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Zwischen Kosmos und alten Preußen

Potsdam ist Gastgeber für die Feier zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit und ein Schmelztiegel von Problemen, von denen eines unübersehbar ist.

Bauten des Anstoßes in Potsdam, Breite Straße: das Rechenzentrum (r.) und der Turm der Garnisonkirche.
Bauten des Anstoßes in Potsdam, Breite Straße: das Rechenzentrum (r.) und der Turm der Garnisonkirche. © R. Grahn/dpa euroluftbild

Von Thomas Schade

Nicht einmal zwei Meter liegen zwischen den Objekten des Streits. Das seltsame Nebeneinander der beiden Bauten aus Stein, Glas und Beton fällt sofort auf an der Breiten Straße Ecke Dortusstraße in Potsdam. Sie stehen anscheinend in einem Verdrängungskampf: der Quader mit der sanierungsbedürftigen Glasfassade, ähnlich dem Dresdner Robotron-Gebäude, und der aufstrebende Neubau in bestem preußischen Barock. Die 1,70 Meter zwischen den Gebäudemauern entsprechen in keiner Weise deutschem Baurecht.

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Aber um Baurecht geht es schon lange nicht mehr – hier an der historischen Mitte von Brandenburgs Landeshauptstadt. Im Herzen der einstigen Garnisonsstadt treffen Befindlichkeiten aufeinander und politische Ränkespiele. Bei denen geht es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer um die Frage, wer in Potsdam eigentlich das Sagen hat: zugezogene, oft wohlhabende Prominenz aus dem Westen oder die breit gefächerte Zivilgesellschaft, aus der vor drei Jahrzehnten viele auf der Straße waren, auch um den Verfall ihrer historischen Viertel aufzuhalten.

Im Zentrum des nun drei Jahrzehnte schwelenden Streites steht derzeit das Potsdamer Rechenzentrum, auch DVZ genannt. Ein Datenverarbeitungszentrum, in dem seit 1971 der VEB „Maschinelles Rechnen“ seinen Sitz hatte. Teile des DVZ wurden auf dem Gelände der Garnisonkirche errichtet, die 1945 schwer beschädigt und kurz vor Baubeginn endgültig abgerissen worden war. Statt barocker Baukunst trug fortan sozialistischer DDR-Realismus zur kulturellen Erbauung der Potsdamer bei – in Form eines Mosaiks mit dem Titel „Der Mensch bezwingt den Kosmos“. Fritz Eisel, ein bekannter DDR-Künstler, der auch in Dresden lebte und lehrte, hatte es geschaffen. Nun soll es dem Wiederaufbau der Kirche weichen, und das wollen viele nicht.

Michael Heinroth, Restaurator, begann 1988, verfallende Häuser in Potsdam zu dokumentieren.
Michael Heinroth, Restaurator, begann 1988, verfallende Häuser in Potsdam zu dokumentieren. © Thomas Schade

Wenn Michael Zajonz und Michael Heinroth ihre eher selten gewordenen Stadtführungen an dieser Straßenecke beenden, dann sprechen beide von „kontaminiertem Boden“, an dem man nun angekommen sei. Beide Männer lebten jahrelang in Potsdam, sind später ins Umland gezogen und beobachten die Stadtentwicklung jetzt mit Abstand, aber nicht weniger interessiert, wie sie versichern.

Vor mehr als drei Jahrzehnten waren der Kunsthistoriker und freie Autor Zajonz und der auf Restaurierungen spezialisierte Kunsthandwerker Heinroth eine Zeit lang täglich in der Stadt unterwegs. „Damals haben wir den Verfall von fast 600 historischen Häusern dokumentiert“, sagt Heinroth. Die von der preußischen Krone gestaltete Residenzstadt habe eben nicht dem Bild einer modernen DDR-Metropole entsprochen, ergänzt Zajonz. Nachdem britische Bomber im April 1945 große Teile Potsdams zerstört hatten, waren Ende der 1980er-Jahre zwar viele Flächen sozialistisch überbaut. „Doch 1989 drohten weitere Flächenabrisse, trotz protestierender Bürger und entgegen von Bedenken der Denkmalpfleger“, sagt Michael Heinroth.

