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Die AfD-Erklärerin

Bundestagsabgeordnete Frauke Petry sagt in Wilsdruff, was ihre neue Partei von ihrer alten unterscheidet und wird persönlich.

Von Gunnar Klehm

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Die Preise fallen wie die Blätter

Der Sommer ist vorbei und für so manchen steht ein Wechsel des Kleiderschranks an. Aber  warum denn nur den Inhalt wechseln, wenn doch der ganze Schrank ausgetauscht werden kann?

Der Abend in Wilsdruff beginnt mit ein paar Nettigkeiten. „Wegen Ihnen habe ich die AfD gewählt“, sagt ein älterer Herr. Frauke Petry lächelt kokett zurück, als hätte sie gerade ein Kompliment bekommen. Doch nur kurz darauf wird die fraktionslose Bundestagsabgeordnete wieder bissiger, denn andere AfD-Wähler sind gekommen, um sie für ihren Austritt aus der Partei zu schelten.

Es sitzen knapp 30 Zuhörer in dem viel zu großen Raum in Keils Gut um einen Tisch herum. Frauke Petry, die im Landkreis zur Bundestagswahl 2017 das Direktmandat gewann, hatte zu einer Informationsveranstaltung geladen, so wie sie es schon in Freital oder anderswo in Sachsen getan hatte. Sie tingelt von Ort zu Ort, um ihre neue „Blaue Partei“ vorzustellen.

Doch bevor es um Inhalte geht, wird sie erst mal persönlich. Denn das sei der entscheidende Punkt, warum sie, die frühere Vorsitzende, am Tag nach der Bundestagswahl der AfD den Rücken gekehrt hat, obwohl sie sich politisch keinen Deut geändert habe. Doch mit offen rassistisch agierenden Personen wolle sie nicht mehr an einem Strang ziehen. Konkret benannte sie dabei den Thüringer Björn Höcke sowie den Dresdner Jens Maier und weitere AfD-Mitglieder, die zuletzt mit extrem rechten Provokationen auf sich aufmerksam machten. Das sei heute nötig, um in der AfD Anklang zu finden, erklärt Petry. „Das ist nicht mehr das, was wir 2013 oder 2014 wollten“, sagt sie. Von Rechten oder gar Rechtsextremen spricht sie nicht, sondern sagt immer „Leute dieses Spektrums“.

Dem wird sie selbst von vielen Kritikern zugeordnet. Ob sie deshalb die meisten Stimmen im Wahlkreis bekommen hat oder trotz dem, bleibt bis heute unklar. Jetzt befasst sie sich erst mal mit Vergangenheitsbewältigung, dann soll es um die Vorhaben und die Inhalte der Blauen Partei gehen – wenn sich denn die Zuhörer in Wilsdruff nichts anderes wünschen.

Umkämpftes Pirna

Doch! Da hätten eine Handvoll Zuhörer ganz andere Wünsche. „Geben Sie Ihre Mandate in Landtag und Bundestag zurück! Die gehören der AfD“, sagt ein betagter Mann. Wie sich später herausstellen sollte, ist er AfD-Mitglied. Es sei „schoflich“, wie sich Frauke Petry verhalte, was so viel wie schäbig bedeuten soll.

Da springt die Politikerin sofort an. Ihr Blick verfinstert sich. Nicht weil sie kritisiert wurde. Auf diesen Seitenhieb schien sie fast gewartet zu haben. Denn das ist so etwas wie ihr Stichwort, den Unterschied zum Bürgerforum „Blaue Wende“ zu erklären, dass das Umfeld der Blauen Partei bilden soll. Das sei ja gerade das Grundproblem der Altparteien. „Eine Partei darf nicht wichtiger werden als die inhaltliche Idee“, erwidert Petry. Diese Denkweise habe nun aber in der AfD Einzug gehalten.

Dort wird im Übrigen genau beobachtet, was Petry im Landkreis veranstaltet. Sie war sogar auf dem jüngsten AfD-Kreisparteitag Thema, auch wenn dort ihr Name nicht ausgesprochen wurde. Ein anderer wurde es jedoch. Der von Tim Lochner. Der Pirnaer Stadtrat verlor im Januar 2017 zwar bei der Oberbürgermeisterwahl gegen Amtsinhaber Klaus-Peter Hanke (parteilos), hatte aber beachtliche 32,9 Prozent der Stimmen geholt. Nun vermutet man bei der AfD, dass Lochner nächstes Jahr bei der Landtagswahl antreten könnte. AfD-Mann Steffen Janich hält das für eine Herausforderung für seine Partei. Deren Kandidat steht indes fest: Es ist Sachsens AfD-Genaralsekretär, Jan Zwerg, der gegen Janich parteiintern triumphierte. Zwerg erklärte gegenüber SZ einige Tage zuvor, dass seine Partei in Pirna noch zulegen müsse.

Frauke Petry sieht in „gemäßigten Konservativen“ wie Lochner, der mit seiner Fraktion „Pirna kann mehr“ auch völlig selbstständig im Stadtrat agiere, das Paradebeispiel dafür, wie sie sich die Blaue Wende vorstelle. „Wer bei uns mitmacht, ist frei und konservativ“, sagt sie. In Wilsdruff will sie in einer weiteren Gemeinde erkunden, wie viele es von diesen Menschen gibt. Der nette Herr vom Auftaktplausch gehört schon mal dazu, wie er später bekennt. Laut Petry haben sich in Sachsen bereits 1 000 Interessierte in ihre Registrierungslisten eingetragen. Parteimitglieder gibt es dagegen nur einen Bruchteil. Auch das verkauft Petry als belanglose Zahl. Es gehe ja gerade nicht um Parteiinteressen. Aber immerhin gäbe es inzwischen zehn Regionalgruppen in Sachsen.

Kommunalwahl im Blick

Wie sich die Blaue Partei zur Landtagswahl im September nächsten Jahres aufstellen wird, dazu wollte Petry gegenüber SZ noch nichts Konkretes sagen. Erst mal gelte es, die Kommunalwahl im Mai zu meistern. „Wo wir gute Kandidaten haben, werden wir Unterstützungsunterschriften sammeln und antreten“, sagt sie.

Hartnäckig wollten einige Zuhörer in Wilsdruff von der fraktionslosen Bundestagsabgeordneten wissen, was die Blaue Partei denn nun von der AfD unterscheide. Petry durchstreift dann kurz ein paar Politikbereiche. Schimpft – unterstützt von ihrem Publikum – auf „die Medien“. Schlussendlich landet sie wieder im Persönlichen und zählt rassistische Äußerungen von AfD-Funktionären auf. „Da ist bei mir eine Grenze überschritten. Das wollte ich nicht mehr mittragen“, sagt sie.