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Die Autobahnfalle

Für Firmen und Kommunen an den Magistralen werden Staus zum Problem – sie behindern Arbeiten und Leben.

Von Udo Lemke

Das Datum passte: Freitag, der 13., und wieder ging nichts mehr in der Meißener Innenstadt. Der Grund: knapp 20 Kilometer südlich hatte es auf der Autobahn 4 einen schweren Verkehrsunfall mit einem Toten gegeben. Allerdings reicht auch ein liegen gebliebner Lkw, um das gleiche Ergebnis zu erzielen – kilometerlange Staus abseits der Autobahn.

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Ganz besonders darunter zu leiden haben die Gemeinden, die unmittelbar an den Trassen liegen, wie etwa Tanneberg, ein Ortsteil der Gemeinde Klipphausen. Dort wälzt sich die Fahrzeugkolonne von der A 4 nach jedem Stau entlang. Auf der Staatsstraße 36 schieben sich stundenlang Pkw und Lkw, Stoßstange an Stoßstange, durch den Ort. Wo an normalen Tagen meist nur einige Hundert Autos entlangfahren, sind es dann bis zu 25 000.

Für die Anwohner, darunter natürlich auch Schulkinder, ist es dann teils lebensgefährlich, über die Straße zu kommen, wie der Klipphausener Bauamtsleiter Dieter Schneider erklärt. Und Bürgermeister Gerold Mann (parteilos) beklagt, dass sich über teils aberwitzig schmale Straßen Schleichverkehr entwickelt, wobei die schweren Lkw die Bankette der Straßen zerfahren, weil diese einfach nicht für 40-Tonner ausgelegt sind.

Enorme Umsatzeinbußen

Bislang galt die Autobahnnähe für Firmen und Kommunen als Standortvorteil. Das scheint sich nun ins Gegenteil zu verkehren. Ein Beispiel ist die Spedition Unitrans Hauptvogel GmbH in Röhrsdorf, keine fünf Kilometer von der Autobahn 4 entfernt gelegen. „Das größte Problem an der Situation ist, dass wir nach Dresden nicht mehr in einer zweiten Welle ausliefern können“, erklärt Geschäftsführer Thomas Hauptvogel. Weil die Fahrer aufgrund des Dauerstaus verspätet zurückkommen, lohnt es sich nicht mehr, sie auf eine zweite Tour zu schicken. „Wir haben enorme Umsatzeinbußen, und die Personalkosten bleiben, obwohl wir nur die Hälfte ausfahren können. Außerdem haben wir durch die Verspätungen teils auch noch Überstundenzuschläge zu zahlen.“

Auch Mario Schellenberg, Betriebsleiter der im Gewerbegebiet Klipphausen ansässigen Firma Sächsische Haustechnik, klagt über die zunehmenden Staus auf der Autobahn. Der Großhandel für Haustechnik beliefert Fachhandwerk mit mehr als 25 000 lagermäßig geführten Artikeln, unter anderem für Dachtechnik und Heizung. „Wenn unsere Fahrzeuge im Stau stehen, dann schaffen sie es natürlich nicht rechtzeitig auf die Baustellen.“ Früher sei es üblich gewesen, dass die Handwerker schnell einmal raus nach Klipphausen gekommen seien, um ein fehlendes Teil einzukaufen. „Heute werden sie den Teufel tun. Sie warten bis zum nächsten Tag, bis wir das Teil vorbeibringen.“ Dadurch sei der Verkauf ab Lager am Stammsitz der Firma in Klipphausen nahezu zum Erliegen gekommen.

Als Ursachen für die vielen Staus sieht Mario Schellenberg, dass trotz Tempolimits und Überholverboten viele wie wahnsinnig auf der A 4 unterwegs seien. „Kein Wunder, dass es dort laufend kracht.“ Hinzu kommt ein generell stark erhöhtes Verkehrsaufkommen durch die bessere Anbindung der Autobahn an Polen, das Baltikum und die Ukraine.

Andreas Wilhelm aus Stauchitz, der mit Dünger und Saatgut für die Landwirtschaft handelt, weist auf einen anderen Aspekt hin. „Fast der gesamte Mineraldünger aus Polen und Tschechien wird heute per Lkw transportiert.“ Dazu Schüttgut wie Kies und Schotter, ebenso die Zuckerrüben. Bahnverladestationen wie einst in Mehltheuer gebe es nicht mehr. Hinzu komme die Zentralisierung der Produktion in großen Fabriken, was weite Transportwege nach sich ziehe. „Wenn wir dem Verkehrskollaps entgehen wollen, dann müssen wir wieder regionale Wirtschaftskreisläufe aufbauen.“ Und dann verweist er noch auf eine andere, hausgemachte Stauursache: „Die Unternehmen haben ihre gesamte Lagerhaltung auf die Autobahnen verlegt.“