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Die Briefe des Herrn Ano Nymus

Ein unbekannter Riesaer wollte Aufmerksamkeit. Das arme Papier.

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Von Ulrike Körber

Es begab sich zu der Zeit, als der Herr Ano Nymus sich an seinen Tisch setzte und einen Zettel nahm. Darauf schrieb er all die Dinge, die schlecht und verwerflich waren rund um seine Hütte und in seiner Sippe und in deren Sippen. Lange schrieb er. Mit Feuerworten füllte er Blatt um Blatt. Er schrieb vom großen Leiden des Volkes in der Krankenanstalt, von dubiosen Talertauschen im Verwaltungstempel, von geheimen Plänen der großen Tafelrunde, an dem die Geschicke der kleinen Ansiedlung Riesa gelenkt würden und allerlei anderem.

So lange schrieb er, dass schon der Abendwind den öligen Duft von Cargill durch die Gassen wehte, unter Schweiß und Groll schrieb er bis der weiße Rauch Feralpis die Morgensonne milderte. Und endlich ward er fertig, und er sah, dass es gut war. So dann rief er sein Weib und sandte sie ab mit der Schrift, dass seine Worte verkündet werden.

Und da ging sie und fand den Sendboten. „Sei gegrüßt, du holde Sä-Chsischez Eitung.“ Der Bote erschrak über diese Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. „Fürchte dich nicht“, sagte das Weib. „Du hast die Gnade des Herrn Ano Nymus in Riesa gefunden. Du wirst eine Nachricht empfangen.“

Doch der Bote war ein Ungläubiger. Skepsis und Misstrauen nagten an seinem Herzen. Was wolle der Schreiber? Will er über mich seine eigenen Schäflein ins Trockene schieben, Rache über meine Feder ausüben? Was treibt ihn, grübelte der Bote. Doch je mehr der Sendbote las, desto mehr leuchteten ihm die Worte des Herrn Ano Nymus. Soll er doch seine eigenen Pläne haben, so der Bote. Diese seine Sätze müssen verkündet werden! Und so geschah es. Immer wieder und über die Jahre wuchsen die Briefberge in der Hütte des Boten. Zu einem Herrn Ano Nymus kam ein zweiter, dritter, vierter. Die Stube bevölkerte sich. Allerlei kam so ans Tageslicht. Und es herrschte Wehklagen über die Nachrichten und Freude.

Bis zu einem Tag. Als zum Ano Nymus sich ein Schatten zugesellte. Aber dieser ertrug sein Schattendasein nicht und schwang sich selbst zum Schreiben auf. Doch ohne Kraft, sondern versteckt hinter preußischer Moralität schluderte er mit Versalien gespickt Selbstmitleid unter die Menschen. Was sagte Uli Hoeneß gleich zur Cause Klinsmann? „Hätte er geschwiegen, wäre er ein Philosoph geblieben.“ Wie wahr.