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Die bittere Seite des Mindestlohns

Das Gesetz soll die Situation der Mitarbeiter verbessern. Doch mitunter tritt das genau das Gegenteil ein.

© Uwe Soeder

Jana Ulbrich

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Luisa hat einen Traumjob. Ihren Traumjob! Nichts anderes als Friseurin wollte sie werden. Immer schon. Und immer noch macht ihr die Arbeit Spaß. Die 27-Jährige ist offen und kreativ, sie hat Talent, kann gut beraten, sieht auf den ersten Blick, welche Farbe und welcher Schnitt einer Kundin steht. Aber Luisa – die in Wirklichkeit anders heißt – kann von ihrem Traumjob kaum noch leben. Sie konnte es bisher nicht, und sie wird es auch nicht können, wenn ihre Chefin ihr 8,50 Euro Mindestlohn zahlen muss.

Bisher hat Luisa nicht einmal sechs Euro pro Stunde verdient. Dafür aber war sie wenigstens für eine 30-Stunden-Woche in dem privat geführten Friseursalon angestellt. Sie hatte sich riesig gefreut, als der Mindestlohn beschlossene Sache war, erzählt sie. Sie hatte sich ausgerechnet, wie viel ihr jetzt mehr bleibt zum Leben – bis zu dem Tag, an dem die Chefin ihr eröffnet, dass sie sie jetzt nur noch für 25 Stunden pro Woche bezahlen könne. Luisa hat nichts vom ersehnten Mindestlohn. Überhaupt nichts. Sie wird auch weiterhin weniger als 850 Euro brutto verdienen.

Gewerkschaft sieht Tricksereien und Gesetzesverstöße

Wie der 27-Jährigen geht es vielen in dieser Branche – selbst bei guter Ausbildung und guten Referenzen. Stundenkürzungen sind gerade im Friseurhandwerk eine Möglichkeit, die gestiegenen Lohnkosten zu kompensieren. Das bestätigt auch Christa Hoffmann, die Vorstandsvorsitzende der Bautzener Friseurgenossenschaft „Figaro“. Es wird wohl auch hier einige der Mitarbeiterinnen treffen.

Bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sieht man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „Wir sehen da jetzt auch schon mehrfach Tricksereien und Gesetzesverstöße“, sagt Bezirksgeschäftsführer Frank Fischer. Es sei zwar rechtlich möglich, Mitarbeitern die Stunden zu kürzen, aber nur, wenn sie ihre Arbeit dann auch in der kürzeren Zeit schaffen. „Wir werden das jetzt sehr genau beobachten“, kündigt Fischer an und macht noch auf ein zweites Problem aufmerksam: Viele Arbeitgeber würden jetzt auch an freiwilligen Leistungen wie dem Weihnachts- oder Urlaubsgeld sparen und Zuschläge für Wochenend- oder Nachtarbeit kürzen. Auch das sei nicht in Ordnung.

Übergangsregelung im Friseurhandwerk

Christa Hoffmann von der Friseurgenossenschaft ist verantwortlich für 85 Mitarbeiter in 15 Salons in Bautzen und der Region. Bis August darf im Friseurhandwerk übergangsweise noch ein Stundenlohn von 7,50 Euro gezahlt werden. Die Lohnkosten sind im Friseurhandwerk ein großer Posten. Sie schlucken mehr als zwei Drittel des Umsatzes. Allein die Figaro-Genossenschaft muss jetzt monatlich rund 15 000 Euro mehr erwirtschaften.

„Das müssen wir erst mal schaffen“, sagt Christa Hoffmann. Im Frühjahr soll es eine Preisanpassung geben. „So moderat wie möglich“, sagt die Chefin. Sie weiß, dass nach jeder Preiserhöhung auch Kunden wegbleiben. Die Konkurrenz auf dem Friseurmarkt ist groß, und allein der Umsatz in den Salons wird über deren Zukunft entscheiden. Möglicherweise wird die Genossenschaft nicht alle 15 Salons in der Region halten können. Sie muss abwarten, wie sich das Geschäft weiter entwickelt. „Das Entscheidende ist doch jetzt, wie die Kunden reagieren“, sagt Christa Hoffmann und hofft, dass sie auch weiter wie bisher zum Friseur kommen. Die Genossenschaft ist ja für sie und viele ihrer Angestellten auch so etwas wie ein Lebenswerk. Das gibt man nicht so schnell auf.

Wer verdienen will, muss Umsatz bringen.

Aber die Mitarbeiter nicht nur in den Figaro-Salons spüren den Druck jetzt umso mehr. Wer verdienen will, muss Umsatz bringen. „Wir streiten uns inzwischen regelrecht um die Kunden“, erzählt Luisa, die in einem kleineren Betrieb angestellt ist. „Das ist doch kein gutes Klima mehr. Und wie sollen das denn die neuen, noch jüngeren Kolleginnen machen, die noch keinen Kundenstamm haben?“

Die junge Frau überlegt jetzt, wie es weitergehen kann für sie. Auf keinen Fall will sie zum Sozialamt gehen oder zum Jobcenter und um Hilfe bitten, sagt sie. Dann lieber noch einen Nebenjob suchen. Sie denkt jetzt sogar darüber nach, noch einmal umzuschulen. Dabei ist Friseurin doch ihr Traumjob.

Der DGB hat eine Telefonhotline für alle Betroffenen eingerichtet, die in ihrer Lohnabrechnung Fehler vermuten oder sich betrogen fühlen: Telefon 0391-4088003
(Mo.-Fr. 7-20 Uhr, Sa. 9-16 Uhr) zum Ortstarif.

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