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Die Angst des Untertanen

Mehr als 20 Stunden lang hat der ehemalige Infinus-Manager Jens Pardeike vor Gericht ausgesagt. Der Wahrheitssuche war das wenig dienlich.

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© dpa

Von Ulrich Wolf

Im Jahr 1918 war es, da erschien in Leipzig der Heinrich-Mann-Roman „Der Untertan“. In der Hauptrolle fungierte ein gewisser Diederich Heßling, ein Papierfabrikant, mit dem Mann einen bestimmten Menschentypus skizziert: obrigkeitshörig, konformistisch, zaudernd, ängstlich. Fast 100 Jahre später spielt Jens Pardeike, ehemaliger Vorstand und Aufsichtsrat in der Finanzgruppe Infinus, die Rolle Heßlings vor dem Landgericht Dresden überzeugend. Fast 20 Stunden lang.

Wie die anderen fünf Ex-Manager ist auch Pardeike angeklagt, den Infinus-Kunden ein tragfähiges Geschäftsmodell nur vorgegaukelt zu haben. In Wirklichkeit, argumentiert die Staatsanwaltschaft, habe es sich um ein Schneeballsystem gehandelt. Allein zwischen November 2011 und November 2013 sei bei rund 22 000 Anlegern ein „Mindestschaden in Höhe von 156 Millionen Euro“ entstanden. Fünf der sechs Beschuldigten sitzen deshalb seit nunmehr zwei Jahren in Untersuchungshaft.

Der 48-jährige Pardeike nicht. Er war nach drei Monaten auf freien Fuß gekommen, weil er den Ermittlern siebenmal Rede und Antwort gestanden hatte. Der Vorsitzende Richter der Großen Wirtschaftskammer, Hans Schlüter-Staats, nahm sich diese Vernehmungen vor und machte daraus einen Befragungsmarathon: Drei von bislang sechs Verhandlungstagen gingen dabei drauf.

Pardeike übte sich in beständigem Rückzug, wenn ihm der Richter Zitate aus den Vernehmungs-Protokollen vorhielt. „Das habe ich damals ein bisschen scharf formuliert“, sagt der gebürtige Freitaler dann. Oder: „Das war eine Floskel, die ich damals gesagt habe, ohne tieferen Sinn.“ Unentwegt versuchte Pardeike, einen Weg zu finden, der ihn womöglich straffrei ausgehen lässt, ohne dabei seine Ex-Kollegen allzu sehr zu belasten. Wenn das einmal geschah, dann musste meist Infinus-Gründer Jörg Biehl (54) dran glauben, denn „bei ihm liefen letztlich ja alle Fäden zusammen“. Pardeike sprach viel von „Gefühl“, von „wahrscheinlich“, von „teilweiser Wahrnehmung“. Meist „wurde“ etwas gemacht, ganz selten „hat“ er etwas gemacht. Auf viele Fragen antwortete er: „Da bin ich wirklich nicht der richtige Ansprechpartner“. Eingeständnisse, etwa zu möglichen Fehlern beim Ausbau gruppeninterner Geschäfte, klangen so: „Ich habe nicht mit der notwendigen Härte darauf gedrängt.“ Zum angeblich wertvollen Edelmetallbestand in der Bilanz 2012 räumte er lediglich ein: „In der großen Summe steckte sehr wenig Gold drin. Das hat mich erschreckt.“ Weitergemacht hat Pardeike trotzdem.

Sein Krönungssatz fiel, als der Richter ihn fragte, wer denn einem Leipziger Vermittler geantwortet habe, dem die Eigengeschäfte von Infinus spanisch vorkamen: „Ich kann mich nicht erinnern, wer die Antwort gegeben hätte, weil ich mich auch nicht mehr an alles erinnern kann.“

Eine Befragung durch die Verteidiger der anderen Beschuldigten lehnten Pardeikes Anwälte rigoros ab. Sie haben sich damit auf der Anklagebank isoliert. Wenigstens das ist eine Erkenntnis.

Der Prozess soll am Donnerstag fortgesetzt werden. Die Termine reichen bis in den Sommer nächsten Jahres hinein.