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Was denken die Deutschen über Hasskommentare?

Umfragen belegen: Der Umgangston macht vielen Menschen Angst. Journalisten sind besonders oft Ziel von Angriffen – immer mehr auch gewalttätigen.

Nach einem Angriff auf ein Kamerateam, liegt die Ausrüstung am Boden. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) hat einen deutlichen Anstieg von Angriffen auf Journalisten in Deutschland registriert.
Nach einem Angriff auf ein Kamerateam, liegt die Ausrüstung am Boden. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) hat einen deutlichen Anstieg von Angriffen auf Journalisten in Deutschland registriert. © dpa

Die Mehrzahl der Deutschen ist besorgt. 65 Prozent machen sich „häufig Sorgen um den Zustand der Demokratie“ und 70 Prozent finden, die öffentliche Debatte sei zunehmend hasserfüllt. Dies ist das Ergebnis einer länderübergreifenden Studie der Robert-Bosch-Stiftung und der Organisation More in Common, die erst in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Diese Zahlen bestätigen eine YouGov- Umfrage, nach der sich 95 Prozent der Befragten einen positiveren Umgangston im Internet wünschen.

Vom Hass betroffen sind vorwiegend Menschen, die im öffentlichen Raum agieren, Bürgermeister zum Beispiel. 57 Prozent von ihnen sind deutschlandweit bereits mindestens einmal beleidigt, bedroht oder sogar tätlich angegriffen worden. Dies ist das Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Hamburger Körber-Stiftung. 19 Prozent der Bürgermeister dachten deshalb schon an einen vorzeitigen Rückzug vom Amt.

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Besonders betroffen sind auch Journalisten, Fotografen, Kameraleute. Die Uni Bielefeld, die seit Jahren Hass und Angriffe auf Medienschaffende registriert, hat jüngst festgestellt, dass 59,9 Prozent der 322 befragten Medienleute in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal verbal oder körperlich angegriffen wurden. 68,6 Prozent von ihnen glauben, dass hasserfüllte Reaktionen, Beleidigungen, Anfeindungen in den letzten Jahren zugenommen haben. 16,2 Prozent von ihnen wurden schon einmal körperlich angegriffen, 15,8 Prozent erhielten Morddrohungen. Besonders oft erleben Journalisten Anfeindungen nach Artikeln über Migration, AfD und Flüchtlinge.

Angriff mit Metallstangen

Das European Centre for Press and Media Freedom hat unterdessen für 2020 69 tätliche Angriffe auf Journalisten gezählt, viele davon auf „pandemiebezogenen Veranstaltungen“ durch Verschwörungsgläubige, Reichsbürger, Neonazis und Esoteriker. 31 der Angriffe konnte eindeutig Rechten zugeordnet werden, fünf eindeutig Linken. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ bestätigt diesen Trend. Solche Demonstrationen wurden im vergangenen Jahr für Journalisten zu gefährlichen Orten. Sie wurden aus den Reihen der Demonstranten getreten, mit Metallstangen angegriffen, ihnen wurden Kameras aus der Hand geschlagen.

Unterdessen belegt eine Studie der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, dass das Entsetzen über den Hass vor allem im Internet in den letzten Jahren zugenommen hat, immer mehr Bürgern macht diese Entwicklung Angst, das Verständnis für anonyme Hasskommentare sinkt. Gleichzeitig ist die Erkenntnis gereift, dass eine Beteiligung an hasserfüllten Diskussionen reine Zeitverschwendung ist.

Als wirksamste Strategie gegen den Hass waren der Umfrage zufolge 77 Prozent der Befragten für mehr strafrechtliche Verfolgung, 73 Prozent sprachen sich für sofortiges Löschen von Hasskommentaren aus, 66 Prozent bevorzugen eine Meldung an die Plattformbetreiber. Gleichzeitig plädiert eine Mehrheit der Befragten für eine intensivere Moderation von aktuellen Debatten.

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