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Die doppelten Doppelgänger

Zwei junge Brüderpaare sind die auffälligsten Schachspieler bei der ersten Mannschafts-WM der Behinderten in Dresden.

© Ronald Bonß

Von Michaela Widder

Die kleine Anekdote hat sich längst rumgesprochen. In der Nacht vor der ersten Partie sollen die Jungs aufgewacht sein und sich gefragt haben: „Mist, was ist, wenn wir gewinnen? Müssen wir da die Nationalhymne singen?“ Sie sollen nachts noch die erste Strophe geübt haben.

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Bei einer Weltmeisterschaft waren Doc Huy (16) und Minh Tran (13) noch nie. Durch einen Aufruf im Internet hatten die Brüder von der ersten Mannschaftsweltmeisterschaft für Menschen mit Behinderungen erfahren und ihre Mutter überzeugt, sie zu melden.

Als „doppelte Doppelgänger“, wie sie sich selbst bezeichnen, sind sie mit ihren auffälligen Hüten bei der WM am Start und haben sich extra für die Premiere rote T-Shirts mit der Aufschrift anfertigen lassen. Zum Team gehört nämlich ein weiteres Brüderpaar: Lukas (15) und Linus (14) Kroll, die an Brett eins und zwei spielen. Kurioserweise haben sie ähnliche Einschränkungen, leiden an verschiedenen Formen von Autismus. „Beim Schach spielt das aber keine Rolle“, erklärt Doc Huy, der mit dem Asperger-Syndrom lebt.

Die beiden Söhne eines Vietnamesen und einer Halbspanierin wohnen in Neumünster, spielen dort in der Jugend-Landesliga. „So eine WM ist schon aufregend“, meint Minh Tran, der mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spaltung auf die Welt kam. Fast jede freie Minute verbringen die Jungs mit Schach. In der Pause analysieren sie ihre Partien.

Das eigens für die WM formierte Junioren-Team hat sich in Dresden auch das erste Mal überhaupt getroffen. „Wir haben vorher nur mal geschrieben, jetzt wohnen wir hier zusammen in einer Ferienwohnung. Das klappt gut“, meint Doc Huy.

Auch wenn das sportliche Ergebnis für die Junioren eine weniger wichtige Rolle als für die Erfahrenen am Brett spielt, haben sie ein klares Ziel: „Wir wollen auf keinen Fall Letzter werden“, meint Lukas Kroll. Die Chancen dafür stehen nach dem dritten Turniertag gut. Am Donnerstag haben sie das russische Juniorenteam mit 2,5:1,5 bezwungen. Klingt nach einer Überraschung. Allerdings waren die Russen nur als Duo angereist, was dem deutschen Quartett schon vor der Partie zwei Punkte einbrachte. Es reichte also ein Remis von Doc Huy Tran, um das direkte Duell gegen die Schach-Nation für sich zu entscheiden. Doch erst am Sonntag steht endgültig fest, ob die Deutschen die Sonderwertung für die Junioren auch gewinnen.

Insgesamt zehn Mannschaften sind bei der erstmals ausgetragenen WM am Start. Fast die Hälfte der Spieler sind gehörlos, wie Turnierdirektor Dirk Jordan erklärt. Eine Gebärdendolmetscherin ist immer mit dabei. „Der integrative Gedanke zählt. Und dass sich die Menschen durch Schachspielen ihrer Leistungsfähigkeit bewusst sind, ist ein wichtiger Aspekt“, meint Jordan.

In diesem Jahr ist die Teilnehmerzahl überschaubar, aber es ist auch erst der Anfang. Kürzlich entschied der Weltschachverband Fide, dass auch die nächsten beiden Auflagen des Events 2020 und 2022 in Dresden sein sollen. Vielleicht dann wieder mit den doppelten Doppelgängern.