merken

„Belastung der Schüler muss sinken“

Der neue Kultusminister Christian Piwarz verteidigt das Lehrerpaket – und erklärt seine Pläne für Sachsens Kitas.

© Matthias Rietschel

Von

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Smarter Leben mit diesen Technik-Trends 

Erfahren Sie als Erster von den neuesten Trends, Tipps und Produkten in der Technikwelt und lernen Sie Innovationen kennen, die Ihr Leben garantiert leichter machen.

Herr Minister, viele Oberschul- und Gymnasiallehrer sind vom Lehrerpaket enttäuscht. Was sagen Sie denen?

Man muss sich vor Augen führen, warum wir gezwungen waren, dieses umfangreiche Paket miteinander zu verhandeln. Es geht darum, dass wir zukünftig wieder mehr junge Leute für den Schuldienst in Sachsen gewinnen und dass wir diejenigen, die im System sind, auch dadurch entlasten, dass die Stelle, die der Kollege durch den Ruhestand freigemacht hat, nicht mehr unbesetzt bleibt. Darauf liegt das Hauptaugenmerk des Pakets. Wir denken aber auch an diejenigen, die das System getragen und erfolgreich gemacht haben und die mit viel Engagement jeden Tag zur Schule gehen.

Inwiefern?

Wir ermöglichen es für die Lehrer an weiterführenden Schulen zum ersten Mal, dass man ohne Funktion eine Aufstiegsmöglichkeit in die E 14 hat. 20 Prozent Beförderungsstellen sind ein sehr deutliches Signal. Wir verstetigen die Leistungsprämien mit neun Millionen Euro pro Jahr. Und wir versuchen, die Lehrkräfte an vielen Stellen zu entlasten. Ich hoffe, dass auch das bei den Lehrern, die wir jetzt haben und dringend brauchen, auf deren Engagement wir angewiesen sind, entsprechend ankommt. Gerade bei den Oberschullehrern will ich nur daran erinnern, dass wir schon vor einem Jahr die Bezahlung angepasst haben – von der E 11 in die E13. Sie profitieren also von dem Geld, das wir in die Hand nehmen.

Vielen Lehrern geht es um Wertschätzung und Anerkennung, aber auch um Entlastung und mehr Zeit für Unterricht. Ist das jetzt erledigt?

Man hat nie ein Thema im Bereich Bildung erledigt, es ist immer ein fortlaufender Prozess. Wir haben schon beim Schulgesetz miteinander diskutiert, welche Entlastungen wir bringen können. Natürlich haben wir über die Frage Klassenteiler geredet. Wir haben überlegt, wie wir Lehrern mehr Zeit mit den Kindern geben können – Stichwort Klassenleiterstunde. Wir haben aber immer gesagt, dass es entscheidend ist, ob wir genügend Lehrer haben. Im Moment ist das nicht der Fall. Bevor wir weiter über Entlastungen diskutieren, müssen wir erst das Kernproblem lösen: genügend Lehrer vor die Klassen bringen. Dann können alle weiteren Diskussionen folgen, dafür sind wir auch offen.

Wann könnte dieser Zeitpunkt erreicht sein?

Selbst wenn wir jetzt eine ganze Menge Geld in die Hand nehmen und viele Maßnahmen umsetzen, wird das nicht sofort zu einer absoluten Befriedung führen. Es kann nur ein Signal sein. Wir müssen jetzt eine Trendumkehr schaffen. Wir brauchen wieder mehr Bewerber. Das mittelfristige Ziel muss sein, die Einstellungsbedarfe wieder ausschließlich mit grundständig ausgebildeten Lehrern zu decken. Ich hoffe, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich bessere Zahlen haben.

Bis zum Lehrerpaket war es ein langer Weg. In diesem Prozess seit dem Herbst hat die CDU einige Grundwerte aufgegeben. Ist das schmerzlich?

Vor der Frage, ob wir die Verbeamtung einführen oder nicht, haben wir schon seit langer Zeit gestanden. Wir wussten, dass wir irgendwann eine Entscheidung treffen müssen. Was ich an meiner Partei und meiner Fraktion sehr schätze, ist, dass wir diesen Diskurs intensiv geführt und ihn trotzdem miteinander ausgehalten haben. Und dass wir uns zum Schluss ideologiefrei die Situation angeschaut und überlegt haben, welche Optionen wir haben. So wie es sich darstellt, werden wir im Moment an der Verbeamtung nicht vorbeikommen. Die Entscheidung war nötig, damit wir das Problem lösen.

Die CDU-Fraktion stand nicht nur der Verbeamtung sehr kritisch gegenüber. Im Lehrerpaket konnte dann auch die SPD wesentliche Positionen durchsetzen, etwa die Anerkennung der DDR-Abschlüsse. Ist der Preis zu hoch?

