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„Die Elektromobilität hat einige Schwächen“

Verkehrswissenschaftler Udo Becker spricht über die Mobilität der Zukunft im Landkreis und fordert ein Umdenken.

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Herr Professor Becker, das Thema Elektromobilität ist derzeit omnipräsent. Auch im Landkreis entstehen Stromtankstellen und werden die
Rathäuser mit Elektromobilen ausgestattet. Ist das tatsächlich die Zukunft der Mobilität?

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Udo Becker ist Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden. Er ist 60 Jahre alt.
Udo Becker ist Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden. Er ist 60 Jahre alt. © TU Dresden

Nein, denn diese Konzentration auf die Elektromobilität ist falsch. Unsere Gesellschaft braucht vielfältige Mobilitätslösungen, nicht nur neue Motoren.

Was meinen Sie damit?

Mobilität ist immer auf Menschen bezogen. Das heißt, man muss herausfinden, wo Menschen nicht angemessen gut zu Zielen kommen – zur Arbeit, zum Arzt oder zur Apotheke, zum Einkaufen, zu Freizeiteinrichtungen und anderen Orten. Daraus ergeben sich dann die entscheidenden Probleme, die gelöst werden müssen. Andere Motoren lösen doch keine Mobilitätsprobleme für Menschen.

Welche Rolle spielt die Elektromobilität dabei?

Das ist ein Instrument von vielen. Elektroautos sind nicht gut oder schlecht, genauso wie Benziner nicht gut oder schlecht sind. Entscheidender ist die Frage, wofür die Fahrzeuge eingesetzt werden. Für die echten Sorgen auf dem Land, für die Mobilitätsprobleme, wo Menschen nicht mehr zum Arzt oder zur Apotheke oder zum Laden kommen, müssen wir weiter denken – etwa, indem die Gemeinden Einkaufsmöglichkeiten vor Ort oder Apotheken ermöglichen.

Das ist aber nicht in jedem Ort möglich.

Richtig – und muss doch versucht werden. Welches dieser Mobilitätsprobleme im Dorf löst denn ein Elektroauto besser? Elektroautos haben auch Schwächen, vor allem die teuren und schweren Batterien. Manchmal sind Elektroautos gut, wenn sie leicht und langsam sein können, etwa im Stadtverkehr. Prinzipiell braucht man im Verkehr eine Energieform, die viel Energie bei wenig Gewicht und wenig Platz bringt - und große, schnelle, teure Elektroautos sind da gerade falsch. Mich stört, dass nicht grundsätzlich über die Mobilität nachgedacht wird, es wird immer nur am Auto herumgedoktert: Benzin- oder Diesel-Motor raus, Elektromotor rein, und unsere Regierung glaubt, damit seien die Probleme auf dem flachen Land gelöst. Das ist einfach Quatsch.

Warum?

Weil die Abhängigkeit von Straßen und Straßenunterhalt bleibt. Da löse ich ein Problem – die E-Autos sind leiser und stoßen beim Fahren kein giftiges aus – und kaufe mir viele neue, etwa bei der Lebensdauer der Batterien, und die Platzprobleme in den Städten bleiben, und auf dem Land braucht weiter jeder ein teures Auto, und die Raumstruktur wird auch nicht besser. Elektroautos sind immer gut, wenn die Batterie leicht ist, also wenn das Auto leicht ist und die Wege kurz sind.

Welche Einsatzbereiche schlagen Sie vor?

Zum Beispiel für die Leute vom Pflegedienst, die jeden Tag ihre Hausbesuche machen: Da ist ein kleines, leichtes, platzsparendes Elektromobil toll. Die hohen Verkaufszahlen der Elektrofahrräder zeigen auch, dass die Elektromobilität bei leichten Fahrzeugen funktioniert. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gibt es aber auch viele Pendler nach Dresden, und die Familie will im Winter auch noch zum Skifahren in die Alpen und im Sommer an die Adria. Damit kommt ein Elektroauto nicht mehr infrage, höchstens als noch ein zusätzliches Auto.

Das heißt, das Elektroauto wird als Zweitwagen angeschafft?

Genau. Wir sehen das an den Zulassungsdaten und den Fahrzeugtypen: Die meisten Elektroautos, die unsere Regierung noch teuer bezuschusst, werden als Zweit- oder Drittwagen verkauft. Das widerspricht doch dem Sinn der Elektromobilität.

Welches Mobilitätskonzept schlagen Sie für ein eher ländliches Gebiet, wie den Landkreis, vor?

Man kann und soll vieles vor Ort tun – aber langfristig wird nur ein Gesamtkonzept helfen, das die Regionen abseits der Großstädte stärkt. Zurzeit gewinnen bei dem derzeitigen Spiel immer die Großstädte und die ländlichen Räume können nur verlieren. Was wir brauchen, ist mehr Mut und mehr Möglichkeiten und mehr Verantwortung und mehr Stolz für die Gemeinden auf dem Land. Die können dann selbst überlegen, wie sie ihr Dorf und das Abwasser und die Mobilität und die Schule organisieren. Und wenn dann noch die Preise im Verkehr ein bisschen weniger lügen würden, wenn es etwas kostenwahrer würde, dann fände die Globalisierung ein vernünftiges Maß. Und das hilft dem ländlichen Raum.

