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Die Anfänge der Weißen Flotte

© Jörg Schubert

Dresdens ältester Personendampfer ging vor 180 Jahren vom Stapel. Einer seiner Nachfolger hat eine wahre Odyssee hinter sich.

Von Lars Kühl

Es soll Menschen geben, die erkennen jeden Dampfer am Pfeifton. Doch so viel Expertenwissen braucht es gar nicht, um von den Schiffsparaden auf der Elbe begeistert zu sein. Mittendrin schwimmt ein Raddampfer, dessen Jungfernfahrt 125 Jahre her ist. Am 5. Juni war es, da brach die „Krippen“ auf, acht Tage vorher war sie vom Stapel gelassen worden. Am 21. Juni 1892 nahm sie dann ihren regulären Dienst auf, zunächst für die Sächsisch-Böhmische Dampfschiffahrtsgesellschaft. Wobei ihr Name ursprünglich ein anderer war. Als „Tetschen“ lag sie mit der Baunummer 31 in der Schiffswerft Blasewitz „auf Kiel“, wie es im Fachjargon heißt.

Die "Krippen" damals und heute

Ein vertrauter Anblick: Die Krippen" auf der Elbe.
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Der älteste in Dresden gebaute Personendampfer war die „Tetschen“ aber nicht. Erste Versuche, die Dampfschifffahrt hier zu etablieren, liegen inzwischen über 200 Jahre zurück. Doch der sächsische König und der Rat der Stadt Dresden konnten mit den Wünschen von diversen Kaufleuten zunächst nichts anfangen. Dies veranlasste den Zuckerfabrikanten Heinrich Wilhelm Calberla, dessen große Siederei im Klassizismusstil, errichtet vom Hofbaumeister Gottlob Friedrich Thormeyer, neben dem Italienischen Dörfchen mitten im Zentrum stand, die Stadt zu „verlassen“.

In Krippen in der Sächsischen Schweiz ließ er sich 1833 für sein Unternehmen einen Dampfschlepper mit Heckrad bauen, der in Hamburg eine 75 PS starke Dampfmaschine bekam. Hilfe erhielt Calberla von einem gewissen Johann Andreas Schubert. Jenem hochbegabten Ingenieur, der von 1837 bis 1839 die „Saxonia“, die erste funktionstüchtige, in Deutschland entwickelte und gebaute Dampflokomotive, konstruieren sollte.

Doch Schubert spielte auch beim Siegeszug der Dresdner Dampfschifffahrt eine herausragende Rolle. Denn als Calberlas Zuckerschiff aus dem Wasser genommen wurde, weil es sich nicht rentierte, hatte der Hochschulprofessor bereits einen nächsten Auftrag angenommen, von den Dresdner Kaufleuten Benjamin Schwenke und Friedrich Lange. Sie und weitere Mitglieder hatten 1836 für ihre im März gegründete Elbdampfschiffahrtsgesellschaft das königliche Privileg für Sachsen bekommen. Schubert sollte ihnen zwei Dampfschiffe bauen. Dafür hatte er extra die Maschinenbauanstalt Übigau errichtet, die am 1. Januar 1837 ihren Betrieb aufnahm – im dortigen Barockschloss und angrenzenden Hallen. Allerdings wurden in Übigau, wo parallel an der „Saxonia“ gewerkelt wurde, „nur“ Kessel und Maschine bearbeitet.

Die eisernen Schiffrümpfe dagegen entstanden auf der Vogelwiese am Johannstädter Elbufer. Erst nach Fertigstellung wurden sie elbabwärts geschleppt, um sie mit Maschinen auszurüsten. Am 6. Juli vor 180 Jahren ging die „Königin Maria“, so wie damals üblich nach einem Monarchen und konkret nach Maria Anna von Bayern benannt, als erster in Dresden gebauter Dampfer zwischen Übigau und Briesnitz auf Probefahrt. Es funktionierte, auch dank Berliner Niedrigdruckmaschinen. Schubert wollte eigentlich wegen des geringen Tiefgangs Hochdruckmaschinen einsetzen, bekam dafür aber keine Genehmigung von der sächsischen Regierung. Die erste offizielle Fahrt führte die „Königin Maria“ vom Packhof an der Marienbrücke nach Meißen und kurz darauf in die andere Richtung nach Rathen. Selbst König Friedrich Au-gust II. war inzwischen überzeugt und dampfte am 23. August 1837 mit seiner ganzen Familie von Pirna nach Pillnitz.

Zwei Tage später trat ein Fahrplan in Kraft. Die Dresdner waren von der neuen Attraktion hellauf begeistert. Immer wenn die „Königin Maria“ auftauchte, gab es lautstarkes Staunen. Auch die Presse überschlug sich damals: „Das Schiff hat so ein imposantes Aussehen und ist so schön bemalt, dass man meint, es sei von Porzellan gefertigt.“ („Die Dresdner Raddampferflotte“ von Frank Müller und Wolfgang Quinger). Der fast 33 Meter lange Dampfer hatte aber mit technischen Unzulänglichkeiten zu kämpfen. Anlegemanöver mussten im ersten Versuch klappen, es gab noch keinen Rückwärtsgang. Die Entwicklung steckte eben noch in den Anfängen. So schaffte es die „Königin Maria“ keine zehn Jahre, bevor sie 1846 abgewrackt wurde.

Als die „Tetschen“ 1892 vom Blasewitzer Stapel lief, hatte der technische Fortschritt Einzug gehalten. So sehr, dass das über 56 Meter Schiff noch heute im Einsatz sein kann – für die Weiße Flotte, der ältesten und größten Raddampferflotte der Welt, die 1901 sogar 36 Dampfer im Bestand hatte. Ihren Namen verdankt die Armada dem neuen Farbanstrich aus dem Jahr 1928, vorher waren die Schiffe grün-weiß. Noch heute machen die Dampfer am Terrassenufer fest, das seit 1910 offizieller Liegeplatz ist und seitdem als Kulisse zum typischen Dresdner Stadtbild gehört.

Mit dabei ist seit 2000 wieder die „Krippen“. Sie war 1946 nicht nur umbenannt, sondern 1976 nach ihrer Außerbetriebnahme auch verkauft worden. Dann ging der denkmalgeschützte Dampfer auf eine wahre Odyssee durch halb Deutschland. Pläne, ihn an Land als Gaststätte oder Jugendheim zu etablieren, scheiterten genauso wie eine Zukunft zu Wasser. Die „Krippen“ musste 1999 erst nach Dresden zurückgeholt werden, wo sie nach einer Generalüberholung endlich zurück zu ihrer Bestimmung fand.