Ich sehe das nicht so. Wir haben uns gemeinsam auf ein Programm verständigt. Viele der Punkte darin waren schon in der Vereinbarung zwischen dem Finanzminister und mir enthalten. Es ist doch gut und richtig, dass wir in einer Demokratie und in einer Koalition miteinander um den Weg ringen und zum Schluss sagen, was sinnvoll ist. Diese Frage, wer was beigesteuert hat und wie viel Prozent von wem stammen, ist aus meiner Sicht misslich. Das kann man nicht messen. Im Programm ist SPD drin, selbstverständlich, aber da ist auch ganz viel davon drin, was wir in der Union bildungspolitisch für richtig halten und – das ist das Entscheidende –, was wir zum jetzigen Zeitpunkt für notwendig halten, um das Problem zu lösen.

Kritik gab es an Ihrem Vorschlag zur Kürzung der Stundentafel. Die Pläne gibt es seit April 2016, eigentlich sollte das schon zum aktuellen Schuljahr umgesetzt sein. Wie soll es nun klappen?

Das ist ein Thema, worüber sich eigentlich alle einig sind: Die Unterrichtsbelastung der sächsischen Schüler muss sinken, sie ist deutschlandweit Spitze und deutlich über den Standards der Kultusministerkonferenz. Dazu kommen Forderungen, was Schule alles noch leisten soll: Fächer wie gesunde Ernährung oder Programmieren in der Grundschule. Aber keiner sagt, wie man das einigermaßen sinnvoll in eine Stundentafel packt, und zwar so, dass die Kinder nicht überlastet werden. Wir haben nun das Ziel, zum 1. August 2019 die Unterrichtsbelastung zu senken. Wir schauen uns alle Fächer danach an, was nach den KMK-Standards geht und was nicht.

Mit Blick auf die Standards: Läuft es am Ende nicht doch darauf hinaus, dass Sie Musik, Kunst und Sport kürzen?

Nein, das ist nur eine Möglichkeit. Mein Haus ist jetzt angehalten, wie in einem Baukasten zu gucken, wo es noch Möglichkeiten gibt. Klar ist, wir wollen nicht an der Qualität sparen. Wir müssen schauen, wo es realistisch möglich ist, mit einem überarbeiteten Lehrplan die Stundentafel zu kürzen. Da können die Fächer immer noch ein Thema sein, aber das ist und war zu keiner Zeit eine Vorfestlegung.

Sie können sich auch vorstellen, eine Stunde Mathe oder Deutsch zu kürzen?

Ich möchte dem nicht vorgreifen, aber ich habe deutlich größere Schwierigkeiten, wenn es an die Kernfächer geht. Aus der Wirtschaft und von den Hochschulen wird uns immer wieder vorgehalten, dass wir im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich noch Nachholbedarf haben.

Nachdem das Lehrerpaket jetzt durch ist, folgt der Kita-Bereich. Sie wollen einen Dialogprozess starten. Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Wir wollen diejenigen fragen, die jeden Tag mit Kitas in Berührung kommen. Das sind die kommunalen und freien Träger, das sind die etwa 33 000 Erzieher, die wissen, wo sie Unterstützung oder Entlastung brauchen. Und wir wollen nach Möglichkeit auch die Eltern befragen, was sie sich vorstellen. Ich halte es für sinnvoll, die Akteure zu beteiligen. Auch wenn uns bis Juni wenig Zeit bleibt, um das Ergebnis in den kommenden Doppelhaushalt mit aufnehmen zu können.

Wie soll der Fragebogen aussehen?

Wir sind jetzt in der finalen Phase, den Fragebogen zu erarbeiten und deutlich zu machen, welche Optionen wir haben und was sich finanzieren lässt. Hat es Sinn, den Betreuungsschlüssel weiter abzusenken? Durch die Graswurzelinitiative wurde das Thema Vor- und Nachbereitungszeit nach vorn getragen. In anderen Ländern wird das beitragsfreie Vorschuljahr diskutiert. Wir reden immer wieder über die Frage des kostenlosen Mittagessens. Oder gezieltere Sprachausbildung in Schwerpunktkitas? Es wird zu jeder Option Informationen geben, etwa wie die Vor- und Nachteile aussehen.

Um wie viel Geld geht es? Der Bund will 3,5 Milliarden investieren. Das wären etwa 175 Millionen Euro für Sachsen.

Wir müssen warten, ob es tatsächlich so kommt. Die Regierung ist gerade erst im Amt. Für uns ist aber auch klar, dass wir Landesgeld dazulegen, um die Qualität entsprechend zu verbessern. Wie viel, steht noch nicht fest. Ab 2019 sollen die Maßnahmen umgesetzt werden.

Das Gespräch führte Andrea Schawe.