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Dicke Luft im Asylheim

In der Löbtauer Unterkunft prallen zwei Welten aufeinander. OB Dirk Hilbert hört sich hilflos die Probleme der Flüchtlinge an.

© Norbert Neumann

Von Lars Kühl

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Es sollte eine schnelle Nummer werden. Ein amtierender Oberbürgermeister, noch dazu im Wahlkampfmodus, hat schließlich nicht ewig Zeit. Zwischen dem Besuch im Gorbitzer Bürgerservicebüro und beim Columbusgarten unterhalb der Nossener Brücke hatte Dirk Hilbert (FDP) am Donnerstag 40 Minuten für eine Stippvisite im Löbtauer Flüchtlingsheim an der Tharandter Straße eingeplant, inklusive An- und Abfahrt. Doch Hilbert wurde von den Bewohnern aufgehalten.

Wie schon Vorgängerin Helma Orosz besucht der OB die Ortsämter und Ortschaften der Stadt. Cotta ist die elfte Station. Überall schildern die Bewohner dem hohen Besuch ortstypische Probleme. Doch dieses Mal sind es keine Dresdner, die ihrem Ärger Luft verschaffen. Es sind junge Männer aus Syrien, Libyen und Tunesien. Zusammen wohnen sie seit Anfang Februar im Asylbewerberheim gegenüber der Löbtau-Passage. 38 von 40 Plätzen sind voll.

Auf drei Etagen verteilen sich fünf Wohnungen. Zum Teil leben acht Flüchtlinge in einer. Zu viele, sagen sie. Alles nach Vorschrift, kontert Leiterin Nadja Kharmatch vom Betreiber Human Care. Sechs Quadratmeter stehen jedem zu. Durch die Enge komme es aber zu Problemen, schildert ein aufgebrachter Tunesier dem Iraker Aslan Kamali. Der promoviert an der TU und übersetzt für die Besucher aus dem Arabischen. Die verschiedenen Nationalitäten kämen nicht gut miteinander aus. Es sollen Handys gestohlen worden sein.

Hilbert hört zu. Auch, als es um fehlendes Internet und kaltes Wasser am Wochenende geht. Hilfe kann er nicht versprechen. Die meisten Bewohner sind seit sieben Monaten in Deutschland. „Keiner spricht mit uns“, sagt ein Syrer. Mehrfach habe der 25-Jährige bei der Ausländerbehörde nachgefragt. Seine Sozialbetreuerin hätte einen Brief geschrieben. Keine Antwort. Zu Hause würden fünf Kinder und die Frau seines erschossenen Bruders warten. Um die muss er sich sorgen, will sie aus dem Kriegsgebiet holen. Er weiß nicht, was er ihnen sagen soll. „Was haben Sie die ganze Zeit in Deutschland gemacht?“, will Hilbert wissen. – „Nichts!“

Ein anderer will einen Deutschkurs, braucht dafür aber eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate. Die fehlt ihm, also bekommt er keinen Unterricht.

Was für Hilbert als lockere Unterhaltung mit Fragen über die Herkunft, das Alter, die Ausbildung und die Zeit in Deutschland begann, entwickelt sich zu einem hitzigen Kummerkasten. Und dem OB läuft die Zeit davon. Längst haben nicht alle Asylbewerber ihre Probleme angesprochen. Ein Junge zeigt einen Strafzettel fürs Schwarzfahren. Das Geld, was er bekommt, reiche aber nicht, um zu bezahlen. Die Tickets für Bus und Straßenbahn habe der Flüchtling nicht gelöst, um zu sparen. Von den Vergünstigungen mit dem Dresden-Pass will er nie gehört haben. Auch, dass durch das Engagement der Initiative „Willkommen in Löbtau“ jedem Hausbewohner ein funktionierendes Fahrrad zur Verfügung steht, zieht nicht als Argument.

Hilbert lässt alle Namen notieren. Auch den von Alhuke Emohamed aus Libyen. Der wurde im Krieg angeschossen. Seit vier Jahren braucht er eine Operation. Wenn er in Dresden zum Arzt geht, versteht ihn keiner. Hilberts Chauffeur lässt schon den Motor der Dienstlimousine laufen. Im Gehen verspricht er, die Probleme weiterzuleiten.

Eines der größten davon will das Ortsamt mit engagierten Löbtauern selbst lösen. Im Haus fehlt ein Gemeinschaftsraum. „Wir haben die Idee, eine Sitzecke im Freien zu bauen“, sagt Leiterin Irina Brauner. Die Umsetzung soll der „Werk.Stadt.Laden“ übernehmen. Das Ortsamt will das Holz beisteuern. „Hier mangelt es nicht an Leuten, die sich engagieren, sondern an den Rahmenbedingungen“, erklärt Pfarrerin Gisela Merkel-Manzer von der Kirchgemeinde „Frieden und Hoffnung“.