Der Retter und seine Stasi-Akte

In nur sechs Wochen sei dann eine Ausstellung entstanden. Auf zwei Dutzend Tafeln machten die Männer den Verfall der sogenannten Zweiten barocken Stadterweiterung öffentlich und wählten als Titel ihrer Mahnung das Wort des Propheten Jeremia: „Suchet der Stadt Bestes“. Ursprünglich sollten die Tafeln nur bis Oktober 1989 in der Nikolaikirche hängen. Dort wurden sie von 10.000 Menschen in nur vier Wochen gesehen. Michael Zajonz: „Einen Monat später erzwang unsere kleine Bürgerinitiative in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung einen Beschluss, der den Abriss der alten Häuser und den Neubau in diesem Viertel stoppte.“ Es begann die Zeit der Wende. Heinroth fand später in seiner Akte den Decknamen, den die Stasi ihm gegeben hatte: Retter.

Heute schlendern beide Männer eher selten mit Besuchern zwischen Brandenburger Tor und Holländischem Viertel durch den Stadtteil, den sie vor 30 Jahren wohl tatsächlich gerettet haben. Auf Fotos von damals zeigen sie, wie die zweistöckigen Häuser einmal aussahen. 1993 begannen umfangreiche Sanierungen. Die barocke, kleinteilige Bebauung auf mehr als 300 Parzellen blieb erhalten. 3.200 Menschen leben jetzt in dem Viertel, ein Drittel mehr als vorher. Allein 80 Millionen Euro setzte die öffentliche Hand für die Sanierung dieses Viertels ein. Mit Cafés, kleinen Hotels, Boutiquen, traditionellen Handwerksbetrieben findet man 30 Jahre später in den Quartieren kaum weniger Lebensqualität als in den Villenvierteln der Stadt.

Michael Zajonz ist Kulturhistoriker, begleitet die Stadtentwicklung der einstigen preußischen Residenz.
Michael Zajonz ist Kulturhistoriker, begleitet die Stadtentwicklung der einstigen preußischen Residenz. © Thomas Schade

Fast ebenso alt, aber bisher unvollendet und komplizierter ist die Rekonstruktion von Potsdams historischer Mitte. Im April 1945 ebenfalls weitgehend zerstört, habe die DDR den Aufbau eines neuen Stadtzentrums zwar in Angriff genommen, aber nicht abgeschlossen, sagt Michael Zajonz. Sichtbarstes Zeichen ist das DDR-Interhotel, das heute „Mercure“ heißt. Mit ihm wollte DDR-Staatschef Walter Ulbricht 1967 der Stadt angeblich eine „sozialistische Krone“ aufsetzen. Das Hotel ist bis heute das höchste Gebäude der Stadt und steht im architektonischen Kontrast zur Nikolaikirche und dem neu erbauten Stadtschloss. Das Hochhaus sei nicht wenigen ein Dorn im Auge, sagt Zajonz. Der Abriss drohte, kam aber nicht zustande.

Potsdams historisches Zentrum ist noch unvollendet, obwohl die Stadtväter ebenfalls schon 1990 beschlossen hatten, dieses Areal neu zu bebauen. Das Ziel: dem historisch gewachsenen Stadtbild des preußischen Barock und Klassizismus wieder ein Gesicht zu geben. Doch je deutlicher die architektonischen Konturen hervortraten, desto mehr wuchsen auch Spannungen in der Stadt, so glauben die beiden Stadtführer. Es gehe um die Frage, die Stadtentwickler schon seit Jahren beschäftigt, sagt Zajonz: „Wollen wir moderne zeitgemäße Städte bauen oder historische Kulissen wieder errichten?“ Die Frage sei in Potsdam ebenso ein Thema wie in Dresden.

