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Die andere Lehrerin

Maria Degkwitz hat am Landesgymnasium Sankt Afra in Meißen einen „Club der Ineffizienten“ gegründet – ausgerechnet unter den Hochbegabten.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Meißen. Es ist eine Szene wie aus einem Film: Eine Lehrerin, Mitte 50, steht mit einer kleinen Gruppe von Schülern auf dem Schulhof in der Sonne. Schweigend, unbeweglich. Um sie herum tobt das Leben, Schüler hasten zur nächsten Stunde, Lehrer ebenso. „Alles rennt und wir gucken einfach“, sagt Maria Degkwitz über den Moment im vergangenen Jahr. Damals fällt ihr dieses Wort ein: ineffizient. Und eine Frage: Wer leistet gerade mehr – die Rennenden, oder diejenigen, die anhand des Rennens über Leistung nachdenken?

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Es ist eine Frage, die typisch ist für Maria Degkwitz, Lehrerin für Latein, Katholische Religion und Theater am Landesgymnasium Sankt Afra in Meißen. Wo Lehrer es sonst eher gewohnt sind, Antworten zu liefern, fragt die 55-Jährige. „Möchten wir ewig produzierende, nur abhakende Kinder, oder möchten wir nachdenkliche?“ Oder auch: „Geht es vorrangig um den Sinn des Lebens oder eher darum, einen Multiple-Choice-Test super gut zu bestehen?“

Es sind große Themen, die Degkwitz anschneidet, vielleicht auch deshalb lässt sie sich viel Zeit zum Nachdenken, bevor sie spricht. Zwischen den Sätzen und auch einzelnen Worten macht sie kurze Pausen, jeden Begriff scheint sie ganz bewusst zu wählen. Und jeder trifft.

Auf diese Art zu sprechen, eigentlich zu denken, muss man sich einlassen, sie erfordert Zeit und auch Mühe. Zum Glück hat man in Sankt Afra, dem Gymnasium für Hochbegabte, das gleichzeitig Internat ist, von beidem genug. Und seit dem Moment in der Sonne im vergangenen Jahr hat die Schule noch etwas: einen „Club der Ineffizienten“.

Wie passt das zusammen – Hochbegabung und Ineffizienz? „Wenn man nicht dauernd produzieren muss, ist Unterricht ja auch dazu da, gemeinsam über etwas nachzudenken“, sagt Degkwitz, die von Pisa-Studien und der ganzen Idee dahinter wenig hält.

Das gemeinsame Nachdenken über etwas dehnt sie in ihrem Club jedoch weit über die tägliche Unterrichtszeit hinaus aus. An Abenden oder auch Wochenenden fährt sie dann mit einer Gruppe von bis zu acht Schülern und einem der schuleigenen Ford-Busse zu Veranstaltungen, die Titel tragen wie „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“.

Noten gibt es dafür nicht, die Schüler sollen eben einmal nicht nur für die Schule, sondern für das Leben lernen – genau andersherum als im berühmten lateinischen Zitat von Seneca: „Non vitae sed scholae discimus.“ Einziger Wermutstropfen für die Lehrerin: „Nach den Veranstaltungen kann ich dann kein Bier trinken, weil ich die Kinder nach Hause bringe.“ Degkwitz lächelt verschmitzt.

Ihr Engagement für ihre Schüler hat schon den Mitteldeutschen Rundfunk auf den Plan gerufen, der im vergangenen Sommer über den „Club der Ineffizienten“ und seine Ausflüge nach ganz Sachsen in der Sonnabend-Sendung „Glaubwürdig“ berichtete.

Dabei gibt es diese Ausflüge seit vielen Jahren, nur der Name kam erst im vergangenen dazu. Genau genommen, seit Degkwitz an Sankt Afra unterrichtet, als eine der ersten Lehrerinnen, als der Freistaat 2001 die Schule für mehrfach begabte Jugendliche wieder eröffnete.

