich weiter Schritt für Schritt an. Das zeigt der Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit. Einige Beispiele:

Das Bruttoinlandsprodukt (BiP) 2020 rund 77,9 Prozent des westdeutschen Niveaus, inklusive Berlin 82,8 Prozent. Zehn Jahre zuvor lag das BiP im Osten bei 69,6 Prozent, mit Berlin bei 74,2 Prozent.

Das verfügbare Einkommen im Osten lag 2020 bei etwa 86 Prozent des Westens. Zugleich ist der Verdienstabstand zwischen Frauen und Männern in den neuen Bundesländern mit sechs Prozent im Jahr 2020 weiterhin deutlich geringer als in den alten Bundesländern mit 23 Prozent.

Das Privatvermögen ist zwischen Ost und West ebenfalls noch sehr unterschiedlich verteilt. Während die privaten Haushalte in den alten Ländern im Durchschnitt über ein Immobilien- und Geldvermögen von rund 182.000 Euro verfügen, umfassen die Vermögen der Haushalte in den neuen Ländern mit rund 88.000 Euro im Durchschnitt nur knapp 48 Prozent des Betrages der Haushalte der alten Länder, heißt es in dem Bericht. Jedoch habe sich auch hier der Abstand in den vergangenen 30 Jahren deutlich verringert. 1993 verfügten die Haushalte im Osten nur über Vermögen von rund 29 Prozent des Niveaus im Westen.

Eine Vorreiterrolle hat der Osten bei der Reduktion der Treibhausgasemissionen. Zwischen 1990 und 2017 sind die Treibhausgasemissionen bundesweit um 28,6 Prozent gesunken, in den neuen Ländern inklusive Berlin um 60,2 Prozent, in den alten Ländern um rund 21 Prozent.

Große Unterschiede gibt es weiterhin beim Anteil von Migrantinnen und Migranten zwischen Ost und West. Mit rund 13,5 Prozent lag der Anteil der Menschen mit einem ausländischen Pass im Jahr 2019 in den alten Bundesländern etwa 2,7-mal so hoch wie in den ostdeutschen Ländern mit rund fünf Prozent.

Fast vollständig angeglichen hat sich seit den 1990er Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung. Unterschiede gibt es noch bei der Lebenserwartung von Männern mit 78,9 Jahren in den alten und 77,5 Jahren in den neuen Bundesländern im Jahr 2019. Die Lebenserwartung der Frauen liegt dagegen in Ost und West bei etwa 83,6 Jahren.

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Trotz aller Fortschritte blieben Ostdeutsche aber auch 30 Jahre nach der Einheit "vielfach Bürger zweiter Klasse", kritisierte Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch. "Die ostdeutsche Kanzlerin (Angela Merkel, CDU) hat es in 16 Jahren nicht geschafft, die Einheit zu vollenden", erklärte er. Wirtschaft und Lohnniveau glichen sich viel zu langsam an.

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