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Die Eis-Zauberer

Rasen raus, Eis rein – so einfach ist es beim Winter-Derby im Dresdner Dynamo-Stadion nicht.

© Osnapix/Duckwitz

Von Berthold Neumann

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Es könnte wieder eine solch markante Fuhre werden wie die zu Zeiten des Wiederaufbaus der Frauenkirche. Zehn Sattelschlepper rollen durch Dresden und künden vom bevorstehenden Winter-Derby im Eishockey – beladen mit 80 bis 100 Tonnen Material aus Reutte. In dem Tiroler Ort, unweit vom bayerischen Füssen, beschäftigt sich seit Jahren das Unternehmen Absorber System Technology (AST) mit Technik für Winterevents. Eine erste Visitenkarte haben die Österreicher schon in Sachsen hinterlassen. „Wir bauen seit Jahren die Eisbahn am Taschenberg-Hotel in Dresden“, sagt Hannes Schretter, der Deutschland-Verantwortliche der Firma.

Nach der WM-Eröffnung 2010 in der Fußball-Arena auf Schalke und den beiden Winter-Games in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in Nürnberg und Düsseldorf erlebt Dresden am 9. Januar 2016 die Premiere des Freiluft-Spektakels in der DEL 2. Eine spezielle Technik verwandelt die Fußball-Stadien in temporäre Eis-Arenen. Die Erfahrung aus diesen drei Events soll nun den Dresdnern und ihren Gästen beim Spiel der Dresdner Eislöwen gegen die Lausitzer Füchse zugutekommen.

„Eine solche Eisfläche für professionelles Eishockey verlangt das ganze handwerkliche Können“, sagt Schretter. Und er erklärt warum: „Die Spieler erwarten zu Recht die gleiche hohe Qualität beim Eis, wie sie es von den Hallen gewohnt sind. Idealerweise hartes und trockenes Eis.“

Im Dynamo-Stadion sollen allein 90 Kilometer Rohre verlegt werden, damit die 20 000 Liter Wasser zu Eis gefrieren können. „Wir legen das alles sehr eng. Je dichter die Verrohrung erfolgt, umso bessere Eis-Qualität wird erzielt“, erläutert der Österreicher. „Wir wollen auch Blasen im Eis vermeiden“. Spaß-Eisbahn ist eben nicht gleich Spielfeld. „Die für Eishockey typischen rasanten Beschleunigungsmanöver und abrupten Stopps auf den rasierklingenscharfen Hockeykufen verlangen eine besonders widerstandsfähige Eisfläche“, fügt Schretter hinzu.

Vor der Konstruktion haben die Ingenieure die enormen frei werdenden Kräfte gemessen. „Die Spieler können beim Bodycheck schon mit über 50 Kilometer pro Stunde gegen die Bande prallen“, sagt Schretter. Aber auch an Details muss gedacht werden: Zum Beispiel, wenn Spieler frustriert mit ihren Schlägern das Eis an einer Stelle besonders hart bearbeiten – auch dort darf nichts splittern.

Weltneuheit in Dresden

In Dresden soll unter anderem eine Weltneuheit dafür sorgen. „Wir bringen eine neu entwickelte Eispflege-Maschine des Typs Mammut mit, die hier erstmalig zum Einsatz kommen wird“, kündigt Schretter an. Der Clou sei eine Art Fontänen-Sprüheinrichtung, mit der das Wasser noch feiner und gleichmäßiger als bisher auf die Fläche aufgetragen werden kann. So entsteht das Eis in feinen Schichten: etwa ein Millimeter pro Stunde. Mit den 1 000 Litern Wasser Fassungsvermögen wiegt diese Maschine allein 5 600 Kilogramm.

Schon wegen dieses Gewichts brauche sich keiner zu sorgen, dass die frische Eisfläche bei kompletter Mannschaftsstärke an einer Stelle brechen könnte, sagt Schretter. „Die Grundplatte und das darauf aufgebrachte Eis trägt das. Wir haben das durchgerechnet. Dabei kalkulierten wir einen Spieler plus seiner Montur mit etwa 150 Kilogramm und dazu die Schiedsrichter und Linesman.“

Schretter schaut schon seit Tagen nicht nur den Wetterbericht für das heimatliche Tirol an, sondern beobachtet auch die Witterungsentwicklung in Dresden und im Elbtal. „Am liebsten wären uns so null bis minus zwei Grad. Das ist die ideale Temperatur für den Aufbau und die komplikationslose Vereisung“, sagt Schretter, dessen Firma bis zu 300 mobile Eisbahnen pro Saison errichtet. Der Wunsch ist das eine, die Wirklichkeit oft eine andere. Und so hoffen Schretter und seine Kollegen, dass ihnen ein Wärmeeinbruch, womöglich verbunden mit starkem Regen, erspart bleibt.

„Eine solche Situation hatten wir beim Winter-Game zwischen den Nürnberg Ice Tigers und den Berliner Eisbären in Nürnberg in der DEL zu bewältigen“, erinnert sich Schretter. „Das war eine riesige Herausforderung. Wir mussten teilweise die Tore aufmachen, damit das Wasser ablaufen konnte. Glücklicherweise beruhigte sich das bis zum Spieltag. Da war es nur feucht, sodass die Begegnung wie geplant ausgetragen werden konnte.“

Nur ein solches Szenario könnte im extremen Fall dafür sorgen, dass das Winter- Derby buchstäblich ins Wasser fällt. „Leichter Nieselregen oder Schneefall sind dagegen kein Problem“, erklärt Eislöwen-Geschäftsführer Volker Schnabel. Die komplette Veranstaltung, so Schnabel, soll 600 000 Euro kosten. Über den Preis der Eis-Anlage in Dresden schweigen sowohl der Dresdner als auch der Tiroler. Die reinen Produktionskosten für ein ähnliches Projekt in der österreichischen Stadt Klagenfurt sollen 150 000 Euro betragen haben.

Zur Eiserzeugung wird Wasser genutzt, für die Kälte soll Glykol zum Einsatz kommen. Laut Schretter die deutlich bessere Wahl gegenüber anderen Stoffen. „Ammoniak ist zu gefährlich. Wir verwenden es wegen des extrem hohen Drucks, der erforderlich ist, nicht.“ Minus sechs Grad Celsius sollte die ideale Oberflächentemperatur des Eises betragen.

Holiday on Ice auf Ozeanriesen

Den originellsten Arbeitsplatz hatten die Monteure auf hoher See. „Wir haben Eisbahnen auf den weltweit größten Kreuzfahrtschiffen der Royal Caribbean Cruiselines installiert“, erzählt Schretter. Auf den Luxuslinern gönnen sich die Schiffspassagiere unter tropischem Himmel Aufführungen der Eisshow Holiday on Ice. „Dort bot sich uns eine ganz besondere Notwendigkeit. Welches Material sollen wir nehmen, das nicht brennbar ist, aber gleichzeitig zum Eis passt“, sagt Schretter.

Und ein kleines Malheur, das die Pläne durcheinanderbrachte? Schretter druckst etwas verlegen. Ja, doch, das passiere mal. „Da bauten wir für die russische Botschaft in Berlin eine Eisbahn, und plötzlich gab es einen Wassereinbruch“, erinnert er sich. „Bei Minustemperaturen fror das Wasser blitzschnell, und eine bizarre Eislandschaft baute sich vor der Botschaft auf“, fügte er hinzu. Bloß gut, dass der Botschafter nicht ausrutschte. Das soll natürlich niemandem in Dresden passieren. Schretter ist sich sicher: „Hier läuft alles glatt.“