Vorher lehrte Degkwitz an einer Schule in Bad Dürrenberg bei Leipzig. Geboren wurde sie aber in Frankfurt am Main, in Freiburg im Breisgau wuchs sie auf. „Ganz bewusst“ habe sie sich dafür entschieden, in den Osten zu ziehen, als sie zwei Tage nach dem Mauerfall in Berlin war. „Da dachte ich mir: Hier ist was los! Und das war es ja auch.“

Fast stolz erzählt Degkwitz, dass sie so noch mit Kohle heizen gelernt habe und in Bad Dürrenberg fünf Jahre lang kein Telefon hatte. „Für eine geografisch so weit verstreute Familie wie meine war das schwer vorstellbar.“ Aber dennoch: „Ich bin ja auch hierhergekommen, weil ich haben wollte, was ich bisher nicht hatte.“

Bereut habe sie das bisher noch keinen einzigen Moment, auch wenn sie die politische Situation in Sachsen und auch in Meißen mit Sorge betrachtet. „Man hat das Gefühl, es wird eng“, sagt Degkwitz. Inwiefern? „Wenn zum Beispiel ein Bürgermeister verbietet, dass man ein Buch diskutiert, dann kriege ich Beklemmungen“, sagt sie und meint die Kontroverse um die Lesung des Buches „Unter Sachsen“ zum Meißner Literaturfest in diesem Jahr. Die Lesung durfte zwar stattfinden, eine danach geplante Podiumsdiskussion wurde jedoch verboten. Der Vorwurf des „Sachsen-Bashings“ stand im Raum.

Mit 40 Schülern war Degkwitz an dem Abend der Lesung dabei, „um unser Interesse daran zu zeigen, dass das Buch diskutiert wird in einem freien Land“. Freiheit, das sei ihr klar geworden, müsse notfalls „mit Klauen und Zähnen verteidigt werden“.

Außerdem nutzt die Lehrerin bei solchen Terminen gerne die Gelegenheit, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen. Bei Veranstaltungen der Landeszentrale für politische Bildung redete sie zum Beispiel mit Montagsspaziergängern von Pegida – und diese redeten mit ihr, anstatt wie so oft nur zu pöbeln. Denn: „Wenn alle dasselbe denken, wird wenig gedacht“, zitiert Degkwitz Karl Valentin.

Bei ihren Schülern kommt die Querdenkerin gut an, zu vielen hat sie auch nach dem Abschluss noch Kontakt und verfolgt ihren Werdegang. Was aber wird aus jemandem, der jahrelang in einem humanistischen Tempel wie Sankt Afra leben und lernen durfte? Degkwitz erzählt, dass eine ehemalige Schülerin heute in Indien Theater studiert, auf Marathi, einer indischen Sprache. Höchst ineffizient – aber Höchstleistung, findet die Lehrerin. Ein anderer ist in Meißen geblieben und engagiert sich für das Bündnis Buntes Meißen. Wieder ein anderer hat in München ein Start-up gegründet, das einen Arbeitshandschuh entwickelt hat. „Ein Träumer“, sagt Degkwitz und meint es alles andere als abwertend. Auch den Wirtschaftsunternehmen werde immer klarer, dass sie Leute brauchen, die vernetzt denken und sich auch mal in einer Sache verlieren können. „Man darf sich nicht von diesem verzweckten Denken verführen lassen“, sagt Degkwitz. Wenn es keine Werte gibt, die über das Ökonomische hinausgehen, sei das für sie zu wenig – „wenn nicht sogar menschenunwürdig“.

Lehrerin sein, das ist Maria Degkwitz förmlich auf den Leib geschrieben. Das haben zumindest andere schon zu ihr gesagt. Sie selbst haben solche Aussagen immer überrascht. „Den Eindruck habe ich vielleicht erst seit zwei Jahren, dass das genau die richtige Wahl war.“ Das mit dem Unterrichten.

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Manchmal überlege sie, was man noch anderes mit dem Leben anfangen könne. Dann kommt sie immer zum selben Ergebnis: „Ich will auf jeden Fall den Austausch mit jüngeren Leuten haben.“ Zusammen Sachen ausprobieren, nachdenken. „Wenn man über 50 ist, besteht ja doch die Gefahr, dass man nur noch bedingt bereit ist, anders zu denken, als man im Moment denkt“, sagt Degkwitz. „Davor habe ich Angst, dass mir das passiert.“