merken
PLUS Feuilleton

Wir sind stolz auf Schwarz-Rot-Gold

Das deutsche Erbe von ’89 ist in der Welt von heute wichtiger denn je, sagt Bundespräsident Steinmeier. Ein Beitrag aus unserer Reihe "Perspektiven".

Farben der Demokratie am Reichstag.
Farben der Demokratie am Reichstag. © Getty Images

Von Frank-Walter Steinmeier

Es ist ein denkwürdiger Zufall, dass sich fast genau zum dreißigsten Geburtstag der Wiedervereinigung auch die Gründung des ersten deutschen Nationalstaates vor 150 Jahren jährt. Dieser Zufall schärft unseren Blick. Denn wie gegensätzlich waren beide Ereignisse, wie verschieden die Idee, die ihnen zugrunde lag.

Anzeige
DSC vs. USC Münster | 24. Oktober 2020
DSC vs. USC Münster | 24. Oktober 2020

Am 24. Oktober 2020 bestreiten die DSC Volleyball Damen ihr erstes Heimspiel in der Bundesliga Saison 2020/21 und treffen auf den USC Münster.

Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut, nach Kriegen mit unseren Nachbarn, gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus. Ich selbst war erst vor wenigen Tagen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden – ein große, eine gute Ausstellung –, und von der Decke, in einer Ecke des Saales, hingen an langen Fäden zahllose Kinderbücher aus jener Zeit. In ihnen kleine Jungen, die kaum über die Tischkante gucken konnten, aber bereits stolz die Soldatenuniform tragen und begeistert die Kriegstrommel schlagen. Diese Glorifizierung des militanten Nationalismus, diese Verherrlichung des Krieges, des Heldentodes, selbst von Kindesbeinen an, das war der unselige Geist der damaligen Epoche.

„Wir alle sind das Volk“

Wie anders dagegen die Bilder, die wir alle von der Zeitenwende vor dreißig Jahren in uns tragen. Feiernde Menschen auf der Mauer, Freudentränen, Umarmungen. Soldaten und Volkspolizisten, die ihre Waffen fallen ließen. Die Angst hatte die Seiten gewechselt. Eine Staatsmacht war ohnmächtig, weil die Menschen ihr nicht mehr folgten. Und noch etwas war anders. Die Wiedervereinigung von 1990 wurde gerade nicht begleitet von Säbelrasseln und Eroberungskriegen. Sie wurde international verhandelt, in ein Abkommen gegossen,und eingebettet in eine europäische und internationale Friedensordnung. (…)

Wie grundsätzlich verschieden war 1871 von 1990. Mit eiserner Hand wurde im Kaiserreich durchregiert. Katholiken, Sozialisten, Juden galten als „Reichsfeinde“, wurden verfolgt, ausgegrenzt, eingesperrt; Frauen von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen. Heute leben wir in einem wiedervereinten Land, ohne zu erwarten, dass alle gleich sein müssen. „Wir sind das Volk“, das heißt doch: „Wir alle sind das Volk“: Bayern, Küstenbewohner, Ostdeutsche haben ihr eigenes Selbstbewusstsein. Landbewohner ticken anders als Städter. Christen, Muslime, Juden und Atheisten sind Teil unseres Landes. Ossis und Wessis gibt es weiterhin, aber diese Unterscheidung ist für viele längst nicht mehr die entscheidende. Durch das Zusammenwachsen von Ost und West, durch Zuwanderung und Integration ist unser Land in den letzten dreißig Jahren vielfältiger und unterschiedlicher geworden. (…)

Es gibt die, die Antworten auf Fragen der Zukunft immer nur in der Vergangenheit suchen. Aber: Wie geschichtslos müssen jene sein, die heute vor dem demokratisch gewählten Bundestag die schwarz-weiß-rote Flagge des Deutschen Reiches oder gar die Reichskriegsflagge schwenken! Die wollen einen anderen Staat, einen autoritären und aggressiv-ausgrenzenden Staat. Sie stellen sich in eine Tradition, die nicht für diese Republik steht, nicht für unsere Demokratie.

Zu viele Geschichten von zerstörten Biografien

Nein: Wir stehen heute fest auf dem Fundament der Freiheitsbewegung und der Demokratiegeschichte! Wir berufen uns auf die Ideen des Hambacher Festes, der Paulskirche, der Weimarer Demokratie, des Grundgesetzes und der Friedlichen Revolution. Wir sind stolz auf diese Traditionen von Freiheit und Demokratie, stolz auf die historischen Wurzeln, ohne dabei den Blick auf den Abgrund der Shoah zu verdrängen. Und die Farben dieser demokratischen Geschichte sind die Farben Schwarz-Rot-Gold, die Farben von Einigkeit, Recht und Freiheit. Das sind die Farben unseres Landes, und sie wehen vor den Gebäuden unserer Demokratie! Wir werden nicht zulassen, dass sie verdrängt, missbraucht oder vereinnahmt werden. Schwarz-Rot-Gold, das sind unsere Farben, und die lassen wir uns nicht nehmen!

Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung – wo stehen wir heute? Keine Frage: Der Umbruch traf die Menschen im Osten unseres Landes ungleich härter als im Westen. Und er hinterlässt bis heute Spuren, trotz aller Fortschritte, nicht nur in den Lebensläufen, sondern auch und gerade in den Herzen der Menschen. Es gibt noch immer zu viele Geschichten von zerstörten Biografien und betrogenen Hoffnungen, von entwerteten Qualifikationen, von Orten, in denen ganze Generationen fehlen, weil die Jungen dort keine Zukunft sahen und – schlicht und einfach – weggingen.

Frank-Walter Steinmeier, geboren 1956 in Detmold, ist seit 2017 Bundespräsident. Zuvor war er u. a. Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat.
Frank-Walter Steinmeier, geboren 1956 in Detmold, ist seit 2017 Bundespräsident. Zuvor war er u. a. Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat. © DAVIDS/Frank Lehmann

Noch immer existiert ein deutliches Lohngefälle zwischen Ost und West. Noch immer haben sich östlich der Elbe zu wenige Unternehmen angesiedelt. Und noch immer muss man in den Führungsetagen von Unternehmen, Universitäten, Ministerien, in der Justiz, den Medien und auch der Bundeswehr Ostdeutsche mit der Lupe suchen. Wir haben vielleicht alle miteinander unterschätzt, wie langlebig manche Benachteiligungen sein können, die dann oft auch noch über Generationen weitergegeben worden sind. Und wir dürfen nicht ruhen, bis diese Benachteiligungen beseitigt sind, bis Zukunftschancen nicht mehr vom Leben in Ost oder West abhängen. (...)

Die Geschichte von Teilung und Einheit, auch der schweren Zeit der Transformation – diese Geschichte tatsächlich miteinander zu teilen, diese Aufgabe bleibt bestehen. (…) Es geht nicht um Höflichkeit oder Anstand. Es geht um Demokratie! Denn wenn Menschen sich dauerhaft zurückgesetzt fühlen, wenn ihre Sichtweise nicht vorkommt in der politischen Debatte, wenn sie den Glauben an die eigene Gestaltungsmacht verlieren, dann darf uns das eben nicht kalt lassen. Dann bröckelt der Zusammenhalt, dann steigt das Misstrauen in Politik, dann wächst der Nährboden für Populismus und extremistische Parteien. (…)

Im Jahr 2020 ist die Bundesrepublik Deutschland ein Land, das Ostdeutsche und Westdeutsche, Alteingesessene und Zugewanderte gemeinsam geprägt haben. Es ist ein Land, das aus dem Sieg der Ideen von 1989 die Zuversicht schöpft, dass Verantwortung über Gängelei, dass Freiheit über Unfreiheit triumphiert. Wenn wir uns umschauen in dieser Welt, wenn wir uns umschauen in Europa, dann ist dieses Erbe von 1989 niemals wichtiger als heute.

Weiterführende Artikel

Vaatz im Landtag: Einheitstag mit neuen Rissen

Vaatz im Landtag: Einheitstag mit neuen Rissen

Festredner Arnold Vaatz wird im sächsischen Landtag umjubelt. Doch die Abgeordneten von Grünen, SPD und Linkspartei bleiben fern.

Wie steht es um die Einheit?

Wie steht es um die Einheit?

Seit 30 Jahren suchen die Deutschen nach Gemeinsamkeit. Sie führen Gespräche, kitten Risse. Doch was bedeuten Ost und West für die Jugend?

Mehrheit sieht Einheit unvollendet

Mehrheit sieht Einheit unvollendet

Zwei Drittel der Deutschen halten das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht für abgeschlossen. Die Lebensverhältnisse sind zu verschieden.

Ost und West sehen Einheit unterschiedlich

Ost und West sehen Einheit unterschiedlich

Auch nach 30 Jahren sind sich die Deutschen in Ost und West nicht einig, was zur Wiedervereinigung geführt hat. Das ist das Ergebnis einer Studie.

Der Text ist die gekürzte Fassung seiner Rede zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Potsdam. Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

30 Jahre Wir: Eine Reihe zu Mauerfall und Wiedervereinigung

Mehr zum Thema Feuilleton