Ein Ort, der Promis und Wohlbetuchte anzieht

An der Havel dominieren derzeit die historischen Kulissen. Das Stadtschloss, der Marstall, der das Filmmuseum beherbergt, die Nikolaikirche, das alte Rathaus, der Obelisk, der Palast Barbarini, nun die Garnisonkirche – alles preußische Residenzbauten. Es gibt kaum eine deutsche Stadt, die mehr Schlösser, Palais, Landschaftsgärten, historische Villen und Paläste beherbergt als Potsdam. Kaum irgendwo sind Stadtrundgänge abwechslungsreicher. Ein Traumort für den Städtetourismus. Fast 20 Millionen Tagestouristen besuchen Potsdam jährlich.

Potsdam ist auch ein Ort geworden, an dem man sich Träume erfüllen kann. In keiner anderen ostdeutschen Stadt ließen sich nach 1990 so viele Wohlbetuchte und Prominente nieder wie in Potsdam. Und, so glauben viele, sie nehmen anscheinend auch Einfluss auf den Gang der Dinge in der Stadt. „Das gefällt nicht allen“, sagt Michel Zajonz. Namen, wie die des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner, des Entertainers Günter Jauch, des Springer-Chefs Matthias Döpfner, des Modeschöpfers Wolfgang Joop oder des Versandhauskönigs Werner Otto stehen für eine ansehnliche Zahl von Neu-Potsdamern, die sich seit Jahren in der idyllisch gelegenen Stadt an der Havel ansiedelten und Denkmäler setzen.

Ohne dieses Mäzenatentum wäre Potsdam nicht das, was es ist. So baute Plattner den klassizistisch-barocken Palast Barbarini wieder auf und schmückte ihn mit einem Museum aus, dessen Ausstellungen die Stadt zu einem nie da gewesenen Kunststandort machen. Zuvor hatte Plattner bereits die historische Fassade des Stadtschlosses finanziert. Ohne den Milliardär hätte die neue Mitte noch erheblichere Lücken. Versandhauskönig Otto spendete allein 6,5 Millionen Euro für die Sanierung des historischen Belvederes auf dem Pfingstberg. Die von den Preußenkönigen erdachte Aussichtsplattform über der Stadt war für die Potsdamer zu DDR-Zeiten tabu, weil man vom Pfingstberg in das „Militärstädtchen Nr. 7“ schauen konnte, den größten Stützpunkt des sowjetischen Geheimdienstes KGB im Ausland. 1990 begannen Bürger, den Balkon der Stadt vom Wildwuchs zu befreien, und feierten kleine Feste. Ohne die Millionenspenden reicher Mäzene wäre das Belvedere heute noch nicht eines der touristischen Schmuckstücke der Stadt.

Streit um das heikelste Projekt im Zentrum

Die Wohltäter gelten als geachtete Leute in der Stadt. Wenn Günther Jauch über die Boulevards radele, grüßten ihn die Leute, und der Entertainer grüße freundlich zurück, erzählen die Stadtführer. Dennoch wabert seit Jahren die Frage über der Stadt: Wie groß ist der Einfluss der spendablen Mäzene auf das künftige Bild der Stadt? Ausgerechnet zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit bricht der Streit um das heikelste Projekt im Zentrum wieder auf: die Garnisonkirche. Sie wächst Tag für Tag Stein um Stein. Und Entertainer Jauch will die Aussichtsplattform finanzieren.

Auch für die Wiedererrichtung dieses Kirchenbaus war der erste Impuls vor etwa 30 Jahren aus dem Westen gekommen. Eine „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ sei da plötzlich aufgetaucht und habe 1991 der Stadt 40 nachgebaute Glocken für die Garnisonkirche geschenkt, erzählt Michel Zajonz. Die Glocken läuteten täglich mitten in der Stadt, bis aufmerksame Bürger entdeckten, welche Inschriften sie teils trugen. „Suum cuique“, Jedem das Seine, war da zu lesen. Die Worte, die auch am Eingang des NS-Konzentrationslagers Buchenwald stehen. Sie verrieten den Geist des Stifters, eines Ex-Bundeswehroffiziers, der später wegen seiner rechtsradikalen Ansichten Truppenverbot erhalten haben soll. 100 Intellektuelle schrieben einen Protestbrief an den OB. Der ließ das Glockenspiel abschalten. „Wie eine Bleikugel“ hingen ihnen nun die Glocken „an den Füßen“, sagt ein Sprecher der Stiftung Garnisonkirche, die sich für den Wiederaufbau starkmacht. „Es war ein vergiftetes Geschenk“, sagt Michael Heinroth.

