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Die Dresdner Orgie war eine große Tat

Die Semperoper spielt nach über 40 Jahren wieder „Moses und Aron“. Erinnerungen an die Ostblock-Erstaufführung.

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© Sächsische Staatstheater Erwin Döring

Von Bernd Klempnow

Die Genossen hatten viele Fragen – und wurden mit den eigenen Waffen geschlagen. „Warum soll ein religiöses Stück, noch dazu ein biblisches Fragment, in der DDR aufgeführt werden“, fragten sie. „Warum brauchen wir im sozialistischen Kunstverständnis den doch auch international kaum beachteten Zwölftöner Arnold Schönberg?“

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Regisseur Harry Kupfer inszenierte gegen alle Widerstände in der DDR das biblische Fragment.
Regisseur Harry Kupfer inszenierte gegen alle Widerstände in der DDR das biblische Fragment. © Sächsische Staatstheater Erwin Döring

Harry Kupfer, Operndirektor der Dresdner Staatstheater mit wachsender Reputation, wusste, wie er die unvollendete Oper „Moses und Aron“ im Großen Haus durchsetzen konnte. Sein Trick und der seines Dramaturgen Eberhard Schmidt war zu erklären: Das Biblische, Moses führt das israelische Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft, sei nur die Rahmenhandlung. „Die Konzeption ließ durchscheinen, welche Verantwortung Staatslenker gegenüber ihrem Volk haben.“ Da wurden die Genossen gelassener! Das passte doch zur Politik des neuen Parteichefs Erich Honecker. Die Staatsoper konnte loslegen – und mit der Premiere im April 1975 einen international stark beachteten Erfolg erzielen.

Neue Ästhetik für zwölf Töne

Nach 43 Jahren kommt nun in Dresden wieder das Opernfragment von Schönberg heraus. Zur Eröffnung der Intendanz von Peter Theiler wird Calixto Bieito das Werk szenisch deuten. Alan Gilbert, langjährig Chef der New Yorker Philharmoniker, leitet die Staatskapelle. Und mit Sir John Tomlinson und Lance Ryan stehen Interpreten von Weltrang für die ungleichen Brüder Moses und Aron auf der Bühne. Am Sonnabend ist Premiere.

Wieder ist das Interesse groß. Ein Symposium wird die Produktion begleiten. Und das Historische Archiv öffnet in vorerst zwei Veranstaltungen seine Akten zur legendären Inszenierung.

„Wir werden versuchen, anhand von Dokumenten und Berichten jener Zeit zu rekonstruieren, warum ,Moses und Aron’ so ein Erfolg wurde“, sagt Katrin Böhnisch vom Archiv. Sechs Vorstellungen außerhalb des Abonnenten-Ringes waren damals geplant. Man meinte, dem Stammpublikum das Werk nicht zumuten zu können. Doch die Nachfrage war enorm. Es wurden 39 Vorstellungen. Letztlich wurde Moses unter anderem aufgrund von Lagerengpässen 1979 abgesetzt.

Katrin Böhnisch vom Archiv wird belegen, wie sich das ostdeutsche Theater beim westdeutschen Schott-Verlag um die Aufführung bemühte, die in der DDR zunächst suspekt war. Sie will aus der Konzeption zitieren. Sie hat Post zur Hand, wie sich ganze Brigaden um Einführungsvorträge bemühten. Sie kann an das DDR-Kunstministerium gesandte Dokumente vorlegen, in denen sich das Theater um die Akkreditierung von einflussreichen West-Journalisten bemühte. Der jetzige Aufwand mit den die Premiere begleitenden Angeboten macht Sinn. DDR- und Ostblock-Erstaufführung von „Moses und Aron“ kommt in der an Ur- und Erstaufführungen reichen Dresdner Musikhistorie besondere Bedeutung zu. Weil das Werk an sich eine Herausforderung ist und die damalige Dresdner Premiere so gelungen war.

„Moses und Aron“ ist ein Schlüsselwerk des Musiktheaters. 20 Jahre hatte sich Schönberg mit ihm beschäftigt. Er starb, von den Nationalsozialisten als entartet verfemt und als Jude ins amerikanische Exil vertrieben, 1951 darüber, als erst zwei der drei Akte fertig waren. Es basiert auf einer einzigen Zwölftonreihe und  steht wie keine zweite Oper für den Aufbruch ins Unbekannte und fürs Scheitern. Es ist ein stilistisch vielschichtiges Werk mit Sprechgesang, gewaltigen Chören und Klangbildern polyphoner Stimmführungen und abwechslungsreicher Instrumentation.

Doch das Urteil der Nazis wirkte lange nach. Schönberg wurde wenig gespielt. Auch in der DDR war er nicht gelitten, auch wenn er ab und zu in Konzerten – etwa der Staatskapelle – erklang. Die konzertante Uraufführung des „Moses“-Fragmentes erfolgte erst in den 1950er-Jahren in Hamburg, die szenische in Zürich. Zum 100. Geburtstag von Schönberg 1974 jedoch regten sich an der Dresdner Oper Kräfte, diesen unbekannten Musikdramatiker vorzustellen. Harry Kupfer, begeistert von der Hamburger „Moses“-Aufnahme, sammelte Verbündete, engagierte lange vorplanend ideale Darsteller wie den Tenor Reiner Goldberg als Aron. Und er hatte Glück. Mit Horst Seeger kam ein neuer, aufgeschlossener Intendant. Ein Jahr vor der Premiere begann der Opernchor mit der Einstudierung seines gewaltigen Parts. Kurz vor der Premiere soll ein Chorsänger zu Kupfer gesagt haben. „Erst jetzt glaube ich, dass es etwas wird.“ Ähnlich intensiv muss die Arbeit des Orchesters unter Siegfried Kurz gewesen sein.

Zum Erfolg trug aber vor allem bei, dass Kupfer eine neue Ästhetik entwickelte. Er macht aus dem abstrakten Ideendrama um die Frage nach Gott und dem Absoluten ein großes Menschheitsdrama. Szenische Vorgänge entwickelte er aus der Partitur heraus, sodass das Publikum sie begriff. Und er baute Brücken, fand suggestive Bilder, die ungewohnt waren, etwa den ekstatischen Tanz um das Goldene Kalb.

Halbstündiger Jubel, ganzseitige SZ

Die Ovationen zur Premiere dauerten eine halbe Stunde. Die Sächsische Zeitung feierte den Erfolg ganzseitig. Und der West-Berliner Kritiker und Schönberg-Biograf Hans Heinrich Stuckenschmidt verglich die „Moses“-Deutung von Dresden mit denen von Zürich, West-Berlin, London und Wien als „die überzeugendste und kongruenteste“, schrieb von „phänomenaler Sicherheit und Präzision“.

„Unsere Dokumente belegen“, sagt Katrin Böhnisch, „die Dresdner Sicht von 1975 erwies sich als Parade-Inszenierung. Sie stellte für das realistische Musiktheater die Weichen neu. Sie prägte entscheidend die Schönberg-Rezeption der DDR, indem sie den Komponisten quasi rehabilitierte.“ (dpa)

„Moses und Aron“ in der Semperoper am 29. 9. sowie 3., 6., 10. und 15. 10.; Kartentel. 0351 4911705, kostenlose Werkeinführungen jeweils 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller; Symposion zu „Moses und Aron“ am 3. 10., Semper Zwei, „Aktenzeichen ,Moses und Aron’“ im Historischen Archiv am 1. und 8. 10.; Kartentel. 0351 4911705