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Die Angst auf dem Nachhauseweg

Mitarbeiter der Leipziger Oper sehen sich von Drogendealern bedroht. Eine Anfrage ans Rathaus sorgt für Wirbel.

© dpa/Waltraud Grubitzsch

Von Sven Heitkamp, Leipzig

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Majestätisch thront Leipzigs Oper über dem Augustusplatz. Doch in ihrem Umfeld herrscht nicht nur Hochkultur. Besonders der kleine Park am sogenannten Schwanenteich zwischen Opernhaus und Hauptbahnhof gilt seit 1990 als Treffpunkt von Straßendealern und Kleinkriminellen. Nachdem die Polizei die etwas düstere Lage in der Vergangenheit schon teilweise verdrängen konnte, nimmt das Problem seit einer geraumen Weile wieder zu. Manche der rund 650 Opern-Mitarbeiter fühlen sich mittlerweile offenbar auf ihrem Arbeits- und Heimweg massiv bedrängt und sind verängstigt. Sie haben sich an die CDU-Stadträtin Sabine Heymann gewandt – die jetzt mit einer Anfrage an das Rathaus für Wirbel sorgt. „Betreff: Sicherheit in der Innenstadt“.

Während man bisher als „Nichtkunde“ in den Parks nicht behelligt worden sei, werde man mittlerweile von aggressiven Dealern direkt angesprochen, ob man Drogen haben will, berichtet Heymann. Häufig werde man auch angepöbelt und körperlich dazu provoziert, mindestens die Laufrichtung zu ändern. Dies gelte auch für die Anwohner. Denn nicht nur der Schwanenteich sei jetzt zum Treffpunkt von Dealern und Kunden geworden, „die teilweise auch gewaltbereit sind“. Auch das Umfeld der Ringbebauung auf der anderen Straßenseite sei ein Umschlagplatz der Drogenszene geworden, sagt die Lokalpolitikerin. Die meisten Vorfälle gebe es nahe einem Fußgängerdurchgang am Ring.

„Besonders schwer betroffen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Oper, die zu einem großen Teil im benachbarten Graphischen Viertel wohnen und eigentlich zu Fuß unterwegs sind“, meint Heymann. Sie seien nun gezwungen, für den Abenddienst auch kurze Wege mit dem Auto zu fahren oder Umwege in Kauf zu nehmen. Mitglieder des Opernchores zum Beispiel hätten schon Plätze in der Tiefgarage an der Oper angemietet und Fahrgemeinschaften gebildet. „Die Frauen haben einfach körperliche Angst“, sagt Heymann. Manche Männer, die schon von Kriminellen angerempelt wurden, hätten zudem die Sorge, in richtige Handgreiflichkeiten verwickelt zu werden. Dann könne eine solche Lage auch mal eskalieren, zumal auch nicht jeder Mitarbeiter der Oper frei von Ressentiments ist.

Beispiele nennt die CDU-Stadträtin nicht. Die Betroffenen von der Oper wollten nicht in Erscheinung treten. Nun fragt die Stadträtin im Rathaus, ob es schon aktenkundige Vorfälle gebe, und ob zum Beispiel eine bessere Beleuchtung im Park denkbar sei. Zugleich fordert sie, dass die Polizei ihren Kontrolldruck verstärken solle. Eine offizielle Antwort steht für Anfang Februar aus.

Die Opern-Führung zeigt sich indessen vorerst zurückhaltend: Der Hausspitze und dem Personalrat seien bisher keine solcher beängstigenden Vorfälle aus dem Kreis der Mitarbeiter bekannt, heißt es. Angesichts der öffentlichen Diskussion seien die Abteilungsleiter und der Personalrat aber angefragt worden, ob sie nähere Erkenntnisse und Beispiele aus dem Kreis der Kollegen kennen. Opern-Intendant Ulf Schirmer betont, ihm sei offiziell nichts zur Anzeige gebracht worden. „Ich kann diese gefühlte Bedrohungslage zwar nachvollziehen, habe aber großes Vertrauen in die polizeilichen Kräfte, die Situation unter Kontrolle zu halten.“

Polizei kann das Problem nicht lösen

Die Polizei kennt die Lage tatsächlich zur Genüge. Die Parkanlagen und die Bus- und Bahnhaltestellen am Hauptbahnhof sind seit 27 Jahren immer wieder ein Kriminalitätsschwerpunkt. Mit verstärkter Präsenz und Kontrollen sei es lange Zeit gelungen, die Bereiche schnell zu entlasten, sagt der Leiter des Direktionsbüros, Andreas Loepki – „zugegeben um den Preis der örtlichen Verdrängung“. Parallel habe die Leipziger Polizei mit der Bundespolizei vor vielen Jahren die Gemeinsame Ermittlungsgruppe „Bahnhof-Zentrum“ gegründet.

Doch als sich ab Ende 2015 die Parkanlagen „leider wieder als Umschlagplätze für Betäubungsmittel etablieren konnten“ habe die Polizeipräsenz weniger Erfolg gehabt. „Wir vermuten“, so Lopeki, „dass der Leipziger Betäubungsmittelmarkt und die Größe des Konsumentenkreises für die Straßendealer und deren Hintermänner zu lukrativ sind, um regelmäßige Komplexkontrollen, Festnahmen einzelner Täter oder im Tagesrhythmus ausgehobene Betäubungsmitteldepots als Abschreckung zu begreifen.“

Loepki stellt zudem einen Zusammenhang zur Flüchtlingswelle her: „Dass sich die Szene der Straßendealer weit überwiegend aus Personen des Flüchtlingszustroms zusammensetzt, tritt nach unserer Wahrnehmung erschwerend hinzu, weil jene offenkundig leicht zu rekrutieren und im Falle der Festnahme leicht zu ersetzen sind.“ Die Polizei allein könne die greifbaren Probleme von Suchterkrankungen aber nicht lösen, betont der Sprecher.

Das sieht auch Sabine Heymann so: Natürlich habe das Drogenproblem nicht nur mit Flüchtlingen und Asylbewerbern zu tun. Ihr Ruf gelte auch nicht nur der Polizei. „Es geht auch um Prävention und den Schutz von Jugendlichen.“ Aber ihr gehe es ebenso darum, sagt Heymann, „den öffentlichen Raum für die Allgemeinheit zurückzugewinnen.“