Bei denen, die die Garnisonkirche nicht wollen, sitzt seither das Misstrauen tief. Sie fürchten, mit der Kirche werde die historisch fatale Verbindung von Kirche, Staat und Militär wieder aufleben. Von der Garnisonkirche aus waren preußische Soldaten in die Kolonialkriege gezogen. Hier fanden nach dem Ersten Weltkrieg reaktionärere Kräfte ein Sammelbecken. Und hier fand der „Tag von Potsdam“ statt, der 21. März 1933, an dem Reichskanzler Hindenburg Adolf Hitler die Hand reichte und, zumindest symbolisch, zur Macht verhalf. So sehen die Gegner im Wiederaufbau der Kirche einen „Schritt ins Vorgestern“. Selbst innerhalb der Kirche gibt es Meinungen, dass man das Bauwerk nicht brauche.

Unversöhnliche Meinungen

Befürworter des Wiederaufbaus sehen in der Sprengung 1968 einen „Akt der Kulturbarbarei“ und wollen ihn wiedergutmachen. Für sie ist die Garnisonkirche das Hauptwerk des preußischen Barock in der Stadt. Sie böte die große Chance, sich an einem bedeutungsvollen Ort mit Geschichte auseinanderzusetzen und sie kritisch aufzuarbeiten. Inzwischen hat das Projekt nationale Bedeutung und wird vom Bund mitfinanziert. Seit Oktober 2017 werden mit jedem gesetzten Stein Fakten geschaffen.

30 Jahre Deutsche Einheit werden schon seit Tagen in der brandenburgischen Landeshauptstadt gefeiert. Potsdam ist zentraler Gastgeber und hat die Republik zu einer EinheitsEXPO geladen. Die dreieinhalb Kilometer lange Strecke mit den vielen Pavillons macht einen respektablen Bogen um das seltsame Bau-Ensemble, an dem die Stadtführung von Micheal Heinroth und Michael Zajonz endet. „Unversöhnlich“ würden die Meinungen gegenüberstehen, sagen beide und verraten, dass sie in dieser Frage selbst Kontrahenten seien. Heinroth glaubt, man könne auf so ein Wahrzeichen der Stadt nicht verzichten. „Schließlich bietet die Kirche die große Möglichkeit zur Versöhnung, wenn man sie richtig nutzt“, sagt er. Für Zajonz geht es „nicht um eine ästhetische, sondern um eine historisch- politische Frage“. Wer die Garnisonkirche wieder aufbaue, dem müsse bewusst sein, welches Geschichtsbild er da vermittelt.

Vor dem Einheits-Jubiläum hat Potsdams SPD-Oberbürgermeister Mike Schubert auf der Suche nach einem Kompromiss dem US-Stararchitekten Daniel Libeskind einen Brief geschrieben. Darin bittet er, über einen architektonischen Bruch beim Aufbau der Kirche nachzudenken, um die klare Botschaft eines historischen Bruches auszusenden. Libeskind war so etwas schon in Dresden gelungen, als er durch das Militärhistorische Museum einen stählernen Keil getrieben hatte.

Wie das in Potsdam aussehen soll, weiß noch keiner. „Aber vielleicht ist es die ehrlichste Lösung, den Kirchturm zu bauen und das Rechenzentrum zu erhalten“, sagt Michael Zajonz. Bis zur finalen Entscheidung, da sind beide Männer einig, sei das Wort des Propheten Jeremia so aktuell wie vor 30 Jahren: „Suchet der Stadt Bestes“.

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