Wie meinen Sie das?

Wenn der Verkehr tatsächlich so teuer wird, dass die gesamten und ökologischen globalen Kosten ehrlich einberechnet werden, dann kostet der Flug nach Mallorca nicht mehr 29 Euro, sondern vielleicht 290 Euro. Die Lebensmittel können nicht mehr aus Chile importiert werden, weil es sich nicht mehr rechnet. Das heißt, wir würden zum Beispiel wieder mehr Bauernhöfe haben und damit mehr Kaufkraft im Dorf, und viel mehr Hotels und Pensionen und Gaststätten. Die Kleinen würden gegenüber den Großen gestärkt.

Was heißt das für die Mobilität der Zukunft?

Um den ländlichen Raum zu stärken, möchte ich seine Stärken wieder mehr in den Vordergrund stellen. Das heißt, dass Verkehr kostenwahrere Preise haben muss. Heute lehnen das viele aus Angst ab. Aber mehr Kostenwahrheit beim Verkehr führt zu neuen Lösungen, wie zu Homeoffice oder zu der Verlagerung der Arbeitsplätze aufs Land. Durch die Digitalisierung ist das möglich. Statt den Pirnaern die Reise nach Berlin schneller und günstiger zu machen, würde ich lieber mehr Jobs und Einkommen nach Pirna verlagern. Leider ist das schwer erklärbar, weil alle denken, die Verhältnisse kann man leider nicht ändern. Aber das ist Unfug: Die Verhältnisse ändern sich immer, ob wir wollen oder nicht – wir sollten sie aber im Interesse der Menschen verändern.

Wo würden Sie anfangen?

Ich sehe einen Mix aus Lösungen. Für den Nahbereich könnte die Lösung manchmal die E-Mobilität sein, aber ansonsten gilt: Näher, gemeinsamer, gesünder. Also viel mehr Fußgängermöglichkeiten und Radwegenetze, bessere Busse, und fürs Pendeln könnten Fahrgemeinschaften organisiert werden. Die Liste dafür hängt dann im Dorfladen und die gibt es auch im Internet. Und Lieferservice für viele, und Schulen und Läden in der Nähe, und und und ...

Warum denken Sie, dass sich das umsetzen lässt?

Weil die Probleme offensichtlich werden. Die Alternative wäre, die Dörfer abzuwickeln oder sehr, sehr teuren Verkehr zu organisieren.

Solche Konzepte spielen aber bei den Städten und Gemeinden derzeit keine Rolle. Woran liegt das?

Weil unsere Politik über Jahrzehnte gelernt hat, immer nur noch mehr Verkehr zu erzeugen, und für viele funktioniert das ja noch. Gegenüber Veränderungen gibt es verständlicherweise Ängste. Aber andere Beispiele, etwa in Nordrhein-Westfalen, zeigen, wie man solch einen Prozess anstoßen kann.

Was wird dort getan?

Dort gibt es etwa das „Zukunftsnetz Mobilität“. Das Land fördert und bildet aus und bezahlt und unterstützt Mobilitätsmanager für jede Gemeinde, und die setzen dann um, was ganz konkret dort hilft. Wer weiß denn am besten, welche Probleme es vor Ort konkret gibt? Das sind die Bürgermeister oder andere Entscheider in den Orten. Aber man muss den Leuten Freiräume und Macht und Geld und Vertrauen entgegenbringen. Das ist viel billiger als Milliarden für Autobahnen auszugeben – und dann gibt es vielleicht Kleinbusse zum Carsharing oder bessere Radewege oder die Schüler liefern Lebensmittel per Fahrrad zu den Nachbarn aus.

Heute sieht die Förderpolitik so aus, dass es die Subventionen auf
E-Autos gibt und es werden vielen Städten E-Autos für den Fuhrpark spendiert.

Finanziell ist das vor allem eine Umverteilung von allen Steuerzahlern zu den Autobauern und zu ein paar Nutzern für diese teuren Autos. Aber für die echten Mobilitätsprobleme müssen andere, vielfältige Lösungen gefunden werden. Wir wissen, dass wir 2030 weitestgehend ohne Benzin und Diesel auskommen müssen und dass Benzin und Diesel sehr teuer werden – also lasst uns für diesen Fall vorsorgen. Besser wäre es, wir würden allen Gemeinden vielleicht 100 Euro pro Einwohner und Jahr geben. Und der Gemeinderat hätte dann die Aufgabe, mit diesem Geld Lösungen für die Mobilität der Zukunft zu organisieren. Alles, was dieser Gemeinde dann hilft, wäre gut. Steuergeschenke an die Elektroautohersteller und Milliarden für Eisenbahntunnels helfen unseren Alltagswegen überhaupt nicht. Wir brauchen kleine, lokale Lösungen für die Mobilität der Menschen.

Das Interview führte Tobias Winzer.