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Die Arbeit ist vielen zu mühsam

Alkoholiker, Armut, Ausländer: Tafel-Leiterin Ursula Gleisberg über Beobachtungen zur sozialen Entwicklung in Sachsen.

Ursula Gleisberg und ihre Kolleginnen versorgen an vier Vormittagen in der Woche Bedürftige mit Lebensmitteln. Wer wie viel bekommt, hängt vom Alter und der Größe des Haushalts ab. Besser werde die soziale Situation in Sachsen nicht, sagt Gleisberg. © Foto: Claudia Hübschmann

Meißen. Montagmorgen, 11 Uhr, am Meißner Kynastweg. Versteckt zwischen Einfamilienhäusern, fast am Ende der Buslinie B Richtung Korbitz, liegt das Gebäude der Meißner Kinder- und Familienhilfe. Zu DDR-Zeiten betrieb der Verein ein Kinderheim, 1995 wurde die Tafel nach Berliner Vorbild gegründet, die bis 2015 von Gerda Tempel geführt wurde.

Seit deren Ausscheiden leitet Ursula Gleisberg das Projekt mit insgesamt 40 Mitarbeitern und drei Außenstellen in Coswig, Lommatzsch und Nossen. Im Oktober 2018 wurde Gleisberg in Dresden mit der „Annen-Medaille“ für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet.

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Das Büro der 84-Jährigen liegt im Hinterraum des Warenlagers. Vorne packen Mitarbeiterinnen einer jungen Mutter gerade Pilze, Paprikas und Zwiebeln in blaue Körbe, die kleine Tochter beißt sichtlich glücklich in eine Milchschnitte. Eigentlich, so machte Gleisberg zuvor deutlich, stehe sie nicht gern in der Öffentlichkeit, der Bitte um ein Interview ist sie dennoch nachgekommen.

Was sofort auffällt, Frau Gleisberg, ist, dass hier quasi nur Rentner arbeiten. Wie kommt das zustande?

Als wir noch das Kinderheim hatten, waren wir mal 54 Mitglieder, die meisten Erzieher, die dann wieder in den Beruf einsteigen konnten. Dann waren wir irgendwann nur noch 20, viele sind in Rente gegangen oder weggezogen, das hatte eben mit dem Umbruch damals zu tun. Heute sind wir noch zwölf Personen im Verein , die fest zusammenhalten. Wir haben insgesamt sieben Ein-Euro-Jobber von 40 Mitarbeitern außerhalb des Vereins hier, aber sie müssen sich vorstellen: Zu den Zeiten, die wir offen haben, müssen andere Leute ja arbeiten. Es kommen schon in den Ferien immer mal wieder junge Leute, aber die müssen dann ja auch wieder zur Schule. Und bei vielen Arbeitslosen ist es so: Die kommen mal, probieren es bei uns aus, sagen aber dann: Nein, das ist nichts für mich.

Warum denn das?

Unsere Arbeit ist ihnen zu mühsam. Morgens aufstehen, bücken, schwere Kisten schleppen. Die sagen dann: Warum soll ich das denn machen? Mein Rücken schmerzt, ich bin krank, Sozialhilfe reicht mir doch zum Leben. Das zieht sich so durch die Generationen: Großeltern, Eltern, Kinder, Enkel, alles Hartz-4-Empfänger. Man hat sich damit gut eingerichtet, würde auch nicht viel mehr bekommen, wenn man arbeitet.

Sind das gleichzeitig auch die Leute, die bei Ihnen Lebensmittel holen, und wenn ja: Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die in diesem Stillstand gefangen sind?

Ja, das sind eigentlich dieselben Personen, aber natürlich nicht alle. Ich würde sagen, von denen, die zur Tafel kommen, sind das so ungefähr 30 Prozent, bei denen sich so eine Einstellung „weitervererbt“ hat.

Wie war die Arbeit bei der Tafel denn in den Anfangsjahren im Vergleich zu heute, und was für eine Klientel hat die Einrichtung aufgesucht?

Unsere Leute in der Region, die haben oft noch Jahrzehnte nach der Wende keine Arbeit mehr gekriegt, das ist nicht einfach. Wir haben damals Mitte der 90er-Jahre draußen auf der Ossietzkystraße angefangen, in einem ehemaligen Kindergarten. Das war auch gerade die Zeit, als die Betriebe alle zumachten. Keiner wusste, bleiben wir nun oder nicht? Viele waren auch schon gekündigt. Wir haben viele Ingenieure gehabt, hoch qualifizierte Leute, die nicht darüber hinweggekommen sind und angefangen haben, zu trinken. Trinker waren die ersten zwei Jahre unsere Klientel. Die haben die Lebensmittel geholt, sind rüber zum Konsum, haben sich Bier gekauft und die Tüten an der Bushaltestelle stehenlassen. Wir mussten natürlich alles wegschmeißen danach, das war ganz schlimm.

Und das hat sich geändert?

Ja, ganz deutlich. Wir hatten eine lange Zeit dann viele Leute, die schon über 50 waren und nirgendwo mehr eine Arbeit bekommen haben. Die haben sich anfangs sehr geschämt, dass sie zu uns kommen mussten, wurden aber oft selbst zu Helfern, weil sie so auch noch unter Leute gekommen sind.

Insgesamt beobachte ich mehr Tafelgänger als früher, aber das schwankt auch. Alleinerziehende Mütter sind zum Glück weniger geworden, die Hauptklientel sind heute ältere Menschen, die sehr wenig Rente bekommen. 2015/16 gab es dann noch mal große Veränderungen durch die ganzen Ausländer.

Das Thema Migration und Flüchtlinge ist ja heute noch politikbestimmend, und 2017 gab es auch Diskussionen um einen Ausschluss dieser Personen bei der Essener Tafel. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Wissen Sie, ich hab immer gesagt, so lange sich Leute anständig benehmen, behandeln wir jeden gleich. Es gab auch Forderungen, dass wir einen extra Tag für Ausländer machen, aber das kam für mich nicht infrage. Schließlich sind viele unserer Leute auch aus dem Krieg von Polen her geflüchtet.

Wir hatten jetzt aber auch nie wirkliche Probleme mit Ausländern hier, es war immer friedlich. Es sind auch deutlich weniger geworden, viele Familien sind woanders hingezogen, es hat sich verteilt.

Die Tafel ist ein nichtstaatliches Projekt, muss mit wenig Geld zurechtkommen, wie hält man da besonders im Alter durch?

Ohne das Team wäre ich als Leiterin nichts. In Meißen müssen wir zum Glück nach langen Schwierigkeiten mit der Stadt jedes Jahr zehn Monate keine Kaltmiete zahlen, alles andere finanzieren wir selbst. Ich würde die Tafel lieber heute als morgen schließen, aber solange es nötig ist, sind wir für die Leute da. Bis zum bitteren Ende.

Interview: Daniel Krüger.