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Sachsens Geschichte begann viel früher als gedacht

Der Bergbau kam Jahrtausende zeitiger ins Erzgebirge, als bisher bekannt war. Sensationelle Entdeckungen bei Altenberg beweisen, es ging um Zinn für die Bronze. Und dieses Metall machte die ganze Region schon vor 4 000 Jahren reich, stark und mächtig.

© (c) Christian Juppe

Von Stephan Schön

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Es sind viele Höhenmeter. Raus aus dem Tal. Rauf in die rauen Berge. Viel Korn, etwas Dörrfleisch sind im Gepäck, Hacke und Schaufel. Dort wo sich heute die Rote Weißeritz bei Schellerhau entlangwindet, dort am Bach rastet die Gruppe. Es sind Bergleute. Es sind die ersten in Sachsen, die frühesten in Europa. Sie schürfen nach Zinn. Es ist ein lauer Sommer vor 4 036 Jahren. Wie immer im Sommer, wenn Eis und Schnee gewichen sind, bringen die Bergleute das Zinn ins Tal, das so wichtige Metall der Bronzezeit. Es macht die ganze Gegend reicher. Es macht die Stammesführer hier wichtiger als andere. Es macht den Handelsplatz im Elbtal attraktiv, Tausende Kilometer weit.

Einzigartige Fundstücke aus der Bronzezeit

Die Technologie der Bronzeherstellung beherrschen die alten Sachsen recht perfekt. Dieses Wissen stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum. Ihr großer Vorteil aber ist: Ein seltener und wichtiger Rohstoff liegt hier direkt vor Ort im Erzgebirge. Zinn. Es ist eine Rarität in der Bronzezeit. 90 Prozent Kupfer, zehn Prozent Zinn sind schließlich nötig.

Jahrtausende alte Spuren

„Wir haben hier erstmals einen bronzezeitlichen Bergbau nachgewiesen“, sagt Regina Smolnik, Sachsens Landesarchäologin. Bereits vor 4 000 Jahren wurde im Erzgebirge in der Nähe des heutigen Schellerhau Zinn abgebaut. Dort, wo die Rote Weißeritz fließt. Nirgendwo sonst in ganz Europa konnten Wissenschaftler bisher ältere Spuren von Bergbau finden. Selbst die bisher weltweit ältesten im Iran und in der Türkei fallen in etwa diese Zeit.

„Die Geschichte des Bergbaus in Sachsen begann eben nicht erst vor 500 Jahren, sie muss weitere 3 500 Jahre zurückgeschrieben werden“, sagt Smolnik im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung. Eine derartige Entdeckung ist sensationell. Sie ist eine der bedeutendsten der letzten 20 Jahre, wenn nicht gar die Entdeckung. „Denn damit muss auch die Geschichte Sachsens ein Stück weit neu geschrieben werden“, sagt die Landesarchäologin. Sachsen im Jahr 2 000 vor Christus: Es ist eine Zeit, in der sich erste Eliten bilden. Es sind jene, die wissen, wo die Rohstoffe liegen. Jene, die die Leute Sommer für Sommer in die Berge schicken. Lediglich dürftige Laubhütten bauen sie sich in den Bergen, keine Häuser, keine Dörfer. Es gibt deshalb auch keine Gräberfelder dort oben am Berg. Ihre Siedlungen, ihre festen Winterquartiere waren unten im Tal. Deshalb blieben die Spuren der frühen Bergleute bis heute verschollen, sagt die Landesarchäologin.

„Es müssen Tonnen von Zinn jedes Jahr gewesen sein“, sagt Johann Friedrich Tolksdorf, der diese Ausgrabung geleitet hat. „Das Erzgebirge war ein zentraler Lieferant für ganz Europa.“ Und die Sachsen, oder präziser, die, die damals hier lebten, bekamen dafür Gold und Bernstein; Felle, Honig und Tiere. Diese Region war ein attraktiver Handelspartner. „Das Erzgebirge war das Industriegebiet fürs Elbtal und die böhmische Ebene“, macht Tolksdorf einen Vergleich. Die Landesarchäologin ergänzt: „Das Erzgebirge war ein Katalysator für die Entwicklung der gesamten Region geworden.“ Es bildete die Voraussetzungen für den sprunghaften Aufstieg in der Bronzezeit. Die Bevölkerungszahl stieg rasant. Siedlungen wurden gegründet. Und das alles wegen ein paar Körnern Zinn im Sand.

Abprodukt der Verwitterung

Verwitterte Granitkuppen der Berge ließen in den Bächen und Flüssen sogenannte Graupen von Zinn zurück. Kleine, oft oxidierte Stückchen Zinnerz. Ähnlich wie beim Goldwaschen lassen sich diese Zinn-Graupen mittels Sieb und Wasser herausspülen. „Das lernt man in zwei Stunden“, sagt Tolksdorf. „Wir haben es natürlich selbst ausprobiert.“ Diese Ablagerungen von Sand und Zinn waren mehrere Meter hoch. Dort hindurch gruben sich die ersten Bergleute Sachsens.

Wiederentdeckt wurden die alten Gruben vom Flugzeug aus mit extrem präzisen Laserscannern. Durch die Baumkronen hindurch konnten so die Bodenstrukturen auf zwei Zentimeter genau in 3-D vermessen werden. Und dieser Boden sah halt irgendwie anders aus. Jedenfalls nicht ganz so natürlich. Tolksdorf und sein Team gingen los. Und sie wurden fündig. Erst waren da die Bergbauspuren des Mittelalters. Doch in etwa drei Metern Tiefe war immer noch nicht Schluss mit den Spuren vom Bergbau. Die Forscher, inzwischen waren mehrere Universitäten und auch das Geoforschungs-Zentrum Potsdam mit im Team, staunten Zentimeter für Zentimeter mehr. Jetzt wurde nötig, was die moderne Naturwissenschaft zu bieten hatte. Physik und Chemie. Geochemie und Geologie. Es ging um winzige Spuren von Holzkohle, Pollen, Sedimenten. Die Kohlenstoffdatierung begann und botanische Analysen. Das Ergebnis war letztlich sensationell: Wir schreiben das Jahr 2 021 vor Christus. Tannen wachsen bisher kaum im Erzgebirge. Die Hainbuche fehlt ganz. Es war ein ganz anderer Wald als im Mittelalter. Auch andere Gräser wuchsen vor 4 000 Jahren dort. Verkohlte Reste blieben erhalten. Winzige Spuren einer großen Vegetation. Doch die reichten.

Die Forscher glaubten zunächst an Zufall, an falsche Daten. Doch die Messungen an anderer Stelle zeigten das Jahr 2016 vor Christus. Archaeo Montan war am Ziel. Es ist das Forschungsprojekt, welches sich seit 2012 mit neuen wissenschaftlichen Methoden sich der Bergbaugeschichte des Landes widmet. Deren Chefin Christiane Hemker ist sich sicher, der Berg überrascht mit noch viel mehr. Sie wird daher mit ihrem Team weiter den frühen Bergleuten folgen. Wie jene damals wird sie heute mit ihren Wissenschaftlern immer im Sommer in die Berge ziehen. Gut versorgt aus dem Tal von den Kollegen dort in ihren Steinhäusern. Mit Daten, Hightech und Laborchemie.