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Die dunkle Geschichte des BND

© Bundesarchiv

Seit gut zwei Jahren erforscht eine Historikerkommission die Anfänge des Geheimdienstes. Jetzt gibt es Zwischenergebnisse.

Von Jörg Blank

Es geht um Nazi-Seilschaften, mangelnde Sensibilität, politische Verbundenheit und Komplizenschaft. Um Kontinuitätslinien zur NS-Zeit. Und um den ersten Chef des deutschen Geheimdienstes, Reinhard Gehlen. Der frühere Wehrmachtsgeneral (1902 bis 1979) hatte 1946 unter US-Führung den deutschen Auslandsnachrichtendienst geschaffen. Bezeichnung: „Organisation Gehlen“. 1956 gründete die Regierung von Kanzler Konrad Adenauer (CDU) den BND. Gehlen leitete den Dienst bis 1968.

Seit Langem ist bekannt, dass in der „Org Gehlen“ zahlreiche Nazis untergekommen waren – zum Teil mit Billigung der Amerikaner. Doch mit den Forschungen der Historiker bekommt das unklare Bild aus Mythen und Vermutungen wissenschaftliche Schärfe. Zusammen mit elf Mitarbeitern werten die vier Professoren bis 2016 mindestens 54 000 Papierakten und fünf Millionen Seiten Mikrofilme aus alten BND-Beständen aus. Die Befunde, die Gerhard Sälter vorträgt, sind eindeutig. Der Kommissionsmitarbeiter berichtet von „ungeplantem Wildwuchs“ bei der Einstellung von Personal in den rasch wachsenden Dienst. Gehlen hatte die Anwerbung den Leitern der Außenstellen überlassen. Und die holten oft alte Kameraden aus ihrem direkten Umfeld in den Dienst. Praktisch jeder, der einen Freund in der Organisation besaß, sei aufgenommen worden. Die Rekrutierungspolitik sei in den ersten Jahren „auf eine Inkorporation der Trümmer der nationalsozialistischen Sicherheitsapparate ausgerichtet“ gewesen, urteilt Sälter.

Selbst nach 1953 habe für die Beurteilung des Verhaltens im „Dritten Reich“ die Garantie ehemaliger Kollegen ausgereicht, sagt Sälter. „Die Leitung des BND machte somit die im Nationalsozialismus entstandene Kameradschaft zur Grundlage ihrer Personalpolitik.“ Noch 1957 sei etwa ein führender und erheblich belasteter Nazi mit einem Empfehlungsschreiben eines Ex-Kameraden eingestellt worden, der in der Hitler-Zeit dessen Vorgesetzter war.

Der Historiker beschreibt ein Paralleluniversum, wenn er über die Zustände im damaligen BND-Hauptsitz Pullach bei München redet. Die Spitze des Dienstes habe „in fortbestehender Kameradschaft mit den Funktionseliten des Dritten Reichs“ und dank der dortigen geheimen Abgeschiedenheit ein autoritäres Staatskonzept gepflegt, „von dem aus die den gesellschaftlichen Wandel der Bundesrepublik mit deutlicher Skepsis betrachteten“.

Gehlen und die Führungsebene hätten sich unabhängig genug gefühlt, um diesem Wandel „gut abgeschottet gegen die öffentliche Meinung“ zu trotzen „und die (...) Sensibilisierung der Öffentlichkeit in Bezug auf nationalsozialistische Gewaltverbrechen souverän zu ignorieren“. Sälter ergänzt: „Ihr Problembewusstsein richtete sich seit 1956 eher darauf, die personellen Kontinuitäten zum Dritten Reich nach außen zu verschleiern, als sie einzudämmen.“ (dpa)