Merken

Die Angst vor Stephanies Peiniger bleibt

Dresden -Die Verhandlungen gegen den Peiniger der Schülerin Stephanie im Dresdner Landgericht verlangen der Strafkammer und allen Beteiligten einiges ab. Der Prozess bringt nicht nur Details des wochenlangen Martyriums der damals 13-Jährigen ans Licht.

Teilen
Folgen

Von Simona Block

Dresden -Die Verhandlungen gegen den Peiniger der Schülerin Stephanie im Dresdner Landgericht verlangen der Strafkammer und allen Beteiligten einiges ab. Der Prozess bringt nicht nur Details des wochenlangen Martyriums der damals 13-Jährigen ans Licht. Ermittlungsergebnisse und Zeugenaussagen fügen im Saal 0.84 auch das diffuse Bild eines Täters zusammen, der einerseits nett, andererseits gewalttätig und sexuell pervers ist. Ex-Freundinnen schilderten am Mittwoch positive Eigenschaften des intelligenten Einzelgängers ebenso wie Züge, die für strafbare Handlungen verantwortlich sind. Mario Mederake ist bereits wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und Vergewaltigung vorbestraft.

Der 36-Jährige, der Stephanie im Januar entführt, in seiner Wohnung gefangen gehalten, sexuell missbraucht und gequält hat, tat sich anfangs schwer mit seiner Rolle. So sprang er bei Verlesung der Anklage plötzlich auf und sorgte später mit einer Kletteraktion auf das Dach eines Hafthauses im Gefängnis 20 Stunden lang für Medienrummel um seine Person.

Zum Prozessauftakt hatte er ein umfassendes Geständnis abgelegt. Für Pflichtverteidiger Andreas Boine der Beweis für Kooperationsbereitschaft. Sein Mandant stehe angesichts des Medienrummels unter hohem emotionalem Druck.

Seit seiner Kletteraktion folgt Mario Mederake, an Händen und Füßen gefesselt, der Verhandlung konzentriert, macht sich Notizen, geht zur Betrachtung von Fotos und Dokumenten zur Richterbank. Meist hält er eine Hand vor sein Gesicht, um sich so vor den Blicken der Journalisten, Zuschauer und der Eltern von Stephanie zu schützen. Immer öfter lächelt er. „Seine Störung besteht darin, dass er in seiner eigenen Welt lebt, in die Fremde eindringen wollen“, wirbt Pflichtverteidiger Boine um Verständnis.

Das Leben des seit 1995 arbeitslosen Anlagenbauers und Vaters einer zwölfjährigen Tochter spielte sich in einer ungemütlichen, fast unmöblierten Zwei-Raum-Wohnung ab, die er mit zwei Hunden teilte. Fast ist der Gestank zu riechen, als Ermittler den Zustand der Zimmer beschreiben. Mario Mederake Störung zeigt sich in einer im einzigen Schrank gefundenen Tasche: Neben akribisch beschrifteten Papierpäckchen mit abrasierten Schamhaaren oder abgeschnittenen Locken früherer Freundinnen enthält sie auch von ihm verfasste Liebesgedichte und Briefe an sowie von Mädchen, Reizwäsche und Verlobungsringe.

Gründlich war der vorbestrafte Sexualtäter auch bei Stephanie, die er gefesselt und geknebelt in eine Holzkiste sperrte, wenn er zum Einkaufen ging. Die Präsentation der nur 94 Zentimeter langen Kiste und die Schilderung einer jungen Polizeikommissaranwärterin, die für die Rekonstruktion bei den Ermittlungen in eine Kopie klettern musste, gehören zu den beklemmendsten Momenten des Strafverfahrens.

Kritik gibt es zudem an der medialen Vermarktung des Falles Stephanie sowie einzelner Gutachten oder Akten im Vorfeld des Prozesses. Für Nebenklage-Anwalt Ulrich von Jeinsen ist es „totaler Unsinn“, dass er das Opfer vermarkten wolle. Er dränge nur auf die Betrachtung auch der Taten in den ersten drei Tagen nach der Entführung, die nicht auf dem Videomaterial dokumentiert seien, das Grundlage der Anklage sei. Deshalb sollte Stephanie vor Gericht aussagen, deren größte Angst es sei, dass Mario Mederake irgendwann wieder freikommt. „Sie will ihm nie mehr begegnen“, sagte ihre Psychologin Angelika Schroth aus Radolfzell am Bodensee. (dpa)